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Rostocker Punk mit Dresdner Attitüde

Dritte Wahl im Alten Schlachthof Rostocker Punk mit Dresdner Attitüde

Ende August 2014 waren Dritte Wahl oben an der Dresdner Tante-Ju-Gleisschleife zu Gast und begeisterten. Nun füllte die Rostocker Punkcombo allein den großen Saal im Alten Schlachthof mit reichlich eintausend Fans. Das neue Album Geblitzdingst“ bildete die Grundlage, doch ab und an ging es auch zurück: „Auge um Auge“ oder „Zeit bleib stehen“.

Dresden. Dritte Wahl war schon beim bis dato jüngsten Dresdner Auftritt eigentlich die erste. Denn bei der zweiten Version von „Schleife rockt“, Ende August 2014 oben an der Tante-Ju-Gleisschleife, waren sie diejenigen, die jene eintausend anwesenden Musikfreunde mehr begeisterten als die Berliner Amis von Pothead. Nun füllt die Rostocker Punkcombo sogar allein den großen Saal im Alten Schlachthof mit reichlich eintausend Fans, von denen etliche erst nach Bandgründung das Licht der Welt – also jenes der vierten deutschen Republik – erblickten, aber auch halbnackte Altkader vorn rumhüpften, als sei soeben erst die Grenze offen.

Dabei war es kein leichter Weg von der Eroberung des Schulspeisesaals anno 88 in Rostock-Evershagen, als Punkrock noch nicht Klartext und für Musiker wie Zensoren wirklich dritte Wahl bedeutete, bis heute. Doch die meergegerbten „Hosen des Ostens“, gestartet als Cover-Trio mit Bassgitarrist Marko Busch am Mirko und den Brüdern Gunnar (Gitarre) und Jörn Schröder (Schlagzeug), bewiesen von Anfang an norddeutsche Tugenden – wie zum Beispiel Standfestigkeit.

Vor 18 Monaten – eine Woche vor den ersten Landtagswahlen in Schulferien – war auch die Dresdner Welt bei 12 Grad um Mitternacht noch weitestgehend in Ordnung. Die Rostocker brachten ein halbes Jahr später ihr neues Album „Geblitzdingst“ heraus – ihr allererstes, das in die deutschen Charts einstieg just am 13. Februar 2015: auf Platz 23 für zwei Wochen. Chronologisch war es das neunte – genau 23 Jahre nach dem ersten namens „Fasching in Bonn“ und fünf Jahre nach dem achten („Gib Acht!“).

So haben sie nun, im 28. Bandjahr – dem elften nach dem tragischen Tod von Busch, der 2005 mit 35 Jahren an Magenkrebs starb und den seither Stefan Ladwig an Bass wie Mikro vertritt – neues Material samt schüchternem Keyboarder an Bord und touren als Quartett terminlich recht locker durch die Republik, derzeit sogar mehr im Westen. Das neue, musikalisch wie textlich vielleicht das beste Album bildet die Grundlage, doch ab und an geht es zurück: „Auge um Auge“ oder „Zeit bleib stehen“.

Spendable Fans und leere Versprecher

Sie kamen direkt aus Aschaffenburg – und spielten dort den überraschenden Wunschhit NVA – durchaus ein Wutsong – und wiederholten das in Dresden, wobei der Mitsingerfolg hier mehr verwundert als dort. Oder auch nicht, denn wie üblich – da gibt es von Lindenberg bis Heino keinerlei Unterschiede – wird getan, was die Helden der Bühne wollen. Ehrlich, aber ebenso unreflektiert der Wunsch, alles Böse aus der Stadt zu vertreiben, für das sie die Hymne „Dummheit lässt sich nicht verbieten“ darboten, aber auch „Verhärtet“ oder „Blaue Helme“ hätten es getan.

Doch ihr Engagement in allen Ehren: Denn anders als 5000 Dresdner Deichkind-Fans, denen ein eintrittsfreies Happening auf dem Theaterplatz zusammen rund zweitausend Euro wert war, sind die Wahlfans spendabler: Im Ostberliner Frannz-Club erlösten sie im November per echtem Benefizkonzert fast 4000 Euro für das Bündnis für bedingungsloses Bleiberecht. Nun ist deren Dresdner Gästeliste nicht ohne Nutzen: je fünf Euro für die Deutsche Krebshilfe, die nächste Urkunde auf der Netzpräsenz ist sicher bald fällig.

Auch musikalisch sind sie dem Wechsel ins gehobene Bühnenambiente gewachsen: Die Akustik ist gut auf den Raum eingestellt, die Bühne wird mittels zwei LED-Lichttürmen in den jeweilig passenden Farben (meist blau, mehrfach grün, je einmal rot und violett) getaucht. Dahinter wartet eine schwarzweiße Bühnengrafik – eine Art Schiffsflur mit einem symbolisierten Rauchpilz vor der Glasfront, auf dem der Bandname prangt. Musikalisch fehlt für größere Würfe natürlich das Besondere an Stimme oder Filigranität, aber es wirkt viel flüssiger, also erprobter, als vor anderthalb Jahren – die neue Platte scheint als Lebenselexier zu wirken, so dass man die Ankündigung, erstmal Pause zu machen und 2022 wiederzukommen, nicht glauben darf. Einerseits sind sie „Immer auf der Reise“, andererseits ist der Schlusssong „Was weiß ich schon von der Liebe“ zu wahrhaftig, um nicht auf andere Art und Weise Bestätigung zu suchen.

www.dritte-wahl.de

Von Andreas Herrmann

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