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Sächsische Staatstheater in Gründung - Verbindung von Semperoper und Schaupiel in Dresden

Sächsische Staatstheater in Gründung - Verbindung von Semperoper und Schaupiel in Dresden

In der Semperoper sowie im Schauspielhaus gibt es am heutigen Vormittag kurzfristig anberaumte Vollversammlungen. Das Personal beider Häuser soll darüber informiert werden, welche gravierenden Strukturveränderungen möglicherweise schon bald bevorstehen.

Die Verwaltungsräte von Oper und Schauspiel haben am vergangenen Donnerstag getagt und in Absprache mit den Theaterleitungen für ein wesentlich engeres Zusammenwirken plädiert (DNN vom 18.2.).

Unisono dürften Wilfried Schulz, der Intendant des Staatsschauspiels, und Wolfgang Rothe, Kaufmännischer Geschäftsführer der Sächsischen Staatsoper (Intendantin Ulrike Hessler lässt sich aus Krankheitsgründen vertreten), heute verkünden, dass ab 2013 beide Einrichtungen unter dem gemeinsamen Dach als Sächsische Staatstheater firmieren sollen.

Weitreichende Neuerung

Wilfried Schulz umriss gestern gegenüber DNN, dass "dieser Prozess für beide Häuser enorme Planungssicherheit" bedeuten würde und von ihm "absolut positiv" gesehen wird. Zustimmung auch von Wolfgang Rothe: "Wenn aus zwei bestehenden Staatsbetrieben künftig ein Staatsbetrieb wird, sind beide Häuser für die weitere Zukunft so gewappnet, dass sowohl ihre Wettbewerbsfähigkeit als auch ihre regionale und internationale Strahlkraft bewahrt und ausgebaut werden."

Dass ein Stichwort wie Wettbewerbsfähigkeit eher in Sport oder Wirtschaft von Bedeutung sei, lassen die beiden Gesprächspartner nicht gelten: "In der positiven Konkurrenz der deutschsprachigen Theaterlandschaft können wir nur bestehen", so Intendant Schulz, "wenn wir die wichtigen künstlerischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen packend und auf hohem Qualitätsniveau thematisieren". Selbst innerhalb der Stadt sei das spürbar: "Wenn es dem TJG und dem Festspielhaus Hellerau gut geht, dann geht es auch uns gut." Man partizipiere schließlich gemeinsam von den beim Publikum geweckten Interessen und Ansprüchen.

Für Rothe geht der Wettbewerb schon bei den Arbeitsbedingungen los: "Unsere Probenbedingungen sind von der Anzahl und der Ausgestaltung her auf einem schon lange nicht mehr zu vertretenden Stand. Also nicht wettbewerbsfähig. Wenn ich das mit der Situation von Stuttgart oder München vergleiche, kann ich nur neidisch werden." Die Württembergischen Staatstheater Stuttgart haben 2010 ein neues Probenzentrum in Betrieb genommen, das drei Probebühnen sowie eine neue Spielstätte beinhaltet. In Dresden müssen die Theater- und Opernleute an verschiedenen Ort proben.

Mehr Effizienz

Sollte es, wie derzeit geplant, ab 1. Januar 2013 zum Zusammenschluss der Sächsischen Staatstheater kommen, würde sich auch an diesem Dilemma etwas ändern lassen. Schulz und Rothe haben die Vision von einem gemeinsamen Probenzentrum im Bereich der heutigen Werkstätten. Das sei für beide Häuser optimal gelegen und würde eine Menge unnützer Wege ersparen, sind sie sich einig. Der künftige Staatsbetrieb könne und müsse aber noch mehr Synergieeffekte bringen: Der logistische Aufwand zum Transport von Dekorationen sei momentan kaum mehr ökonomisch zu vertreten. Mehr als ein Dutzend über die ganze Stadt verteilte Lagerräume werden von beiden Häusern genutzt, Wolfgang Rothe weiß von Extremen, wo bis zu zwei Stunden Fahrtweg zwischen Lager und Bühne zurückzulegen sind. Ein gemeinsames Logistikzentrum neben dem schon bestehenden Werkstattverbund würde da Abhilfe schaffen. Weniger Transporte bedeuten auch geringere Kosten.

Als drittes Novum neben Proben- und Logistikzentrum solle die allgemeine Verwaltung beider Häuser zusammengelegt werden. Dazu gehören unter anderem Personalabteilungen, Finanzbuchhaltungen, IT-Bereiche und Kartenvertrieb.

Dass Zusammenlegung oft ein Synonym für Personalabbau sei, verneinen beide Gesprächspartner. "Solche Spareffekte sind minimal, deswegen machen wir das nicht", sagt Wilfried Schulz. Sondern? "Eine Verschlankung bedeutet, dass das Geld ökonomischer eingesetzt werden kann. Personalabbau ist wirklich nicht beabsichtigt." Was freilich nichts am ohnehin bestehenden Stellenkürzungsplan ändert: "Fünf Stellen müssen so und so reduziert werden."

Künstlerische Autonomie

Die Zusammenlegung von Technik, Verwaltung und Werkstatt soll jedoch die künstlerische Autonomie nicht antasten, wird zu beiden Seiten des Zwingers versichert. Auch unter dem Dach der Sächsischen Staatstheater werde in jedem Haus ein Intendant oder eine Intendantin agieren, die Position des Generalintendanten sei definitiv nicht vorgesehen. Ergänzt werde die künftige Doppelspitze von einem Kaufmännischen Geschäftsführer, dem Vernehmen nach wird dies Wolfgang Rothe sein. Der äußert Realitätssinn in Sachen Zukunft: "Der Hintergrund ist doch, dass wir alle um den künftigen finanziellen Druck hier im Freistaat wissen. Ein Viertel des Staatshaushaltes wird in absehbarer Zeit fehlen. Insofern gestalten wir jetzt aktiv unsere Zukunft mit!"

Die Eigenheiten beider Häuser zu wahren ist für Wilfried Schulz ein wichtiges Thema. Er zeigt sich überzeugt davon, dass im Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) eine "Hochachtung vor der Geschichte der Häuser und unserer gegenwärtigen künstlerischen Leistung" herrsche. Daher geht er auch unbedingt davon aus, sich hinsichtlich des Budgets auf einen Status quo berufen zu können und die Tarifsteigerungen nicht selbst tragen zu müssen. "Das ist eine Grundvoraussetzung für die Kontinuität und Qualität unserer Arbeit."

Erheblicher Investitionsbedarf

Zur beabsichtigten Kräftigung beider Häuser unterm gemeinsamen Dach der Zukunft gehört jedoch erst einmal erheblicher Investitionsbedarf. Ebenso wie Schulz, der sich auf Zusagen durch das SMWK beruft, ist sich auch Wolf-gang Rothe sicher, dass sich das Land als Träger in der Pflicht dazu sieht. "Der Freistaat schätzt die hohe künstlerische Qualität unserer Häuser und er will, dass die erhalten bleibt. Aus Leuchttürmen sollen keine Steinbrüche werden. Natürlich müssen wir unseren Anteil leisten, aber wir erwarten auch was!"

Gemeint sind die nicht unerheblichen Aufwendungen für die Infrastruktur von Projekten wie Probebühnen und Logistikzentrum. Ein heute noch nicht bezifferbarer Millionenbedarf, der dem SMWK zufolge bereits in die Diskussionen für den sächsischen Doppelhaushalt 2013/14 mit eingeht. Ein Sprecher des Hauses gab sich gestern überzeugt davon, wenn die Spitze des Hauses hinter dieser Idee stehe, dann würden auch Wege zu deren Umsetzung gefunden. Schließlich sei klar, dass erst einmal Geld in die Hand genommen werden müsse, wenn langfristig effizient gespart werden soll. Und die Spitze des Hauses stehe zu dieser Idee.

Damit kann nur Staatsministerin Sabine von Schorlemer gemeint sein, die erst am Mittwoch wieder erreichbar ist. Wolfgang Rothe zufolge habe sie aber mit dem künftigen Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Christian Thielemann persönlich über die strukturellen Änderungen gesprochen. Im Gegensatz zum Einsparten-Theater Staatsschauspiel sind in der Semperoper ja Oper, Ballett und Orchester zu bündeln - doch Rothe versichert nochmal, dass die Kunst nicht tangiert werde. "Wir werden lediglich Bereiche nichtkünstlerischer Art zusammenführen."

Thomas Früh als Abteilungsleiter im SMWK bestätigt auf DNN-Anfrage, dass es "weder Personalabbau noch Quersubventionierung zu Lasten eines Partners geben wird", derzeit aber schon Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen laufen und letztlich der Landtag entscheide. "Für uns ist wesentlich," so Früh, "dass der Besucher von den Änderungen kaum etwas merkt. Nach außen werden die Marken wie gehabt fortgeführt."

Also bleiben Logos und sonstige Öffentlichkeitsarbeiten erhalten. Auch die PR-Abteilungen behielten ihre Autonomie, so Geschäftsführer Rothe, nachdenkenswert seien freilich engere Kooperationen im Besuchermanagement. "Warum sollen da nicht Pakete geschnürt werden, um Schauspiel, Ballett, Oper und Konzert noch besser zu vermarkten?"

Die heutigen Personalversammlungen dürften in dieser Phase sehr wichtig sein, um mögliche Bedenken der Belegschaft nicht nur zu zerstreuen, sondern um sie anzuhören und auch den Mitarbeitern ein Forum zu geben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.02.2012

Michael Ernst

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