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Sachse auf der Flucht: Der Deutsch-Syrer Manaf Halbouni wandelt seine Angst in Kunst

Sachse auf der Flucht: Der Deutsch-Syrer Manaf Halbouni wandelt seine Angst in Kunst

"Ich vermisse Damaskus - die Farben und Gerüche, die Straßen und Plätze, die Märkte, die Menschen." Manaf Halbouni hat gerade lebhaft von seinem Viertel erzählt.

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Gartenzwerge, ein Kasten mit sächsischem Bier, Fernseher - Manaf Halbouni packte alles ein, was ihm lieb und teuer ist.

Quelle: Adina Rieckmann

Von den Schiiten, Jesiden, Muslimen, Aleviten und Juden, die dort leben. "Am Freitag sind wir zu den Christen einkaufen gegangen, am Sonntag dann eben zu den Muslimen", erzählt er. Und dann hält er inne, schweigt lange Sekunden und sagt diesen Satz: "Ich vermisse Damaskus, ich vermisse mein Syrien."

23 Jahre hat Manaf Halbouni in der Hauptstadt Syriens gelebt. Er wurde dort geboren. Sein Vater, ein Architekt, promovierte an der Technischen Universität Dresden, jetzt unterrichtet er als Professor an der Universität in Damaskus. Noch in der Elbestadt aber hat er Halbounis Mutter kennengelernt - eine Dresdnerin. Mit ihr gemeinsam ging er nach Damaskus zurück. Halbouni verdankt seiner Mutter auch die doppelte Staatsbürgerschaft. "Ich habe Bildhauerei studiert", schildert Halbouni. "Ohne den deutschen Pass hätte ich gar keine Chance gehabt, Syrien zu verlassen. Ich hätte 2008 zum Militär gehen müssen, für zweieinhalb Jahre. Das konnte ich mir auf keinem Fall vorstellen. Das Militär in Syrien ist etwas anderes als die Bundeswehr." Halbouni studiert seit 2009 an der Kunstakademie in Dresden. Im letzten Sommer machte er sein Diplom dort - mit einem martialisch anmutenden Militärjeep. Nun ist er Meisterschüler bei Eberhard Bosslet.

Manaf Halbouni ist rechtzeitig aus Syrien weggegangen. Er würde Damaskus nicht mehr wiedererkennen. Die uralte Stadt am Fuße des Berges Qasyun ist Kriegsschauplatz. Viele Häuser sind bombardiert, zerschossen, ganze Vororte existieren nicht mehr. Etliche seiner Freunde und Nachbarn sind verhaftet, andere tot, einige konnten fliehen - er weiß nicht, wohin. Sie sind spurlos verschwunden.

Und in Dresden marschieren seit Wochen Montag für Montag zehntausende Pegida-Anhänger und es werden immer mehr. Und sie rufen Parolen, die Hal-bouni erschrecken. "Es fühlt sich für mich an wie ein Fluch," sagt er nachdenklich und erklärt: "Ich kann nicht nach Syrien zurück, hier aber bin ich nicht willkommen. Das ist unglaublich. Ich will nicht auch Deutschland als Heimatland verlieren. Wo soll ich denn hin?"

Auf diese Frage hat er keine Antwort. Deshalb macht er das, was er am besten kann, nämlich Kunst. Manaf Halbouni ist seit letztem Montag auf der Flucht - mit seinem blauen Auto. Das ist - drinnen und draußen - prall gefüllt: mit Bettzeug, Kühlschrank und Fernseher, mit Christstollen, Bier und Sachsenmilch, mit arabischen Büchern und deutschen Gartenzwergen, mit Fahrrad und Sonnenschirm. "Ich wollte all das mitnehmen, was mir als Deutscher lieb und teuer ist. Ich trinke gern Bier, aber un-gekühlt? Niemals!", sagt Halbouni schmunzelnd und auch: "Nun, dass ich als Deutscher Arabisch lesen kann, das tut mir leid. Aber ich liebe arabische Literatur. Ich würde nie ohne ein Buch weggehen." Das Fluchtauto des deutsch-syrischen Künstlers ist inzwischen Stadtgespräch. Halbouni hat auf Facebook die Kunstaktion angekündigt: Sachse auf der Flucht. Er bittet nicht nur seine Freunde darum, sich vor Ort selbst zu fotografieren und das Foto anschließend im Netz hochzuladen. Er hofft, dass so viel Menschen wie möglich sich an dieser Aktion beteiligen. Er hat auch schon eine Idee, was mit diesen vielen Bildern passieren könnte. Er möchte sie gemeinsam mit dem Fluchtauto im Sächsischen Landtag ausstellen. "Das ist doch ein passender Ort dafür, oder?"

Halbouni versteht die Frage rhetorisch. So politisch wie seine Kunst ist, sollte sie auch von Politikern wahrgenommen werden. Das steht hinter dieser Idee. "Wissen Sie was", sagt der 30-Jährige zum Schluss: "Nachrichten und Bilder im Fernsehen sind für mich längst surreal. Nach Damaskus kann ich nicht zurück. Dort herrscht Bürgerkrieg. Und hier in Dresden herrscht Unwissenheit und Arroganz. Diese dumpfe Masse macht mir Angst." Manaf Halbouni ist auf der Flucht. Auch nächsten Montag wieder. Sein Auto steht am Theaterplatz. Es ist nicht zu übersehen. Surreal ist es auch nicht. Dieses Fluchtauto ist ein starkes Bild.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.01.2015

Adina Rieckmann

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