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"Rubbeldiekatz" nach Detlev Bucks gleichnamigem Film in der Comödie Dresden

"Rubbeldiekatz" nach Detlev Bucks gleichnamigem Film in der Comödie Dresden

Um endlich mal einen Job zu ergattern, verwandelt sich der mäßig erfolgreiche Schauspieler Alexander in sein weibliches Pendant Alexandra und bekommt sogar eine Hauptrolle: als nordisch-blonde BDM-Führerin in einem Hollywoodstreifen übers Dritte Reich.

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Jörg (Christian Kühn, l.) hat Hitler wohl einmal zu viel gespielt. Ist er gerade deshalb vom Brünhilde-Typ Alexandra (Jan van Weyde) so angetan?

Quelle: Robert Jentzsch

So weit, so gut. Aber wie das Schicksal so spielt, seine Filmpartnerin Sarah entpuppt sich als jene Schönheit, mit der er kurz vorher - als Alexander allerdings - einen One-Night-Stand hatte. Und er ist nicht der einzige, bei dem sich Herz und Libido regen. Auch Jörg, der Darsteller des Hitler, ist verknallt. In Alexandra. Und so wartet er ungeduldig, eine weiße Rose in der Hand haltend, auf das Objekt seiner Begierde. Aber Jörgs Problem: Er hat den Führer schon drei mal gespielt. Das blieb nicht ohne Folgen. Die Rolle ging in "Fleiiisch und Blluut" über. Auch privat sieht Jörg ziemlich wie Hitler aus, er spricht ulkig-bizarr wie der große Diktator (wenn auch immer wieder ins Sächsische abgleitend), lobt an Alexandra die brrrraunen Augen. Aber Adolf ist halt wenig sexy, mal abgesehen davon, dass der auf Führer getrimmte Jörg von Mitbürgern mit türkischem Migrationshintergrund öfter mal Prügel angedroht bekommt, während ihm Neonazis hingegen einen ausgeben wollen. Beides ziemlich blöd. Und dann der Bart. Er kratzt. Er juckt.

Der Auftritt des "Führers" ist jedes Mal ein Highlight in dem Stück "Rubbeldiekatz", das jetzt an der Comödie Dresden Premiere hatte. Rubbeldiekatz? Ja, genau, die Komödie ist weitgehend nach dem gleichnamigen Film von Detlev Buck in Szene gesetzt, einer leichtverdaulichen Melange aus absurder Situationskomik, mal mehr, mal weniger pointierten Dialogen und einer zwar halbgaren, gleichwohl aber berührenden und natürlich im Happy End mündenden Liebesgeschichte. Der Streifen fand bei der Filmkritik nur bedingt Anklang, aber das Gros des Publikums eilte trotzdem in die Kinosäle, nicht zuletzt, um den Knuddelboy Matthias Schweighöfer als Alexandra in Pumps und sonstigen Accessoires der Damenwelt zu sehen.

"Charlies Tante", "Tootsie", "Mrs. Doubtfire": Komödien über Kerle in Frauenkleidern gibt es viele. Nicht zu vergessen "Glen or Glenda" von Ed Wood. In der Komödie Dresden spielt Jan van Weyde Alexander bzw. Alexandra. Macht er wirklich gut, auch wenn er als Frau mehr der Brünhilde-Typ ist, ausgestattet mit Füßen wie ein Hobbit, jedenfalls definitiv nicht auf Schuhgröße 34 durchs Leben stöckelnd. Schon die Szene zum Auftakt, in der er von seinen beiden prolligen wie herzensguten Brüdern auf Frau getrimmt wird, ist zum Brüllen komisch, etwa wenn der Hornhaut an den Füßen mit einer Nagelfeile, den Haaren in der Nase mit einer Zange zu Leibe gerückt wird - und dabei aus dem Lautsprecher das Lied "Sex Bomb" in der Interpretation durch Max Raabe erklingt. Ein Lob gleich an dieser Stelle der Musikauswahl. Die hat das gewisse Etwas, ist mal pfiffig, mal schmissig - und sei's mit hart-hämmerndem Hiphop.

Der Part der süßen Sarah wird von Collien Ulmen-Fernandes (alternierend von Henriette Richter-Röhl) übernommen. Den Rest der zehn Rollen in dieser Inszenierung Max Giermanns, der in Bucks Film Hitler spielte und somit einschlägige Erfahrung mitbringt, teilen sich Oliver Geilhardt und Christian Kühn, der Intendant der Komödie. Beide spielen groß auf. Jede Figur hat ihre Macken und Marotten, jede einen anderen Tonfall, ja Dialekt. Beispiel: Den beflissenen Regieassistenten Arne lässt Kühn schwäbeln, den stockschwulen Kostümbildner Harald mit holländischem Akzent sich Sorgen ums Outfit machen. Und als Jörg bzw. Hitler reißt er von den Sitzen. Dieser Typ ist nicht die Chiffre des Absolut-Bösen, was in Ordnung geht, schließlich handelt es sich um eine Komödie. Dieser Hitler ist eine Witzfigur, so wie in den Comicfilmchen von Walter Moers oder in Timur Vermes' (Überraschungs-)Bestseller "Er ist wieder da". Und es gibt einige hübsche Tabu-Brüche. So stoßen an einer Stelle die Akteure, die sich abends auf mehr als ein Bier verabredet haben, mit "Auf Adolf Hitler" an. Schockierend? Nun, auch nicht mehr als das "Danke, Adolf", das in dem britischen (!) Film "Hope & Glory" einem aus tiefster Seele jubelnden Jungen entfährt, als er nach den Ferien entdeckt, dass die deutschen Bomber kurz zuvor die verhasste Schule getroffen haben. Damit aber wirklich keiner im Saal was in den falschen Hals bekommt, dürfen Alexander und seine Brüder auch mal ein "Nazis raus" an die Wand sprayen, was mit Beifall quittiert wird.

Die vielen unumgänglichen Kostümwechsel erfordern etliche Zwischenpausen. Die werden in der Regel mit ziemlich witzigen Einspielfilmchen überbrückt. Famos etwa die Vielfalt an Einfällen, um zu zeigen, wie Alex leidet, nachdem Sarah ihm erst mal den Laufpass gegeben hat. Der Bühnenadaption durch Giermann wurde hier und da etwas Dresdner Lokalkolorit verpasst. Es geht auf den Dresdner Semperopernball und der cholerische amerikanische Regisseur John bekommt einmal ein "piece of eggchegg" kredenzt. Sehr schön, wie fast beiläufig die manische Nazi-Versessenheit, in Hollywood wie hierzulande, durch den Kakao gezogen wird. In Israel tobt eine Debatte über die inflationäre Verwendung des Wortes "Nazi" (das schon mal einem Kellner an Kopf geworden wird, bloß weil der nicht spurt), hier versucht Alexander Sarah seinen Nebenbuhler, den Schauspieler Thomas, dadurch madig zu machen, indem er giftet: "Aber er spielt einen Mann von der Waffen-SS." Auch einem Schauspieler kann es also passieren, zwischen Rolle und Realität nicht unterscheiden zu können.

nächste Vorstellungen: 18. bis 22.2., jeweils 19.30 Uhr

www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.02.2014

Christian Ruf

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