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Rimini Protokolls "Radioortung" macht Dresden zu einem begehbaren Museum der Zeitgeschichte

Rimini Protokolls "Radioortung" macht Dresden zu einem begehbaren Museum der Zeitgeschichte

Wir denken nicht mehr darüber nach, dass unsere Bewegungen in der Öffentlichkeit äußerst transparent geworden sind. Via Smartphones lässt sich im Handumdrehen herausfinden, wann wir uns wo befunden haben.

GPS-Tracker und Kameras im öffentlichen Raum tun ein Übriges. Jüngstes Beispiel: Boston.

Diese Allgegenwart einer Überwachung, die wir als solche nicht (mehr) wahrnehmen, an die wir uns schlimmstenfalls schon gewöhnt haben, ist immer wieder auch Thema in der Kunst. In Karlsruhe und Oldenburg waren beispielsweise vor nicht allzu langer Zeit Ausstellungen dazu zu sehen.

Unterhalb einer metaphorischen Ebene aber existiert, vor allem im Osten Deutschlands, natürlich ein zeitgeschichtlicher Bezug, verknüpft mit der DDR-Geschichte und der vom Staat damals geführten Überwachungskrake, der Staatssicherheit. Das bildet den Hintergrund für die Arbeit "Radioortung" des Theaterteams Rimini Protokoll, die am Freitag im Kleinen Haus ihre Uraufführung erlebt. Das Theater auf der Glacisstraße wird dabei aber nicht Aufführungsort, sondern Startpunkt einer thematischen Stadtbegehung, die jeder Teilnehmer individuell gestalten kann.

Nach monatelanger Recherche haben Rimini Protokoll dafür eine Stadtkarte erstellt, die der Besucher in die Hand bekommt. Sie zeigt 111 Stellen im Stadtraum, verteilt zwischen dem Hauptbahnhof im Süden und dem Alaunplatz im Norden. An jedem dieser Orte können Audiobeiträge über verschiedene Aspekte der DDR-Überwachung abgerufen werden. Besser gesagt, das werden die den Besuchern mitgegebenen Handys ganz automatisch tun, denn exakt dafür sind sie sozusagen vorprogrammiert. Per GPS weiß das System immer, an welcher Stelle der Besucher dieser ungewöhnlichen Installation (denn das ist dieses Format vor allem) sich gerade befindet - und lässt dann den dazugehörigen Hörbeitrag laufen. Diese Audioschnipsel sind verschieden lang: zwischen weniger als einer Minute bis mehr als zwölf Minuten. Zu Wort kommen Zeitzeugen, aber auch viele Tondokumente, darunter Aufnahmen von Vernehmungen, sind zu hören. Wer nach seinem Rundgang an den Ausgangsort zurückkehrt, kann sich sein Bewegungsprofil von der "Überwachungszentrale" im Kleinen Haus mitgeben lassen. Als Nachweis eigenen Interesses und als Beweis, dass es auch heute einen Big-Brother-Apparat gibt, zugegeben in ganz anderer Art und Weise.

Sachsens Stasi-Beauftragter Lutz Rathenow habe das Ganze maßgeblich initiiert, sagte Wilfried Schulz. Für ihn sei es "eine Art Ausstellung", fügte der Staatsschauspiel-Intendant an. Rathenow wiederum sprach davon, mit diesem Projekt "die Vergangenheit zu verlebendigen". Alle Beteiligten hoffen unter anderem auch darauf, bei Schulklassen Interesse für Thema und Umsetzung wecken zu können. Ein ähnliches Projekt gab es bereits 2010 in Berlin. "Aber in Dresden konnten wir mehr und tiefer recherchieren", erzählte Regisseur Sebastian Brünger.

Maximal 30 Handys können gleichzeitig genutzt werden. Sie werden gegen ein vorher normal an der Theaterkasse gekauftes Ticket eingelöst. Für die Ausgabe des Handys wird wiederum ein Pfand eingefordert: Ausweis oder Führerschein. "Bitte wieder abgeben, sonst wird getrackt", sagte Brünger lachend. Jaja, Big Brother...

i"Radioortung", Premiere Freitag, ab 16 Uhr, Kleines Haus

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.04.2013

Torsten Klaus

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