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Rückblick: 60 Jahre Kulturzentrum Scheune in der Neustadt

Rückblick: 60 Jahre Kulturzentrum Scheune in der Neustadt

So wie kaum jemand in der Schweiz auf die Idee kommen würde, dass man auf einer Bank auch sitzen kann, dürften nur die wenigsten Dresdner von der innerstädtischen Scheune glauben, man könne Heu in ihr verstauen.

60 Jahre Kulturzentrum Scheune in der Neustadt: Ein Rückblick und ein Ausblick

Spätestens als der Volksmund dem Neustädter Kulturzentrum mit der wechselvollen Geschichte den falschen "echten" Namen gab, ist die Scheune das, was sie ist: bekannt. Frequentiert. Beliebt. Umstritten manchmal. Willkommen bei den Gästen, ob ihrer so zentralen Lage, von konkurrierenden Veranstaltern genau darum beneidet.

60 Jahre Jugendkultur - die Renten für die ersten Nutzer des Hauses in der Alaunstraße 36-40 werden längst ausgezahlt, während die Enkel sich danach erkundigen, wann die nächste Party steigt. Dort, wo schon Oma und Opa tanzten, wo sie vielleicht lernten zu kochen, zu häkeln, wo sie später ihre Kinder zum Theater spielen hinbrachten, zum Poetenclub. Als sie sich sorgten, weil es in den 1980ern auch mal aufs Kinn gab im Saal nach zu viel Coschützer Pils, zu viel von Timms Sauren. Da wäre also zu schwärmen, zu schimpfen, zu erinnern und zu ordnen. Fangen wir einfach damit an.

Martin Anderson Nexö, der dänische Dichter, reiste an, als die ehemalige Halle des Turnvereins Neu- und Antonstadt - sogar Erich Kästner soll dort über Böcke gesprungen sein - nach dem Wiederaufbau dessen Namen verliehen bekam. Die Fahrt war kurz, Nexö war als bekennender Kommunist just im Jahre 1951 nach Radebeul gezogen. Und stolz auf das neue "Jugendheim", wenngleich er die Eröffnungszeremonie indirekt mit dem fernen Josef Stalin teilen musste. Dem hatte man ja zuvor schon zu einem neuen Geburtstag verholfen. Grund genug, just an eben diesem 21.12. 1951 ein Stück Hoffnung in die Stadt zu setzen. Das ist nicht mal ironisch gemeint.

Nicht alle Freiheiten, die sich die ostdeutsche Jugend herausnahm, war FDJ. Die junge Republik versprach sich von der massiven Förderung von Kultur, Freizeit und Sport beileibe nicht nur frische Kader. Wird gern vergessen. (Einschub: Dass gerade heute die umfassende Unterstützung von Jugendkultur ein probates Mittel ist, um Demokratie zu stabilisieren, wird zwar vehement propagiert, aber nicht annähernd so intensiv umgesetzt.) Im "Bezirksjugendklubhaus" oder dem "Zentralen Klub der Jugend und Sportler", wie die Scheune bald hieß, bevor sie zur Scheune wurde, sang man in Ensembles, spielte an Flachplatten Ball, malte auf die eine Leinwand mit Farben, warf auf die andere bewegte Bilder. Meistens brav, kaum mutig. Auf der Bühne wurde gerockt, gejazzt, gelesen. Bis heute ist die Größe des Saales in der Stadt nicht nur eine feste, sondern für bestimmte Genres eine nahezu ideale.

Anderes ist nicht so ideal. So fehlt dem Scheune-Bau auch nach all den Rekonstruktionen, Verschönerungen und Verbesserungen einfach der Raum für Kleinteiligkeit, fehlt es an Zimmern, die mehr als Büros sein könnten. Es ist ein gewichtiger Grund dafür, weshalb die Scheune zum Abend-Treffpunkt wurde, tagsüber geschlossen ist und damit für das lebendige Viertel nicht zur Verfügung steht, ausgenommen im gastronomischen Bereich, der ab 1963 ein HO-Café, nach der "Wende" die erste Szenekneipe (Café Z), bald den "vielleicht besten Inder" als städtisch vermietete Wirtschaftseinheit beherbergte. Auch das weitläufige Außengelände war immer eher unterbelichtet. Mit Ausnahmen.

Doch zurück zum Zurück: In den 70ern und frühen 80ern kam die Scheune "durch", ohne wirklich nachhaltig zu sein. "Disco" hieß das Schlagwort, nicht selten auch in des Wortes zweiter Bedeutung. Inhaltlich hatten die Studentenclubs, vom Bärenzwinger bis zur Spirale, eindeutig die Nase vorn, der Jazzclub Tonne auch. Wirklich wichtig wurde die Scheune erst wieder nach 1985 mit dem Aufkommen einer zartwüchsigen, aber drängenden Off-Kultur, mit der sich die Kulturfunktionäre zu arrangieren hatten, nachdem sie vor lauter Berührungsangst schon am Kapitulieren waren. Legendär ist das entschlafene Gesicht des damaligen städtischen Kultur-Oberen Seltmann beim Anblick eines Graffitis. Auch der Verzicht auf die angestammten Deckchen-Tischchen fand Skeptiker genug. Es sollte erst der Anfang sein. Dass die Jugend lieber auf Kisten sitzt, auf dem, was man fluffig "Praktikablen" nennt, sorgte für Murren. Übrigens auch in Bayern oder Castrop-Rauxel - es war schlichtweg die Generationenfrage, und die wurde im Osten für gewöhnlich nur etwas später beantwortet.

In den Mitt-1980ern hatte die Scheune ihren Namen. Und das bis heute gültige Signet. Und eine neue Ausrichtung. Denn die damalige Leitung mit Lothar Koch und Gunther Neustadt kooperierte offen auch mit jenen Personengruppen, denen Kunst und Kultur mehr als nur ein wenig zu sauber und zu leise war. Die Resonanz in Dresden samt Umland stieg rasant an. Breakdance? Klar, hier! HipHop? Punk? Ja, obwohl man die Bands später offiziell hinter dem plumpen Synonym "andere Bands" verstecken wollte. Dresden war wach genug, um selbstbestimmte Wege zu gehen. Die Truppenteile hießen Suizid und Paranoia - vereint zu Kaltfront (siehe Kasten). Sie waren Freunde der italienischen Oper und der DEKAdance. Aus dem Rest des erwachenden Landes kam Besuch, der Expander des Fortschritts übte die Dehnung. Lesungen wurden offener, Schallplattenvorträge führten weg vom Nichtsozialistischen, hin zu dem, was sich regte im Staate. Auch wenn es noch keine Langspielplatten davon gab, eher bespielte Kassetten. Ein Arbeitskreis für Homosexuelle mit Namen "Gerede" (längst Gerede e.V.) fand in der Scheune Räume und Podium, das statt-theater Fassungslos fasste Fuß, mit der Scheunebrigade arbeitete schon seit 1982 ein eigener Jugendclub, der das öffentliche Antlitz entscheidend prägte.

Auch das Innenleben des Gebäudes wurde immer offener und bis an bauliche Grenzen genutzt. Da stand schon mal ein Kamel im Hof, wurde mit einem transportablen Pool (DDR-Deutsch "Bassin") das Parkett beschädigt, die legendären "Pressefeste" begriffen sich als augenzwinkernde Motto-Konkurrenz zu den blökenden Straßenfeiern der Sächsischen (SED) Zeitung. Kurzum: Die Keimzelle für das, was sich später in der Neustadt an Kultur und Gegenkultur etablierte (oder sich mehr oder minder erfolgreich gegen Etablierung wehrte), vieles an späteren Festen und Feten reifte auch und gerade im offengeistig-sonnendurchfluteten Klima der Scheune. Kein Wunder also, dass just hier im Juni 1990 die erste "BRN" ausgerufen wurde. Oder im Garten bis heute der "Schaubudensommer" stattfindet. Kein Wunder auch, dass wesentliche Protagonisten noch immer in der Stadt sind: Spacke, die lokale Grafik-Legende, Gunther Neustadt, der längst seiner eigentlichen Bestimmung als Töpfer nachgeht und es in Omsewitz zeitig "kümmeln" ließ, Uwe Stuhrberg als Redaktionsleiter des Stadtmagazins Sax. Und und und -

Wohl und Wehe der bis 2007 städtisch geführten, danach großflächig kommunal geförderten und vom Scheune e.V. betriebenen Einrichtung hing in den 90ern immer auch an den jeweiligen Bookern, die das künstlerische Profil bestimmen. Nur drei Namen seien erwähnt: Frank Fröhlich brachte die Scheune zunächst in stabiles Fahrwasser (wobei es maßgeblich ihm zu verdanken ist, dass ein selten fähiger Mann wie Jörg Stüdemann in Dresden seine Spuren hinterlassen konnte). Fröhlich sorgte zudem für die ersten Auftritte der damals noch "singender Herrentorte" Helge Schneider. Unter Chester Mueller gab es in der Scheune die bis heute verlässlichsten Anfangszeiten und das breiteste Stil-Spektrum, u.a. mit neu erwachendem Jazz und dem ersten David-Munyon-Konzert. Paul Simang schließlich wagte bis 2009 - auch aufgrund seines ausgeprägten Musik- und Kulturspürsinns - mutige Experimente. Parallel wuchsen im Haus die Literaturschiene und die Netzwerk-Säule für junge Musiker, Stichwort Workshops.

Was den Stellenwert der Scheune als Konzertort für eigenverantwortete und relevante nationale wie internationale Künstler betrifft, regierte zuletzt eher wieder das Wehe. Da bliesen und blasen andere, auch kleinere Clubs dem standortbevorteilten kräftig an die Frontseite. Ein neuerlicher Personalwechsel der Booker-Stelle war unausweichlich-

Lutz Schramms Verdienste für die Verbreitung von Punk in der DDR sind unantastbar. 1986 begann der Moderator, Musikkenner und -kämpfer auf DT64 seine Sendung "Parocktikum". Das Weichmacher-Siegel "andere Bands" nahm er zur Kenntnis - und spielte weiter vor allem Kassetten, die in Eigenregie unartiger Künstler entstanden. Kaltfront waren selbstredend dabei. Zeitig. Ihre Stellung im Bezirk Dresden und dem umfassend angrenzenden Untergrund war zentral. Damals wie heute steht die Band über ihre Mitglieder auch für formvollendete Ost-Biographien, die typisch sind für jene, die typische Biographien so gerne suchen.

"Weil morgen heute gestern ist", sagten Kaltfront vor fünf Jahren, auf die Zeitlosigkeit ihrer Songs angesprochen. Morgen erscheint ihre erste "richtige" neue CD mit Namen "Zwischen allen Fronten" (Rundling), nachdem zunächst bis 2010 das alte Material in mehreren Editionen neu veröffentlicht wurde. Tom, Micha, Blitz, Sonic Jörg und Gäste (u.a. Mario Meusel) lassen es in 15 Stücken herzhaft knattern. Dabei tun sie gottlob nicht so, als seien sie noch mal 21. "Frustriert - weil mich nichts mehr frustriert, schockiert - weil mich nichts mehr schockiert", heißt es ernüchtert. Und ernüchternd. "Totentanz im Lichterglanz".

Kaltfront und die Scheune? Leider immer wieder verknappt auf den legendären finalen Vorhang im Jahre 1990 im Vorprogramm der Toten Hosen. Viel zu knapp -

-dre

Kaltfront live, Donnerstag, 21 Uhr, Scheune (zusammen mit Slow Death), zuvor ab 18 Uhr beim "Podiumsgespräch: Rockmusik und Älterwerden"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.12.2011

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