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Robert Czechowski inszeniert Camus’ „Caligula“

Theater Chemnitz Robert Czechowski inszeniert Camus’ „Caligula“

Caligula zählt nicht unbedingt zu den Vorzeigefiguren römischer Geschichte. Umso reizvoller ist er für Literatur, Film oder Bühne. In Chemnitz kam nun eine Inszenierung heraus, die sich an Albert Camus’ Bearbeitung des Themas orientierte. In der Titelrolle ganz vorzüglich: Stefan Migge.

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Keiner ist sicher vor Caligula (Stefan Migge, hinten), auch der alte Patrizier Senectus (Stefan Schweninger) nicht.

Quelle: Foto : Dieter Wuschanski

Chemnitz. Caligula ist einsam unter Verblühten: Sein Hofstaat residiert in einem modernen Tempel, behaust von alten, körperlich oder geistig dementen Ex-Mächtigen, darunter eine Garde blau uniformierter Patrizier und eine bronzene Pflegerschar – als Figuren liebevoll Ratten genannt. Sie alle sind in Aufruhr, denn ihr römischer Kaiser ist nach dem Tod der Lieblingsschwester Drusilla von dannen, das Reich darbt an Führerfreiheit.

Wie im wahren Leben unterstellt Albert Camus den beiden eine echte Liebesbeziehung, auch dessen Caligula erhebt (so wie jenes komische Original im Rom des Jahres 38 nach Christus) seine Schwester zur Ikone und kürt sie posthum venusgleich zur Göttin. Im Chemnitzer Schauspiel, wo das Werk in der deutschen Version von Uli Aumüller 71 Jahre nach der Pariser Uraufführung zur Premiere kam, verschwindet der Kaiser behufs Trauer erstmal im Publikum.

Als er zurückkehrt, spielt er ein böses Spiel mit allen Untertanen: Willkürliche Tests werden bestraft mit Tod, Vergewaltigung und Demütigung. Vor allem jene, die ihn verehren bis lieben – wie die dunkle Caesonia (Ulrike Euen) oder der goldene Dichter Scipio (Michel Diercks) –, straft er mit ätzender Belehrung über den Sinn seines wie ihres Lebens. Achtung kennt Caligula (Stefan Migge), den Diplomatie wie Unterwerfung sichtlich ankotzt, nur für jene, die ihm Paroli bieten. So wie der abgeklärte Ex-Sklave Helicon (Philipp von Schön-Angerer) oder der schlaue Cherea (Philipp Otto), der ihn als einziger direkt als „Schädling“ bezeichnet und aus reinem Sicherheitsstreben, also völlig logisch, umbringen mag. Doch dazu wäre, ob der Allmacht, ein Komplott vonnöten, was die paar treuen Vasallen bislang verhindern – zumal das Ganze ab und an nur als bitterböses Gesellschaftsspiel deklariert wird...

Bucht man Robert Czechowski, seit neun Jahren Intendant des Lubuski-Theaters in Zielona Góra, bekommt man ein Gesamtkunstwerk, das vor allem kraftvolle Bilder fabriziert, wo der Text mehr als Rhythmus denn als Botschaft dient. Das bewies er vor fünf Jahren in Zittau, als er Witold Gombrowicz‘ „Das Gastmahl bei der Gräfin Torremal” inszenierte, und ein Jahr darauf, als er eben dort dem sächsischen Theatertreffen 2012 als Gastspiel mit seiner Grünberger Version von Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ den Höhepunkt stiftete. Auch beim im Dreiländereck angesiedelten 3-Länderspiel sorgte er für Aufregung: Mit „Playhouse Creatures“, einem erotisch aufgeladenen Historienspiel von April de Angelis, widmete er sich schon einmal der Abstraktion von Theater im Theater.

In Chemnitz inszenierte er vor zweieinhalb Jahren „Leonce und Lena“ als wilden Totentanz unter der Grasnarbe, wo allerdings die Poesie von Büchners Text arg kurz kam. Doch schon damals sorgte die Choreografie von Pawel Matysiak für prickelnde Momente, so man sich auf harmonischen Einklang von Musik und Bewegung einlässt. Auch diesmal – bei einem stummen Laufsteg-Intermezzo der weißgekleideten Drusilla (Shana Sophie Brandl) – gelangen zeitlupenreine Bilderkompositionen, die man hierzulande sonst nur Jo Fabian zuschreibt.

Czechowski interessieren Albert Camus’ zeitgenössische Assoziationen weniger – er zeichnet den aus der Art geschlagenen römischen Kaiser als empathiefreien Despoten, dessen Autismus und Ekel über die Hofgesellschaft – laut Programmheft ein luxuriöses Feierabendheim mit 150-jährigen Greisen – mit großer körperlicher Exzentrik, die schon allein per Präsenz des Hauptdarstellers jedes Wutbürgertum unterdrückt. Er will Widerstand provozieren – und eigentlich von Heldenhand sterben.

So wirkt dieser Chemnitzer Caligula wesentlich griffiger als „Leonce und Lena“ – und Czechowski gönnt seinem Helden auch am Schluss keine echte Ruhe. Migges Kaiser kann man durchaus als die andere, die dunkle Seite von dessen ebenso strotzendem Hamlet – inszeniert von Czechowskis Landsmann Bogdan Koca – sehen, das vor zwei Jahren in Leipzig den ersten Preis der sächsischen Theatertage erhielt. Auch bei der anschließenden Ansprache im Garderobenfoyer wies Czechowski darauf hin, dass er seine vielköpfige polnische Premierendelegation auf das „Phänomen Migge“ eigens hingewiesen habe – und zeichnet ausdauernd alle Mitstreiter der Produktion, selbst Tontechniker und Praktikantinnen, mit eigenhändig eingewickelten Porphyrsteinen aus der Heimat aus – so geht Polnisch.

Bei Otto Normalbesucher weicht die Wucht der gewaltigen Elegie langsam aus den Gliedern in den Kopf, denn die hier erstrebte absolute Freiheit ist eine illusionslose, die keiner haben will. So wünscht man auch dem viel redenden Bundespräsidenten vor seiner Entscheidung zu einer zweiten Amtszeit einen Pflichtbesuch der 133 pausenlosen Chemnitzer Minuten.

Kleiner Tipp am Rande: So freie Wahl besteht, Reihe 1 und 9 möglichst meiden.

nächste Vorstellungen: 19. & 24. März (je 19.30 Uhr)

www.theater-chemnitz.de

Von Andreas Herrmann

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