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Robert Sterls Werke übers Klöppeln

Beeindruckend Robert Sterls Werke übers Klöppeln

Klöppeln verbindet nicht nur Fäden, sondern auch Menschen“, lautet eine alte Klöppler-Weisheit. Trotzdem ist das Klöppeln ziemlich aus der Mode gekommen. Und das nicht erst in den letzten Jahren, wie vielleicht mancher denken mag.

Schulkinder beim Klöppelunterricht in der Staatlichen Klöppelschule Oberscheibe im Erzgebirge (erste Hälfte des 20. Jh.)

Quelle: SLUB Dresden / Deutsche Fotothek / Foto: Walter Möbius

Struppen. „Klöppeln verbindet nicht nur Fäden, sondern auch Menschen“, lautet eine alte Klöppler-Weisheit. Trotzdem ist das Klöppeln ziemlich aus der Mode gekommen. Und das nicht erst in den letzten Jahren, wie vielleicht mancher denken mag. Bereits um 1900 kam man aufgrund des allgemeinen Rückgangs der Spitzenherstellung nicht umhin, die Einrichtung von Klöppelschulen im Erzgebirge zu beschließen.

So wurde 1908 seitens der Königlichen Kreishauptmannschaft etwa die Einrichtung einer Klöppelschule in Königswalde angeregt, wobei eine Verordnung vorsah, dass nur ausgebildete Lehrerinnen eingestellt, exakte Klöppelbriefe benutzt, gute Räume von den Gemeinden gestellt werden und ausreichende Musterauswahl angeboten wird. Die Klöppelschulen waren den Gemeinden unterstellt. Es wurde ein Klöppelschulausschuss gegründet, dem 1914 der Gemeindevorstand, der Pfarrer, der Kantor, der Vereinsgeschäftsführer, Handwerker des Ortes, zwei Spitzenverlegerinnen und die Klöppellehrerin angehörten. Die Gemeinde stellte einen Arbeitsraum, die Wohnung der Lehrerin und die Heizung und den Lohn.

Auch in Jöhstadt im Westerzgebirge bestand eine Klöppelschule – und die wurde Mitte September 1916 von dem Maler Robert Sterl (1867-1932) besucht, obwohl er von seiner Ehefrau Helene noch gewarnt worden war, dass es in Kriegszeiten im Erzgebirge um die Verpflegung schlecht bestellt sei. Mal abgesehen von einigen Skizzen waren vier Ölbilder der Ertrag dieses Aufenthalts, von denen zwei nun in der Ausstellung „Die Klöppelschule in Jöhstadt vor 100 Jahren“ im Robert-Sterl-Haus in Naundorf zu sehen sind: Eines – eine Leihgabe aus dem Museum Schloss Hinterglauchau – ist realistischer erfasst, das andere aus dem Nachlass des Künstlers lebt hingegen von der impressionistischen Auflösung in Farben und Licht.

Ein weiteres Bild befindet sich in Münchner Privatbesitz, das vierte Gemälde ist verschollen. Gezeigt wird nicht die Klöppelschule selbst, sondern immer eine Gruppe von Mädchen, die das Klöppeln erlernen. „Es handelt sich somit um ein Gruppenporträt oder vielmehr um ein Genrebild“, stellte Museumsleiter Andreas Quermann bei der Eröffnung klar. Kinder hatte der Landschafts- und Genremaler gut zehn Jahre früher regelmäßig dargestellt, war davon jedoch durch andere Themenfelder wie Steinbrecher, Musiker oder Russlandimpressionen abgekommen.

Erlebnisse an der Westfront verarbeitet

Doch jetzt – mitten im Krieg – greift er das Kindermotiv ein letztes Mal auf. Für Quermann kein Zufall. „Es hat den Anschein, als wollte Sterl sich geistig frei machen von den furchtbaren Erlebnissen an der Westfront, an der er sich davor mehrere Monate aufgehalten und Gewalt, Zerstörung und Tod dokumentiert hatte.“ Schon Horst Zimmermann habe in seiner Sterl-Biografie darauf hingewiesen, dass die konzentriert klöppelnden Mädchen weit entfernt vom fröhlichen, unbekümmerten Handarbeitsunterricht in Friedenszeiten seien, „darüber könnten auch die malerischen Feinheiten des Farbvortrags nicht hinwegtäuschen“.

Im Ernst ihrer Gesichter und in ihrem Schweigen spiegelt sich, so Zimmermann, vielleicht auch Kriegsalltag, während ihre älteren Brüder und Väter an den Fronten zugrundegehen. Der Betrachter schaut aus erhöhter (Lehrer-)Perspektive auf die Schülerinnen herab. In Zeichnungen und Einzelporträts erarbeitete sich Sterl die individuellen Gesichtszüge – ein Mädchen mit schwarzem Haar hatte es ihm besonders angetan. Licht und Farbe spielen die Hauptrolle, nicht der feinmotorische Herstellungsprozess der Spitzen.

In der Sonderausstellung werden neben zwei Versionen des Sterl-Gemäldes zudem sieben Vorzeichnungen und Studien von 1916 sowie Neuabzüge von fünf Aufnahmen aus einer zeitgenössischen Klöppelschule präsentiert (Deutsche Fotothek, Neuabzüge). So zeigt ein Foto von Walter Möbius, das wie die anderen Bilder auch wohl zwei Jahrzehnte später entstand, Schulkinder beim Klöppeln in der Staatlichen Kunstschule in Oberscheibe. Und wie schon auf den Gemälden Sterls, so haben auch auf den Fotos fast alle Mädchen ihre Haare zu langen Zöpfen geflochten.

Ergänzt werden die Kunstwerke durch Leihgaben aus dem Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz, das eine Mustervorlage der Klöppelbriefe, weiße und schwarze Klöppelspitzen sowie ein geklöppeltes Altartuch als Leihgabe für die Ausstellung „herausgerückt“ hat. Es wurden, wie deutlich wird, nicht nur weiße Spitzen gefertigt, sondern es wurde auch mit schwarzem Garn nicht zu knapp geklöppelt. Denn, so Quermann, „ältere Damen trugen oft Trauer und benötigten entsprechende Accessoires und Zierkanten, die ebenso Teil von Trachten sind – diese Mode ist in drei Porträt-Zeichnungen Sterls in der Ausstellung angedeutet“.

Jan Vermeers 1669/70 geschaffenes Gemälde „Die Spitzenklöpplerin“ ist nur als Fotodruck zu sehen, zeigt aber, dass die Kunst des Klöppelns nicht nur im Erzgebirge gepflegt wurde. Im Erzgebirge klöppelte man ohnehin nicht aus Spaß an der Freud’. Es war die schiere Not im Zuge des Niedergang des Bergbaus, die die Erzgebirger dazu trieb. Das offenbaren auch die Gemälde und die Fotos. Es kann natürlich der allgemeinen Kriegsnotlage – oder im Fall der Fotos aus den 1920er-Jahren der Weltwirtschaftskrise – geschuldet sein, aber viele Mädchen tragen eine Leinenschürze mit Maschinenspitze. Während sie also feinste Handspitzen zu klöppeln erlernen, tragen sie selber grobe Massenware, „Fast Fashion, wie eine Sonderausstellung im Hygiene Museum jüngst zeigte“, wie Quermann anmerkt.

Klöppeln auch als Erziehungsmethode

Ein Blick auf einzelne Paragrafen eines Regulativs aus dem Jahr 1874 für die aus Staatskassen unterstützten Spitzenklöppelschulen zeigt, dass gewisse Anforderungen gestellt wurden: So sah Paragraf 3 vor: „Zu erzieherlicher Hinsicht sollen die Spitzenklöppelschulen der häuslichen Erziehung unter die Arme greifen, die Schüler an Aufmerksamkeit und Fleiß, an Folgsamkeit und Pünktlichkeit, an Ordnung und Reinlichkeit gewöhnen und zu einem anständigen und gesitteten Betragen anhalten.“

Und Paragraf 5 verfügte: „Um die Schüler in ihrem eigenen Interesse schon von früher Jugend auf ans Sparen zu gewöhnen, sind mindestens 10 % ihres jeweiligen Arbeitsverdienstes in Abzug zu bringen und in einer Sparkasse zu hinterlegen.“ Die Herstellung von Spitzen wurde über ein Verlagssystem mit Überheberrechten auf Klöppelvorlagen organisiert. Vom Verleger erhielten die Klöpplerinnen und Klöppler (die Forschung geht davon aus, dass selbst von den erwachsenen Männern noch zehn Prozent durch heimisches Klöppeln das karge Familieneinkommen aufbesserten) Mustervorlagen, sogenannte Klöppelbriefe, und Garn. Gearbeitet wurde in Heimarbeit, den überregionalen Vertrieb übernahmen Händler.

Kenner wissen bestimmte lokale Muster und Epochenstile zu unterscheiden. In Sachsen wurden übrigens gern Spitzen aus Mecheln oder auch Chantilly nachgearbeitet. Laut Wikipedia ist die Schneeberger Spitze die einzige, und zwar um 1910 im Erzgebirge entwickelte Technik.

Der Zeichenlehrer Paul Rudolph an der Klöppel- und Zeichenschule in Schneeberg war von Verlegern beauftragt, neue Muster zu entwerfen. Diese sollten sich durch ein etwas stärkeres Material, vor allem schnellere Anfertigung und eine typische Gestaltungsweise auszeichnen. Dies gelang mit der Schneeberger Technik in allen Anforderungen.

bis 4. September, Do bis So 10 bis 17 Uhr, Robert-Sterl-Straße 30, Struppen

www.robert-sterl-haus.de

Von Christian Ruf

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