Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 2 ° Regen

Navigation:
Google+
Rolf Hoppes Hoftheater in Weißig feiert Zehnjähriges mit einer Festwoche

Rolf Hoppes Hoftheater in Weißig feiert Zehnjähriges mit einer Festwoche

Immer, wenn das Spiel beginnt, kommt nicht der Herr Prinzipal. Zuerst kommt Richard, die Hofratte. Richard kommt aus der Unterbühne, denn die ist neu.

Immer, wenn das Spiel beginnt, kommt nicht der Herr Prinzipal. Zuerst kommt Richard, die Hofratte.

Richard kommt aus der Unterbühne, denn die ist neu. Das Hoftheater hat keinen Hof-Rat. Das Hoftheater hat eine Hof-Ratte. Eben Richard. Der begrüßt, moderiert, conferiert. Richard hat sein Alter Ego: Dirk Neumann, der ihm sein Puppenleben einhaucht. Dirk Neumann ist schließlich gelernter Puppenspieler. Und außerdem so etwas wie die künstlerisch-technisch-organisatorische Seele der Liebhaber-Bühne da in Weißig, seit nunmehr zehn Jahren.

Ab und an ist auch der Herr Prinzipal präsent, der würdige Graubart, der Spiritus Rector des Unternehmens. 1995 hatte Rolf Hoppe mit anderen lokalen Kulturinteressierten die Idee von einer ganz publikumsnahen "Brettelbühne", einer Kammerbühne im rustikalen Ambiente. Geeignet für Lesungen, für intimes Theater, für Geschichten, Musik und Kabarett. Seine Verbündeten vom Kulturverein "Schönfelder Hochland" legten ein schlüssiges Konzept vor, mit Fokus auf ein ehemaliges Mustergut im alten Teil von Weißig, einen 150 Jahre alten Drei-Seiten-Hof. Den kaufte Rolf Hoppe 1997 und zwei Jahre später - nach intensiven Entrümpelungen und ersten Sanierungen durch die 20 Vereinsmitglieder - war der nunmehrige Herr Prinzipal Gastgeber des ersten Hoftheaterfestes. Die Geister, die der Weesensteiner Literatur-Schlossgeist schon seit Jahren rief, erschienen nun auch hier, bedingungslos und en masse: Statt der bescheiden erhofften 150 Eröffnungsgäste drängten 600 Hoppe-Fans in den Ex-Bauernhof. Sie standen dicht an dicht, saßen auf Tischen und Mauern. Prinzipal Rolf, überrascht, glücklich, nahm mit spürbar wohligem Kribbeln sein Bad, nicht auf der Tenne, dafür in der Menge - und Applaus ist eben auch das Brot des Künstlers.

Der Applaus ist als wohl temperierter Hintergrund des sorgsam abgesteckten Weges der kleinen Bühne geblieben. Künstlerische Ideen brauchen ihre praktische Entsprechung im Spannungsfeld von Wunsch und Realität. In drei Bauabschnitten sind die Enthusiasten des Kulturvereins mit viel Eigeninitiative dem Verfall des alten Gemäuers zu Leibe gegangen, Sanierung und Rekonstruktion genannt. Die Eigenleistungen, ein paar gute Gönner, Sponsoren genannt, dazu ein paar kommunale Zuschüsse haben's möglich gemacht, "Schritt für Schritt gings weiter", sagt Dirk Neumann. Ausbauliche Schritte, die noch nicht zu Ende sind, auch nach zehn Jahren nicht. Aber die Geschichte des kleinen Theaters ist auch eine Geschichte nicht nur der Publikumsresonanz. Auch eine andere Art von Öffentlichkeit wurde aufmerksam. 2005 wählte die Stiftung der Ostsächsischen Sparkasse den Hochland-Kulturverein zum "Verein des Jahres" und fünf Jahre später erhielt Rolf Hoppe den Bundesverdienstorden - auch für seine Verdienste um das neue Dresdner Kammertheater.

Im Juni 2002 gab's erstmals so etwas wie "Kunst im Kuhstall" mit Renate Geißler, Helga Göring, Wolfgang Dehler und Horst Schulze. Einen Monat später wurde das Theater in der Scheune provisorisch eröffnet. Am 23. April 1993 verbeugten sich Christine Hoppe und Thomas Stecher zum Schluss-Applaus der ersten eigenen Inszenierung: "Tschechow-Tschechowa". Und spätestens hier kommt der Mann ins Spiel, der das künstlerische Profil des neuen Theaters so entscheidend geprägt hat: Helfried Schöbel.

Er war - ist es hochbetagt noch immer - der Regie-Altmeister des Dresdner Theaters, der Mann mit der hochsensiblen Nase für das Aufspüren literarisch-theatralischer Perlen, für das anspruchsvolle Kammerspiel. Er hat großen alten wie guten jungen Schauspielern stets eine Bühne gegeben und nahezu sämtliche Inszenierungen der Weißiger Bühne bestritten. Klassische Stoffe und solche mit Sprachkultur und hintergründigem Humor, zeitgenössisch Zeitloses, Komödie und gelesene Theatralik. Und Meister Schöbel, der Unentwegte mit der Bühnenluft als Lebenselixier, zieht schon wieder die Fäden für die nächste Premiere: "Heimsuchungen" von David Hare mit Johanna Spitzer, Michael Günther und Schöbel-Enkel Philipp Schöbel am 24. November.

Das kleine Theater am östlichen Stadtrand hat sich allmählich auch als begehrter Ort und Kulisse für mehr oder minder interne Jubiläen empfohlen. Peter Schamoni beging hier seinen 70. Geburtstag, Gunther Emmerlich und Wolfgang Stumph ihre 60., Emmerlich feierte im "Kuhstall" 25 Jahre Semper House Band und natürlich gab sich auch der Herr Prinzipal zum 75. wie 80. Wiegenfest die Ehre. Die Erfolgsreihe "Ku(h)linarisches im Kuhstall" wartete regelmäßig mit Prominenz auf: Marita Böhme, Ludwig Güttler, Uta Schenk, Jan-Josef Liefers, Lutz Jahoda, Rainer König, Bernd Aust und anderen. Die Spielzeit 2011/2012 bot etwa 150 Theaterabende mit rund 11 500 Besuchern.

Ach so, ja: Richard. Er ist uralt und altert nicht. Er steht für Dresdens Musengeist und Theaterleben. Im Fürstenzug gibt es den Herrn mit dem Kriegsnamen "Friedrich der Gebissene". Richard könnte an ihm geknabbert haben. Worauf die Sachsen, die Dresdner, so kunstsinnig geworden sind. Ganz einfach, man muss nur komödiantische Fantasie haben. Wie die Truppe am Weißiger Hoftheater. Prinzipal Rolf Hoppe sagt mit dem ihm eigenen leisen Understatement zu den erfolgreichen Hoftheaterjahren: "Es freut mich sehr." Übrigens ist Richard - natürlich - auch zur Festwoche zum 10. Geburtstag des Hoftheaters ab 15. Oktober mit zahlreichen auswärtigen Gratulanten dabei. Karl Knietzsch

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.10.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr