Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Riskante Entscheidungen in Dresden - 500000 Valutamark für den Ankauf des Dix-Triptychons

Riskante Entscheidungen in Dresden - 500000 Valutamark für den Ankauf des Dix-Triptychons

1967 kündigte Otto Dix unerwartet den Leihvertrag für das Triptychon "Der Krieg" (1929-32), das in Dresden zunächst im Zwinger und dann im Albertinum ausgestellt gewesen war.

Voriger Artikel
1,4 Millionen Euro und im Herbst bezugsfertig: Der Neubau für den riesa efau Dresden
Nächster Artikel
Verwaltungschef der Staatlichen Kunstsammlungen: Museen sind keine Unternehmen

Der Entwurf für das Triptychon, 1929, gehört zu einem Konvolut von 44 Zeichnungen, die Otto Dix dem Kupferstich-Kabinett schenkte. © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Quelle: SKD

Für die Gemäldegalerie Neue Meister drohte mit dieser Kündigung der Verlust des wichtigsten Werkes aus der Abteilung Malerei des 20. Jahrhunderts, die sich damals noch im Aufbau befand. Erst zwei Jahre zuvor war die Dauerausstellung im Albertinum feierlich eröffnet worden. Auch Otto Dix und Direktoren der wichtigsten westdeutschen Museen hatte man zu diesem Ereignis geladen. Die neue Galerie sollte als ein wichtiges deutsches Museum für die Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts wahrgenommen werden. Garant dafür waren die herausragenden Bestände der Dresdner Romantik ebenso wie die erlesenen Werke des deutschen und französischen Impressionismus.

Wie aber sollte die deutsche Malerei des 20. Jahrhunderts gezeigt werden, wenn die wichtigen Stücke fehlten? Die Bilder der Brücke-Künstler, von Kokoschka, Beckmann und Dix waren 1937 beschlagnahmt worden und verloren. Zudem wurde die Geschichte der Malerei vor und nach 1945 den Vorgaben der Kulturpolitik in der frühen DDR entsprechend tendenziös dargestellt, und es wurden die Vorzüge des Realismus gepriesen. Propagiert wurde das Erbe der "proletarisch-revolutionären Kunst". Ein vermeintlich bürgerlich dekadenter Ästhetizismus hätte die jungen, "sozialistischen" Künstler auf eine falsche Fährte geführt. Dix' Triptychon "Der Krieg" war neben Werken von Hans Grundig als Vorbild eines, wie man betonte, kapitalismuskritischen Kriegsgegners von entscheidender Bedeutung. Nur mit einem solchen Werk, dessen künstlerische Qualität jenseits aller Versuche der ideologischen Vereinnahmung überzeugte, konnte man auswärtige Gäste ebenso beeindrucken wie die Künstler im Lande.

Gelegenheiten zu Ankaufsverhandlungen aber waren zuvor gescheitert oder versäumt worden. Dix, der durch Fritz Löffler vertreten wurde, hatte ein Angebot der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) als zu niedrig abgelehnt mit dem Verweis, das Triptychon sei nicht weniger bedeutend als Picassos "Guernica", und auch in Westdeutschland sei "die Unterbewertung der realistischen Malerei im Wesentlichen beendet". Funktionäre, unter anderem aus der SED-Stadtleitung in Dresden, und Museumsdirektoren berieten, was nun zu tun sei. 500 000 DM mussten aufgebracht werden, was aufgrund des Valutamangels in der DDR eine kaum lösbare Aufgabe darstellte. Im Februar 1968 fand schließlich ein Treffen der Dresdner Generaldirektion mit Kulturminister Klaus Gysi statt. Dabei wurde vereinbart, dass der Erwerb des Bildes unter Schweigepflicht "durch Verkauf von Depotbeständen über Mittelsmann (kein Zuschuss durch Regierung)" erfolgen sollte. Die Direktorenkonferenz der SKD beschloss, dass alle Anstrengungen unternommen werden müssen, um "das künstlerisch und ideologisch in gleicher Weise hochbedeutende Antikriegswerk für die SKD und damit die DDR" zu erhalten. Es sollten vor allem die Bestände an Dubletten, also doppelt oder in verschiedenen Ausformungen vorhandenen Werken, geprüft werden und zum Verkauf "nach Möglichkeit Werke ausgewählt werden, die nicht in gedruckten Inventaren der Öffentlichkeit bekannt sind".

Den Direktoren fiel, das zeigen die Akten, die Entscheidung, Werke zu verkaufen, nicht leicht. Sie beriefen sich darauf, dass ein Tausch von Kunstwerken international üblich sei, und führten zum Vergleich einen "Verkauf von bedeutenden Kunstwerken aus der Alten Pinakothek München im Werte von ca. 1 1/2 Millionen DM" an. Einige Sammlungsdirektoren gaben Begründungen ab, warum keinesfalls Stücke aus dem Bestand abgegeben werden könnten. Im Ergebnis wurde der Erwerb des Triptychons vorrangig durch den Verkauf von Stücken aus dem Historischen Museum (heute Rüstkammer) und wenigen Werken aus der Porzellansammlung finanziert. Unter den zum Kauf angebotenen Waffen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert befand sich ein stark beschädigtes Prunkrapier von 1606, das in der Schweiz wertsteigernd restauriert und in London zu einem unerwarteten Rekordpreis versteigert wurde. Dazu kamen zwei Werke aus dem Bestand des Grünen Gewölbes sowie 13 Gemälde, u.a. von Andreas und Oswald Achenbach, Lovis Corinth, Otto Dix und Fritz von Uhde. Abgewickelt wurden die Verkäufe über den VEH (Volkseigener Handelsbetrieb) Antiquitäten, der dem Kulturministerium der DDR unterstellt war.

Die Aktion hat bis in die 1990er Jahre hinein immer wieder zu Irrtümern, Spekulationen und Gerüchten Anlass gegeben. Es war angenommen worden, dass der zweifellos erlittene Substanzverlust in keiner akzeptablen Relation zu dem damals aktuellen Handelswert von Dix' Triptychon gestanden habe. Das beruhte wohl auf einem Lesefehler und lässt sich auf Grundlage der Archivakten korrigieren. Während einige Zeitungen den Erlös aus der Londoner Auktion von 1970 mit 91 000 Pfund bezifferten, meldeten andere 591 000. Insgesamt erbrachte der gesamte Verkaufsaktion mit 533 796,24 DM nur wenig mehr als den Kaufpreis, die Kredit- und Nebenkosten. Otto Dix selbst hatte parallel zum Abschluss des Kaufvertrages 44 Zeichnungen und das Gemälde "Badeanstalt an der Elbe" gestiftet. Mit der Übergabe der Zeichnungen, die mit ihm gemeinsam in Hemmenhofen ausgesucht wurden und unter denen sich viele Blätter befinden, die 1915-18 an der Front entstanden, wurde das Kupferstich-Kabinett Dresden zu einer international bedeutenden Sammelstätte der Werke von Dix.

Man kann heute zwar konstatieren, dass die Entscheidung der Museumsdirektoren 1968 für ein Werk gefallen war, das den Rang der Galerie Neue Meister als internationales Museum wesentlich mitbestimmt. Zuvorderst aber gilt es heute und künftig darum, die Museumsbestände gegen Eingriffe von außen, zum Beispiel zum Zwecke der Sanierung öffentlicher Haushalte, zu schützen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.06.2014

Birgit Dalbajewa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr