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Russische Folkrock-Künstlerin Inna Zhelannaya kommt am Freitag zum ersten Mal nach Dresden

Russische Folkrock-Künstlerin Inna Zhelannaya kommt am Freitag zum ersten Mal nach Dresden

Russland ist so groß und weit, dass es eine eigene Weltmusik vertragen könnte. Ein ganzes Universum müsste darin Platz, Raum und Resonanz finden, und vielleicht ist es ja sogar so.

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Inna Zhelannaya

Quelle: PR

Die Wahrnehmung des Reiches im westlichen Ausland indes - dieses Land hier zählt ja jetzt nicht nur auf der Landkarte dazu - wird mehr denn je auf Leuchttürme begrenzt. Das ist politisch so und kulturell nicht minder. Alla Pugatschowa, stramm auf dem Weg zur 70 und einst mit dem unsäglichen "Harlekin" bis zum Erbrechen buntgekesselt, bekam sogar noch mal Zwillinge, las man jüngst im bunten Teil grauer Zeitungen. Was sie zuletzt gesungen hat? Man müsste sich kümmern. Mit der inhaftierten Frauenband Pussy Riot lässt sich sogar Staat machen und gut wettern. Wer aber kennt ihre Songs, ihr Werk, ihre Kunst?

Holen wir nicht zu weit aus, wir könnten uns verrenken. Freuen wir uns lieber über eine Chance. Heute kommt eine russische Künstlerin zum ersten Mal nach Dresden, die es - wider jede Schablone - zu entdecken lohnt. Inna Zhelannaya ist kein junges Talent mehr. Sie ist 48, doch ihr Alter hätte nur wenig Aussagekraft, würde sie sich nicht wirklich seit 1987 an einer sehr eigenen Variation von russischer Folklore und experimentellem Rock'n'Roll probieren. Als "frisch, neu, sehr feminin und sehr depressiv" wurde schon ihre erste 25-Minuten-Kassette, eingespielt im ukrainischen Untergrund, beschrieben. Bekannter in der Heimat wurde die zarte Frau mit dem kurzen Haar und der lang wirkenden Stimme dann schon wenige Jahre später, als sie die Band Alliance verpflichtete und ihr damit einen kräftigen Schub New Wave und neue Aufmerksamkeit besorgte. Die echte Fusion der Moderne mit dem alten Folk war nur eine Frage der Zeit.

Schon Zhelannayas erste Soloplatte "Vodorosl", für die sie u.a. ihren noch heute aktuellen Basser Sergej Kalatchow traf, trieb die ethnorockige Ambition auf einen ersten Höhepunkt, vor allem auch in der Art der eigenen Kompositionen, die sich stets im historischen Kontext lesen ließen. Zusammen mit Kalatchow und u.a. Sergej Klewinsky und Sergej Starostin gründete die damals knapp 30-Jährige die Band Farlanders, mit der sie auch internationale Anerkennung bekommen sollte.

Die 1990er brachten nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Versuchsraumes logischerweise einen regelrechten Boom osteuropäischen Folks, der sich nicht selten jedoch in romantisierenden Momenten erschöpfte. Bulgarische Frauenchöre, Balkan-Brass und rumänische Instrumentalisten waren nachgefragt, in die Tiefe ging es - im Vergleich zur realen Größe und Wichtigkeit der Ost-Kunst - nur selten.

Inna Zhelannaya zeigte sich unbeeindruckt und machte aus dem Wohlwollen von Kollegen wie Peter Gabriel (der sie aber eben nicht auf sein RealWorld-Label holte), Ian Anderson oder Joe Boyd bis heute ihr selbstbestimmtes Ding. Dazu gehörten sehr wohl Kollaborationen (u.a. mit der auch hier bekannten Samin Mari Boine und King-Crimson-Gitarrist Trey Gunn), alles firmierte aber unter Zhelannayas "Dirigat". Ebenso hartnäckig hat sie sich stets geweigert, ihre Landessprache aufzugeben, um "hip" zu sein. Wer weiß, vielleicht wäre eben sie jetzt auf Mobys entzückender neuer CD und nicht Cold Specks -

In welchem "Aggregatzustand" reist Inna Z. nach Dresden? Sie hat ihre Band dabei, wobei diese Viererbesetzung von ebenso vorzüglicher handwerklicher Qualität sein dürfte wie die vorherigen, nachzuhören bzw. -zusehen auf der 2007er CD/DVD "Winter" und dem mit oben erwähntem Trey Gunn in den USA eingespielten Album "Cocoon" (2010). Dort waren neben einer streng rockigen Rhythmusgruppe, flächigen Electronics sowie einer gitarrengleichen E-Violine auch Maultrommel, Mandoline, Lira, Tabla und Kuhhorn zu hören. Geblieben sind jetzt Percussions, Sax und Trompete, Loops. Inna Zhelannaya hat nichts vom Schweben einer Lisa Gerrard, sondern ist, wenn sich ihr Material von der teils viele hundert Jahre alten Folk-Basis erhebt, zumeist zackig, funkig, komplex, verschachtelt. Vor allem aber singt diese Frau auf unangestrengte, pathosfreie Weise mit einer Kernkraft, die wie gezaubert wirkt, aber mit Erdverbundenheit überzeugt.

Inna Zhelannaya werden in ihrer langen Laufbahn immer wieder "neue Leben" eingeredet. Dabei baut der nächste Schritt fühlbar logisch auf dem vorangegangen auf. Sie selbst sagt dazu: " Es scheint nur so, dass du in einem zweiten Leben ganz anders leben würdest, nachsichtiger, nützlicher, ohne alte Fehler. Das ist eine Illusion, ich bin da Fatalist."

iInna Zhelannaya & Band, heute, 20 Uhr, Dreikönigskirche

www.mzdw.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.10.2013

Andreas Körner

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