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Sachsentage in Europas Kulturhauptstadt

In Wrocław Sachsentage in Europas Kulturhauptstadt

Musik und Literatur waren unter anderem die Themenfelder, auf denen Sachsens Kulturstreiter im polnischen Wrocław Eindruck hinterließen. Das Philharmonische Kammerorchester Dresden hielt zum Beispiel ein polnisch-deutsches Programm bereit. Während die Sachsen-Tage sich dort dem Ende neigen, steht am Sonnabend in Europas Kulturhauptstadt schon ein neuer Höhepunkt an: ein großes Flussspektakel.

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Die Synagoge in Wrocław als verbindender Konzertort für ein spannendes Konzert des Philharmonischen Kammerorchesters Dresden. Konzertmeister Wolfgang Hentrich suchte eigens sächsisch-polnische Werke von Volkmann bis Kilar aus.

Quelle: Andreas Herrmann

Wrocław. Schöne neue Freundschaftswelt: Polnisches Nachrichtenfernsehen, stumm in Schleifen im Frühstücksraum laufend, zeigt minutenlang eine deutsche Pontonbrücke über die Weichsel, über die amerikanische und britische Panzer gen Osten rollen, schön an den vielen Flaggen zu erkennen, wobei polnische fehlen. Weil die Soldaten ihre Arbeit per Smartphones filmen, ist kein Arm frei für die passenden Grüße, dafür heißt das Manöver „Anakonda 2016“ – die Würgeschlange aus dem Amazonas als globaler Gruß gen Moskau.

Mögliche Folgen samt langwierigen Narben ausgelebten Militarismus zeigten sich, so man subtile Einordnung pflegt, am Mittwochabend in Wrocław, amtierende europäische Kulturhauptstadt und quasi natürliche Partnerstadt Dresdens in Polen. Es gastierte – im Rahmen der sächsischen Kulturwoche – das Philharmonische Kammerorchester als 19-köpfige Streicherauskopplung der Dresdner Philharmonie unter Leitung von Konzertmeister Wolfgang Hentrich. Geboten wurde „Musikalische Nachbarn“, ein eigens zusammengestelltes sächsisch-polnisches Programm, bei dem zwei Serenaden von Robert Volkmann auf Kompositionen von Grażyna Bacewicz, Mieczysław Karłowicz und Wojciech Kilar trafen. Ort des Geschehens: die weiße Synagoge Wrocławs, erst seit sechs Jahren wieder als Gemeindezentrum und Konzerthaus nutzbar. Die aufgrund der Größe der Jüdischen Gemeinde (mit fast 25 000 Mitgliedern einst die größte deutsche nach Berlin und Frankfurt) imposantere Neue Synagoge wurde hingegen zur Reichskristallnacht abgefackelt, das neue jüdische Leben begann in der jugendfrisch prosperierenden niederschlesischen Metropole, wo es neben vielen katholischen auch drei evangelische und zwei orthodoxe Kirchen gibt, erst vor zwanzig Jahren wieder zu erwachen.

Insofern war es ein mindestens doppelt symbolträchtiger Ort, zu dem rund 180 Leute – darunter wohl die Hälfte deutschsprachig – und zwei Nonnen pilgerten, um einen stimmig-verbindenden Abend zu erleben. Und um Robert Volkmann kennenzulernen, den fast vergessenen Komponisten aus der Lommatzscher Pflege, dessen Werke bis Beginn des 19. Jahrhundertes en vogue waren, der aber nun nur noch von den Kammerphilharmonikern gepflegt wird. Noch mehr Beifall als mit dessen zweiter Serenade in hervorragender Akustik eroberten sie aber mit Bacewiczs Konzert für Streichorchester sowie mit Kilars „Orava“ – und mit der Übersetzung von Joanna Szumiel. Die Warschauerin ist in Dresden als Bratschistin engagiert und übertrug Hentrichs Moderationen recht unkompliziert ins Polnische.

Zwei Stunden zuvor – aber für komplette Doppelbesuche leider etwas zu langatmig – hatte der Sächsische Literaturrat ins sächsische Verbindungsbüro in dessen edlem Ambiente am Rynek eingeladen: Róža Domašcyna aus dem sorbischen Zerna, Roman Israel aus Löbau und Utz Rachowski aus dem Vogtland lasen unter Moderation von Geschäftsführerin Sibille Tröml aus neuen Werken, wobei en passant die Frage diskutiert ward, wer wann und warum Breslau sagen darf oder sollte. 22 junge Germanistikstudentinnen lauschten darob amüsiert, während vor allem Israel damit punktete, dass er sich kurz fasste – und mit dem Bekenntnis, die anfangs völlig fiktive Ode an seine ihm unbekannten Großeltern während der beiden Stipendien in Krakau und Agnetendorf noch einmal komplett umzuschreiben, ohne seinen Slang einzubüßen.

So kann Organisatorin Isolde Matkey, die die Kulturwoche im Auftrag der Staatskanzlei kuratierte, schon vorab ein positives Fazit ziehen, denn alle Shows, die oft an ungewöhnlichen Orten ihr Publikum überraschten, erfüllten den grenzüberschwingenden Charakter in der angedachten Art, öffneten neue Kanäle. Zum Beispiel erfuhr die Straßenshow von Banda Internationale die Unterstützung der lokalen Willkommensfreunde, so dass es zu keinen nennenswerten Provokationen kam.

Die Freakshow der aktuellen Dresdner Kunstpreisträger von Cie. Freaks und Fremde im Teatr ad Spectatores in der ostralewindigen Brauerei, der Auftritt vom Stahlquartett in einer Galerie und vor allem der von Free Little Pigs beim Festival des guten Bieres böten übrigens für den heutigen Abend noch Anlass zu einer Kurzreise gen Wrocław.

Und am Sonnabend folgt einer der ganz großen Höhepunkte, dessen Vorbereitung an allen zentralen Ufern die ganze heiße Woche mit Volldampf lang lief: In „Flow“ wird als großes Flussspektakel, das tagsüber die Oderstadt in vier Ereigniszonen zwischen Uni und Botanischen Garten aufteilt, die Geschichte der eigentlich urpolnischen, oft böhmischen, kurz Habsburger, länger preußischen Großstadt im letzten Jahrhundert erzählt. Das gipfelt abends ab 22 Uhr in einem einstündigen Konzert, das auf der Oder zwischen der Insel Pasek und der Brücke Pokoju stattfindet: einer Kantate für 240 Personen von Paweł Romańczuk, veredelt von vier Komponisten aus Polen, Israel, Deutschland und Tschechien, wobei die Hauptrolle neben der Musik die Ufergebäude und die Weiße Flotte spielen. Der Eintritt ist frei, für Sachsen die Hälfte.

www.wroclaw.pl/de

Von Andreas Herrmann

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