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Roter Teppich, wundersame Vögel - Die Dipolm-Präsentationen der Dresdner Kunsthochschule

Roter Teppich, wundersame Vögel - Die Dipolm-Präsentationen der Dresdner Kunsthochschule

"Künstler zu sein, ist kein Beruf im herkömmlichen Sinn. Künstler zu werden, ist einer der spannendsten Lebensentwürfe in unserer Zeit." So steht es auf der Website der Dresdner Kunsthochschule (HfBK).

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Treff im Oktogon: Sandra Rosenstiels Skulptur "Masse und Zeit" und Ludwig Flohes Wandobjekte aus Leinwand, Öl- und Acrylfarbe im Hintergrund.

Quelle: Fabian glass

Denn hier kann man diesen Beruf studieren und sich mit einem Diplom zertifizieren lassen, Künstlerin oder Künstler zu sein.

In diesem Jahr sind es 38 junge Frauen und Männer, die gerade ihre Abschlussarbeiten erfolgreich verteidigt haben und diese nun der Öffentlichkeit vorstellen. Die Präsentation ist Teil des Diploms und wird in Dresden bravourös gemeistert. Das Publikum strömt.

Es ist Sommerzeit, Massen von Touristen schlurfen über die Brühlsche Terrasse. Und wenn sich die schwere Tür zum altehrwürdigen Akademiegebäude öffnen lässt, dann schauen sie auch da hinein. Und sie sehen, dass die denkmalgeschützten Atelierräume und das Oktogon fast museale Bedingungen bieten. Dass hier alles seine Ordnung hat. Es gibt keine wilden Zettel an den Wänden. Im Innenhof blüht eine Magnolie. Man könnte meinen, die Zeit sei stehen geblieben. Und es hat den Anschein, als würde ein Hauch von Romantik nicht nur die heiligen Hallen durchwehen, sondern sich auch in den Werken der angehenden Künstlerinnen und Künstler verfangen. Nicht alle erweisen sich als dagegen immun. Zu denen, die etwas dagegen setzen, gehört Svenja Wichmann: Der rote Teppich, den sie ausgelegt hat, führt auf keine Bühne, sondern zu einer Notausgangstür. Mit der hat sie einen der Durchgänge im Ausstellungsraum verbarrikadiert. Auf dem kleinen Videoscreen an der Wand daneben sieht man die langen Beine eines Models zum großen Auftritt ausholen - der Film bricht jäh ab und beginnt erneut. Die endlose Wiederholung dieser kurzen Sequenz nervt wie ein nicht reparabler (technischer) Defekt. Warum muss die Schöne auf der Stelle treten? Musik setzt plötzlich - ein Fetzen aus einem alten Hit: "For Walking". "Zum Laufen"? Nicht stehen bleiben oder losgehen zu können, sind nicht ausschließlich künstlerische Probleme.

"Masse und Zeit" ist der Titel einer Skulptur, die ganz anders wirkt. Eine Art überdimensionale Urzelle hat Sandra Rosenstiel aus Jurakalkstein und transparentem Kunststoff geschaffen. Und darin eine Unmenge sorgsam übereinander geschichteter Fotos eingeschlossen. Bitte nicht berühren, wehrt ein Hinweisschild ab. Es wird nicht verhindern können, dass die Leute sich die Nasen platt drücken. Zumal die Form geradezu zum Anfassen einlädt. Braucht es das konventionelle Abstandsgebot?

Die Skulpturen des Duos Eisbein/Engeln haben dieses Problem nicht. Perfekter Materialeinsatz, wehrhafte Form und mysteriöser Sinn gebieten Abstand. Dagegen locken fast unwiderstehlich die kuriosen Riesenvögel, die Matthias Garff aus allerlei Materialien locker und lustvoll menschengroß zusammengebaut hat. Sie geben sich als Kolibri oder Rotbauchdrossel zu erkennen - als Vögel, die im Garten der Großmutter in Argentinien zu beobachten waren, aber auch als nicht nur im Tierreich anzutreffende Charaktere.

Nadine Deutschmann hat eine Zuckerwattemaschine ins Haus geholt. Die süßen Wattebausche können ein sparriges Baum-Phantom nur kurzzeitig komplettieren. Was bleibt, ist klebriger Rest. Im Hintergrund zeigt die angehende Künstlerin reinweiße Leinwände mit gezeichneten Niedlichkeiten.

Zahlenmäßig am stärksten vertreten sind Diplomarbeiten, die ohne Wenn und Aber Malerei oder Zeichnung sein wollen. Das erstaunt. Denn andernorts werden gemalte Bilder zugunsten multimedialer Konzeptkunst wieder einmal ins Aus verbannt. Wie etwa an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo sich kein einziges der diesjährigen Diplome mehr der vom Kunstmarkt kurzzeitig gehypten Leipziger Malereischule zuordnen lässt. Das Plus in Dresden scheint zu sein: Es gibt nichts, was Schule macht. Die Diplomanden - vor allem zahlreiche Diplomandinnen - gehen ganz unterschiedliche, zwar nicht vorbildfreie, aber doch eigenwillige Wege: Winnie Seifert zeigt detailliert durchgearbeitete bewegte abstrakte Szenerien, Veronique Pannos Landschaften leuchten rätselhaft aus dem Dunkel heraus, bei Caroline Günther werden Ding und Farbe zu poetischen Chiffren, Alexandra Müller malt anteilnehmend groteske Figuren. Es muss andererseits auch nicht sofort überzeugen, warum Heinrich Mauersberger sich ballendes Gewölk über einem himmelblauen verwitternden Trabant malt, Marius Comanns fleißig Typen mit Smartphone konterfeit oder Ludwig Flohe mit Ölfarbe und Leinwand Objekte erzeugt, die aber an der Wand bleiben. Oder Nina Hoffmann mit einem etwas klischee-beladenen Liebesfilm diplomiert.

Ein herausragendes Diplom ist das von Olga Grigorjewa: Ihre minimalistischen, teils humorvollen Objekte aus pointiert eingesetzten Materialien bringt sie in eine ebenso intelligente wie sinnliche Zwiesprache mit phantastischen filigranen Zeichnungen.

Den Preis des Freundeskreises der HfBK bekam Jonas Lewek für drei "Touchscreen" betitelte Arbeiten. Was wie ambitionierte abstrakte Malerei aussieht, sind technisch vergrößerte Fingerabdrücke, wie sie massenhaft auf Mobiltelefon-Displays hinterlassen werden. Als hintergründiger Fake sind die nobel großgezogenen Inkjet-Prints aber wohl nicht gemeint.

Wer nachfragen möchte: Jeweils mittwochs 16.30 Uhr führen Diplomanden selbst durch die Ausstellung. Zudem gibt es einen Katalog, der Werk und Vita der Absolventen vorstellt. Ein zweiter Band mit den aktuellen Arbeiten ist in Vorbereitung. Ein Bienchen für die Vermittlung ist gewiss.

ibis 1.9., Oktogon, Senatssaal und Ateliers, Eingang Georg-Treu-Platz

www.hfbk-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.07.2013

Alma Chimleh

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