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Robert-Sterl-Haus zeigt Kriegskunst

Robert-Sterl-Haus zeigt Kriegskunst

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden die Soldaten schlafen. Aber der zweite Blick legt nahe, dass die Männer wohl tot sind. Es sind, gut zu erkennen an den überwiegend blauen Röcken und Mänteln und den roten Hosen, französische Infanteristen - und die hätten 1915 wohl keinen deutschen Maler so nahe an sich herangelassen.

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Robert Sterl. Soldatenbildnisse, Juvincourt, 28. Mai 1915, Kreide.

Quelle: Sterl Haus

Es war Robert Sterl, der sie festhielt. Erstaunlich ist auch, dass die Franzosen im zweiten Kriegsjahr immer noch diese gut erkennbaren und deshalb zu massiven Verlusten führenden Uniformen trugen. Denn im Gegensatz zu den Briten, die seit 1902 mit khakifarbenen Uniformen ausgestattet waren, und den deutschen Infanteristen in ihren seit 1907 feldgrauen bzw. graugrünen Uniformen, bei denen nur die rote Regimentsnummer an der mit einem Überzug versehenen Pickelhaube eine individuelle Markierung enthielt, marschierten französische, aber auch belgische oder serbische Militärs in den traditionellen (Parade-)Uniformen des späten 19. Jahrhunderts in Tod und Verderben.

"Ich verfluche den Krieg, weil er in meine ruhige, schöne Welt Unfrieden bringt, mein friedliches Herz erregt. Ich muss ihn aber auch segnen als das reinigende Gewitter, das eine frische Neuzeit einleiten möge", schrieb im August 1914 ein Angehöriger des böhmischen Wandervogels, einer der vielen Organisationen innerhalb der Jugendbewegung. Das "reinigende Gewitter" zog sich dann aber hin. Anders als gedacht, war Weihnachten keiner zu Hause, es sei denn als Verwundeter. Im zweiten Kriegsjahr reiste auch der Maler Robert Sterl an die Westfront. Nicht als Soldat, Sterl war immerhin bereits 48 Jahre alt, und auch nicht als offizieller Kriegszeichner, sondern auf eigenen Wunsch und mit Erlaubnis des Sächsischen Kriegsministeriums. Von Januar bis Juni und dann noch einmal für mehrere Wochen im Herbst 1915 war Sterl hauptsächlich beim XII. Armee-Korps bzw. beim I. Königlich Sächsischen Armeekorps, das in der Nähe von Reims in den Ardennen in Stellung lag. Sterl war bei Offizieren in der Etappe einquartiert, wurde aber auch regelmäßig zur Front mitgenommen, weiß Andreas Quermann, Leiter des Robert-Sterl-Hauses in Naundorf.

Hier gibt es derzeit die unbedingt sehenswerte Sonderausstellung "Zwischen Ruinen und Gräben". Gezeigt werden rund 30 von etwa 100 Werken, die Sterl an der Westfront 1915 schuf. Abgerundet wird die Schau von Feldpostkarten, die etwa Ruinen zerstörter Häuser und Kirchen zeigen, oder auch historische Fotos (auf einem sind vier Söhne von König Friedrich August III. zu erkennen). Im Keller wird u.a. ein Blatt präsentiert, auf dem eine Zeichnung von Soldaten zu sehen und ein langes Gedicht zu lesen ist. Der Anlass zum Reimen: Im Mai 1915 war ein u.a. Weihnachtsstollen enthaltendes Paket angekommen, das im November 1914 abgeschickt worden war!

Ein Tagebuch führte Sterl nicht, aber es gibt viele Hinweise in (Feldpost-)Briefen. Da ist etwa von der "wundervollen und ganz herrlichen Truppe" die Rede, oder es findet sich ein Satz wie "Wie wunderbar sehen diese zurück kommenden Menschen aus, eine große Schmutzkruste, verbundene Köpfe und Gesichter mit verwilderten Haaren und Bärten, die nicht zu vergessen sind." Das Spektrum an Gefühlsäußerungen ist breit, reicht von "Das ist das Größte in meinem Leben" bis zum Eingeständnis, "die ganze gewaltige Größe des menschlichen Elends tief erschüttert erlebt" zu haben. Hatte Sterl zunächst "Das Ganze als Studienreise mit außerordentlichem Material" erachtet, kam er dann irgendwann nicht umhin, sich einzugestehen: "Die Zeit hier auch ist entsetzlich und dieser Krieg ist ganz furchtbar". Sterl war anfangs wie so viele in Europa begeistert vom Krieg. "Er war beileibe kein Chauvinist, aber eben sächsischer Patriot, zumal als Hofmaler dem albertinischen Königshaus eng verbunden", sagt Quermann.

Die Arbeiten Sterls zerfallen laut Quermann in zwei Gruppen. Da sind zum einen Skizzen, Zeichnungen und Gouachen von Soldaten und Offizieren. Alles sehr fein, hübsch akademisch ausgeführt - und durchaus auch ein Zeugnis dafür, welch "begnadeter Porträtist Sterl" gewesen ist. Bezeugt wird Kameradschaft, auch soldatischer Stolz und Patriotismus. Idealisierte Sieger-Posen malte Sterl nicht, für pathetisch-heroische Kriegspropaganda war er nicht zu haben. Sehr realistisch sind auch Werke, die zerschossene Häuser und Kirchen zeigen, etwa in dem kleinen Ort Juvincourt. Sterl schreibt an seine Frau: "Täglich 50 schwere Granaten, die den Deutschen gelten. Die Schützen liegen seit 4 Monaten an derselben Stelle. Draußen zwischen den Feinden liegen seit Monaten unbeerdigte Deutsche und Franz." Andere Werke, darunter einige sehr expressive, offenbaren dagegen das, was man unter "Grauen des Krieges" versteht. Eine Kohlezeichnung zeigt, wie eine Granate inmitten von Feldgrauen explodiert. Auf einer anderen Kohlezeichnung, die einen "Nachtkampf in einem Steinbruch bei Conde" wiedergibt, fallen Soldaten nach unten. Auf einem weiteren Blatt ist eine dunkle Menschenmasse schemenhaft auszumachen, die in finsterer Nacht an einem Abgrund steht. Auf vielen Werken sind Soldaten-Friedhöfe wiedergegeben. Man sieht auch Feldgraue, die einen gefallenen Kameraden bestatten, der in ein weißes Leintuch eingehüllt ist. Ein bisschen erinnert das an eine Darstellung der Grablegung Christi - und zwar ohne dass es anmaßend oder blasphemisch wirken würde.

Nach der Niederlage 1918 rührte Sterl, der vier Jahre vorher noch so zuversichtlich gewesen war, "dass die Deutschen einfach unbesiegbar sind", das ersehnte und auch geschaffene (Skizzen-)"Material" nicht mehr an. Anders als Dix oder auch Grosz arbeitete er sich nicht am Krieg ab, für ihn war das Thema durch.

Bis 5. Juli. Robert-Sterl-Haus, Robert-Sterl-Str. 30 Struppen/OT Naundorf. Do-So 10-17 Uhr (Mai bis Oktober). Tel. 035020/70216 Am Sonntag, 16 Uhr: Mitglieder des Freundeskreises lesen Feldpostbriefe von Robert Sterl und Sonderführung www.robert-sterl-haus.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.06.2015

Christian Ruf

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