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Sammler schenken Dresdner Völkerkundemuseum 43 wertvolle Teppiche

Sammler schenken Dresdner Völkerkundemuseum 43 wertvolle Teppiche

Man kann sich vieles vorstellen, nicht aber, dass diese Männer auf einem Fußboden knien und laut verzückt Ah! und Oh! rufen. Noch dazu ohne Vorwarnung. Dazu sind diese beiden Herren in viel zu feinem Zwirn gekleidet, viel zu kultiviert und - wäre das Wort in unserer heutigen Zeit nicht längst aus der Mode gekommen, dann müsste man sagen: Sie sind für diesen spontanen Kniefall viel zu distinguiert.

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Roland Steffan und Hans-Jörg Schwabl vor dem persischen Bilderteppich aus dem 19. Jahrhundert.

Quelle: A. Rieckmann

Noch weniger aber kann man sich vorstellen, dass diese beiden Herren, die druckreif bestes Hochdeutsch sprechen, das Wort angefressen auch nur jemals aussprechen würden. Nichts anderes aber geschieht gerade: Diese zwei Männer knien auf einem großen Teppich im Wohnzimmer, sie streicheln ihn, als würden sie ihn liebkosen. Und Roland Steffan redet davon, dass er geradezu angefressen war. Von diesem Teppich, einer persischen Arbeit aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts: "Diesen Bilderteppich wollte ich unbedingt haben, da war ich so sehr angefressen, den habe ich gesehen und konnte nicht mehr zurück. Ich musste sehr, sehr lange dafür sparen, aber das war er mir wert." Roland Steffan ist vieles: Erzieher, Ethnologe, Teppichexperte, ja und Sammler. Nur mit diesem Wissen sieht man auch die unmerkliche Freude in seinen Augen, wenn er von dem kleinen Bruder dieser geknüpften Arbeit spricht: "Er hängt in der Eremitage in St. Petersburg, aber nicht in so einem guten Zustand wie meiner."

Roland Steffan und Hans-Jörg Schwabl sammeln seit über 30 Jahren Teppiche: Nomadenteppiche, Hofteppiche, turkmenische, anatolische und persische Teppiche. Ihre Sammlung ist buchstäblich handverlesen. Jedes dieser Stücke ist von einer Strahlkraft, die geradezu ins Auge sticht. Ein Beispiel von vielen: Dieser Teppich aus Karabagh in Aserbaidschan. Seine Farben leuchten so prächtig und so satt und gleichzeitig so kontrastreich. Dieser rosenholzfarbene Fond, diese stilisierten Rosen im hellblauen und im violetten Feld, diese subtilen zartblauen Zickzackstreifen, die die einzelnen Ornamente auf raffinierte Weise miteinander verbinden. Es ist verblüffend, dass dieses Stück trotz dieser intensiven Farbkontraste eine bezaubernde Harmonie und Ruhe ausstrahlt. Was will uns dieser 100 Jahre alte Teppich aus reiner Schurwolle erzählen? Man müsste ihn so lesen können wie Roland Steffan, einstiger Direktor des Völkerkundemuseums in St. Gallen: "Schauen sie nur, sehen sie dort diese Unregelmäßigkeit, diesen Überraschungseffekt? Diese Stelle dort, sie ist mit Seide geknüpft statt mit Wolle. Diese Stelle glänzt anders. Sehen Sie das?" In der Tat, sie fühlt sich auch ganz anders an, viel feiner. Mit der Zeit kriege man ein Auge dafür, erklärt der Wahldresdner und auch, dass dieser Teppich für die Familie gearbeitet worden sei. "Solch ein Teppich ist ein echter Hingucker. Er unterscheidet sich sehr stark von den Teppichen, die für den Verkauf auf dem Basar, für den bloßen Unterhalt der Familie bestimmt sind."

Hans-Jörg Schwabl ergänzt weiter, dass diese Unregelmäßigkeiten versteckte Botschaften seien, so eine Art Geheimsprache also. Bei diesen Teppichen gehe es der Knüpferin darum, zu zeigen, dass sie eine Meisterin sei, eine Könnerin ihres Fachs. Und er erzählt so lebhaft, so überzeugend und gleichzeitig mit einem derartigen Schalk in den Augen, dass man geneigt ist, ihn anzuzweifeln. Aber Hans-Jörg Schwabl, der pensionierte Grundschullehrer, freut sich nur, wie ein kleiner Junge. Er ist einem Geheimnis auf die Spur gekommen, er kann die Zeichen und Symbole dieser Teppiche lesen wie eine Fibel. "Schauen Sie nur, dieser stilisierte Kamm dort ganz links in der Bordüre! Das ist die Botschaft einer jungen Frau. Wenn sie nämlich verheiratet ist, trägt sie das Haar nicht mehr offen, sondern nur noch einen Zopf oder zwei Flechten. Der Kamm ist ein Symbol dafür, dass man gern unter die Haube möchte."

Es ist faszinierend, sich diese gestapelten Teppiche in dieser kleinen Wohnung anzuschauen, es ist aber auch faszinierend und beglückend, sich mit diesen beiden Sammlern über ihre Teppichsammlung zu unterhalten. Man ist geneigt, sie zu bemitleiden, zu bedauern, dass sie sich jetzt von ihren textilen Schätzen trennen, dass diese Stunde die letzte ist mit ihren "Kindern". Beide aber strahlen solch eine innere Heiterkeit aus, als ob sie sich ohnehin wohler fühlen würden, zu schenken als beschenkt zu werden. "Es war schon immer unsere Absicht, die Teppiche zu verschenken, und jetzt ist einfach der richtige Zeitpunkt da. Jetzt, wo wir beide noch leben und sehen, wie sich Menschen darüber freuen", erklärt Hans-Jörg Schwabl und fügt noch den schönen Satz der Marschallin aus dem "Rosenkavalier" dazu: ",Leicht muss man sein, mit leichtem Herz und leichten Händen halten und nehmen, halten und lassen...' Und genauso sehen wir das beide."

Roland Steffan und Hans-Jörg Schwabl haben dem Völkerkundemuseum in Dresden 43 Teppiche vermacht, die schönsten und wertvollsten aus ihrer Sammlung. Die Stunde der Übergabe an die Wissenschaftler sei für sie ein großes Geschenk gewesen, fügt Roland Steffan hinzu: "Wir wissen unsere Kinder an einem guten Ort. Die Wissenschaftler, die sie jetzt in ihrer Obhut haben, gehen damit behutsam um. Wie sie sich ein um das andere Stück angeguckt haben, wie sie sich gefreut haben, das war für uns ein richtiges Fest. Diesen Moment - den werden wir nicht vergessen." Der gebürtige Breslauer sagt noch etwas: "So ist das mit den Kindern, sie sind einem nur anvertraut, sie gehören einem ja nicht. Man lebt und leidet mit ihnen, und auch schöne Dinge, die man sammelt, darf man nicht gierig krallen. Irgendwann ist der Abschied da." Wer die beiden jetzt besucht, wird natürlich nicht auf kahle Fußböden stoßen. Dort finden sich immer noch die Lieblingsteppiche der beiden. Hans-Jörg Schwabl schmunzelt etwas verlegen: "Ganz ohne Teppiche zu leben, das hat unser beider Herz nicht vermocht, dazu lieben wir sie zu sehr." Eines Tages werden auch diese textilen Kostbarkeiten dem Dresdner Völkerkundemuseum übergeben. Bis dahin aber werden diese beiden distinguierten Herren noch oft genug vor ihren Teppichen niederknien und staunend Ah! und Oh! ausrufen. So wie jetzt. Adina Rieckmann

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.11.2011

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