Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Sächsisches Theatertreffen kommt 2018 nach Dresden

Theater im Rausch Sächsisches Theatertreffen kommt 2018 nach Dresden

Es war für jeden Theaterfreund ein erklecklicher Bogen, den das 9. Sächsischen Theatertreffen von Mittwochmittag bis Montagmorgen am Deutsch-Sorbischen Volkstheater schlug. Er ging – rein geburtsmäßig – über 55 Kilometer von Kamenz gen Ost bis Horka und über 207 Jahre Abstand von Lessing zu Koch.

Rauschvariationen im vollen Bautzener Volkstheater: Heike Hennigs Inszenierung „Crystal – Variationen über Rausch“ vom Leipziger Theater der Jungen Welt siegte beim Sächsischen Theatertreffen.

Quelle: Matthias Rümmler

Bautzen. Es war für jeden Theaterfreund ein erklecklicher Bogen, den das 9. Sächsischen Theatertreffen von Mittwochmittag bis Montagmorgen am Deutsch-Sorbischen Volkstheater schlug. Er ging – rein geburtsmäßig – über 55 Kilometer von Kamenz gen Ost bis Horka und über 207 Jahre Abstand von Lessing zu Koch. Beide studierten in Leipzig und waren vor höheren Weihen erst einmal als Journalist tätig. Der eine traf dabei Voltaire, der andere die Stimme der DDR. Auch Weltanschauung und Ideale interessieren beide.

Chronologisch allerdings umgekehrt, denn „Nathan der Weise“ – dargeboten in der locker-fluffigen Dresdner Inszenierung von Wolfgang Engel und geprägt von zwei glänzend aufgelegten Hauptdarstellern (Matthias Reichwald als Sultan und Philipp Lux als Nathan) war als sonntäglicher Schlusspunkt gesetzt, während Jurij Kochs „Mein vermessenes Land“ in Regie von Bautzens Intendant Lutz Hillmann den Startschuss bot und dabei die wassermännlichen Sorben um den einfühlsamen Kotjatko (Mirko Brankatschk) nur vermeintlich gegen die Landvermesser des Fortschritts um den dominanten Türenmann (Marian Bulang), die neue Tagebautrassen zum vermeintlichen Wohle aller abstecken, gewinnen lässt. Zwei Stücke als Rahmen also, welche nicht nur ob der aktuellen Brisanz, sondern auch wegen ihrer Theatergeschichte Beachtung verdienen.

Solcherart zogen auch andere Bekannte wie Fallada oder Molière in ernste wie heitere Banne, andere prägten gar leibhaftig oder gedanklich das Geschehen vor Ort. So die erfolgreichen Gegenwartsdramatiker Lutz Hübner (als Juror), Christoph Klimke (als gegenwärtiger Autor für Zittau) und Oliver Bukowski (als künftiger für Senftenberg und Bautzen). Dazu eine seltene Intendantenparade, bei der nur das Staatsschauspiel (aus verständlichen Gründen) fehlte, die dafür aber von Rolf Stiska aus Halle und Holger Schultze aus Bautzens Partnerstadt Heidelberg ergänzt ward.

Kontaktbörse und Leistungsschau

Sie alle erlebten ein perfekt organisiertes Festival, welches im Spagat von Publikumsinteresse und Fachprogramm bislang am weitesten und mit 3 800 Zuschauer in den 17 kartenpflichtigen Vorstellungen auf eine satte Auslastung von 90 Prozent kam. Im Mittelpunkt des Interesses: der Wettbewerb, der nach der Neuausrichtung als Biennale (statt Thema) zum zweiten Mal stattfand, bei dem der innere Konsens besteht, dass die beiden großen Ensemble aus Dresden und Leipzig in einer anderen Liga spielen, wobei Volker Schmidts Uraufführung „Eigentlich schön“ in Regie von Bruno Cathomas nur durch Spiel und Technikraffinesse, nicht per Text oder gar Handlung überzeugt. Das permanente Wortstakkato, welches die Unzulänglichkeiten digitaler Kommunikation anprangern soll und mit permanenter (auch körperlicher) Selbstliebe langweilt, endet aufgrund drei echter Begegnungen im trivialen Beziehungsfiasko und giert nach stilgemäßer Beschreibung in Ausrufen wie „Empathiefrei!“, „Sexualisiert!“ und „Unausgegoren!“. Die Studierenden können dabei durchaus überzeugen und sind garantiert alle bald unter Vertrag – so wie Loris Kubeng ab Herbst am Staatsschauspiel.

Für das optimale Programmschema arbeiten Theater und Organisatoren bei der Stückauswahl Hand in Hand, so dass jeder alles sehen kann, wobei die kleineren Produktionen doppelt liefen. So spielten die Landesbühnen ihre anrührende Geschichte „Ein Winter unterm Tisch“ zweimal oben auf dem Burgtheater, das Theater Junge Generation zeigte die Zwillingsgeschichte „Leon und Leonie“ hingegen unten im großen Haus.

Chemnitz zeigte, dass Schauspieldirektor Carsten Knödler auch Komödien kann und brachte mit Philipp Otto den „Menschenfeind“ schlechthin in Stellung, wobei die Angebetete Katka Kurze als Célimène ebenso überzeugt, welche wie Dirk Glodde ab nächste Spielzeit zum Ensemble gehören wird. Gäbe es einen Preis fürs gigantischste Bühnenbild, hätte – um den Ex-Dresdner Personalreigen fortzusetzen – Frank Hänig sehr gute Karten, der den durchtrieben gereimten Schwank um Gesinnungsethik auf einer eindrucksvollen Yacht ansiedelt.

Plauen-Zwickau punktete mit Mut: Till Weinheimer inszeniert „Jeder stirbt für sich allein“ nach dem letztem Roman von Hans Fallada in großer Ruhe und eigenem Licht- und Klangkonzept, macht sich aber kurz vor der Pause durch zu viel Nazigesaufe und -gegröhle (unter anderem ein so genanntes Sachsenlied) einiges kaputt.

Einhellige Entscheidung

Trotz dieser Ausgangslage hatte es die Jury – mit Andrea Czesienski, Lektorin beim Theaterverlag Henschel, Lutz Hübner, erfolgreichster deutscher Gegenwartsautor und Harald Müller, Verlagsleiter der Ostberliner Fachzeitschrift Theater der Zeit, kompetent wie prominent besetzt und wie in Leipzig 2014 bei der Vergabe frei in Modus und Auswahl – recht einfach. Denn die Verkündung um 22:22 Uhr am Sonntagabend traf – fast ohne Zweifel unter dem Fachpublikum und laut Lutz Hübner „brutalst darwinistisch“ – die Richtigen: Das Leipziger Theater der Jungen Welt gewann mit der so dynamisch wie fesselnden Performance „Crystal – Variationen über Rausch“ in Idee und Regie von Heike Hennig mit drei Leipziger Schauspielern und drei freien Berliner Tänzern. Zweimal im großen Haus ausverkauft, zweimal junges, tobendes Publikum – auch der gemeine Zuschauer hätte so entschieden. Den Preis, eine weiße Porzellanmaske plus 5000 Euro, übergab der Chef des Landesverbandes Sachsen im Deutschen Bühnenverein, der Chemnitzer Generalintendant Christoph Dittrich, an Intendanten Jürgen Zielinski. Der nahm ihn im arteigenen Selbstbewusstsein entgegen – nicht ohne auf seinen Etat (3,6 Millionen) zu verweisen.

Noch lauter als für Zielinskis Trio geriet danach der Beifall für Cheforganisatorin Karoline Wernicke, ebenso omnipräsent wie die drei Jury-Mitglieder und Intendant Lutz Hillmann. Der übergab zum Abschluss den Staffelstab fürs zehnte Theatertreffen 2018 nach Dresden – ausdrücklich ans nagelneue Kulturkraftwerk in Dresden-Mitte und wohlwissend, dass sein Haus dafür hohe Maßstäbe setzte. Erstaunlich nur, wie viele regionale Kultur(raum)manager, deren Politiker, aber auch Fachjournalisten oder die Lokalpresse dieses perfekte Bautzner Treffen als Angebot für spannende Begegnungen und verbindlich-belastbaren Austausch ausließen.

Netzinfos: saechsisches-theatertreffen.de

Von Andreas Herrmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr