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Rolf Miller verbreitete "Tatsachen" im Wechselbad

Rolf Miller verbreitete "Tatsachen" im Wechselbad

Eine Frau, die schweigt, die hat doch was zu sagen, lässt Rolf Miller in seinem Programm "Tatsachen", das er am Freitag im Wechselbad zum Besten gab, die Zuschauer wissen.

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Kriegt sie alle: Rolf Miller.

Und schiebt hinterher: "Eine Frau, die schweigt, soll man nicht unterbrechen!"

Miller selbst schweigt nicht. Er hat zu allem eine Meinung, gibt zu jedem seinen Senf dazu. Er gehört zu jener Sorte Mitbürgern, die es zu allen Zeiten gab und gibt: durchaus liebenswürdig und an sich gutmütig, doch letztlich beschränkt in ihrem Denken und vor allem auch beschränkt in der Fähigkeit, sich zu artikulieren, was sie natürlich nicht davon abhält, sich über Fußballer oder Politiker lustig zu machen, denen ein verbaler Lapsus unterläuft.

Es gibt diese Typen überall. Der Kabarettist Miller, der landsmannschaftlich ein "nordbadischer Westfranke" ist, lässt seine Kunstfigur in Odenwälder Mundart sich um Kopf und Kragen quasseln. Wobei: "Quasseln" trifft es nicht. Miller beginnt einen Satz, bricht ab, formuliert um, vergisst die Pointe eines Witzes (reißt dafür unfreiwillig andere), verdreht Sprichwörter und Kausalketten, dreht Schleifen, steht mit Fremdwörtern auf Kriegsfuß... Aber die Überzeugung, dass das, was er da absondert, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ist, die ist durch nichts zu erschüttern. Bei hoch komplizierten, historisch dimensionierten Fragen beruft sich der Transporteur des gesunden Volksempfindens, der passenderweise No-Name-Turnschuhe sowie ein einfaches T-Shirt und Jeans trägt, wahlweise auf heute aller Kritik entrückte Lichtgestalten wie Helmut Schmidt oder Muhammad Ali. Es sind nicht zuletzt die Pausen, die peu à peu eingeworfenen Präzisierungen, die dann die Pointe ergeben, die entzücken. Tatsache ist, wie Miller erzählt: der Achim und seine Freundin hätten sich zuletzt noch nur angeschwiegen. "Manchmal". Naja, "oft". Okay: "Immer".

Mit dieser Analyse-Strategie geht Miller einige der vieldiskutierten, weil als elementar erachteten Probleme unserer Zeit an - vom "Klima-Dingsda" bis zu Katastrophen 11. September und Mauerfall. Es ist kein traditionelles, über "die da oben" jammerndes politisches Kabarett. Es ist vielmehr eine Alltagsstudie, die uns auf ihre Weise nicht minder gehörig den Spiegel vorhält. Wie vielleicht nur noch Dieter Nuhr kriegt der sich keinem Milieu anbiedernde Miller mit seiner Figur beide: den Lateinlehrer aus Bielefeld wie die Kassiererin aus Gorbitz.

Millers Alter Ego ist schlichtweg normal. Er mag ein Kleinbürger sein, aber die unter Arbeitern wie Intellektuellen verbreitete Grundstimmungen trifft er mit Sätzen wie "Öl ist die Währung, alles andere ist Griechenland!" auf den Punkt. Und spricht Millers Figur nicht vielleicht doch 95 Prozent der deutschen Bevölkerung aus der Seele, wenn er den Sinn der Energie"spar"lampe anzweifelt? Die zwei Wochen, die die Welt in 5000 Jahren dann dank dieser epochalen Maßnahme später untergeht, reißen's wohl nicht raus.

Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.10.2012

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