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Rimini Protokoll nimmt sich in Dresden Hitlers Pamphlet vor

„Mein Kampf“ Rimini Protokoll nimmt sich in Dresden Hitlers Pamphlet vor

Die Theatergruppe Rimini Protokoll warf ein paar nähere Blicke auf Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Viel Kontext, aber wenig Gegenwartsbezug – das war das Fazit ihres Gastspiels im Dresdner Schauspielhaus.

Bücher über Bücher. Doch geredet wird über ein recht zweifelhaftes.

Quelle: Candy Welz

Dresden. Zwölfeinhalb Millionen mal ist „Mein Kampf“ bis 1945 verkauft worden. Man musste es haben, aber nicht gelesen haben. Das scheint 2016 nach Ablauf der Urheberrechte durch den Freistaat Bayern, der einen Neudruck bis dahin verhinderte, nicht anders zu sein. Bis Ende des Vorjahres war die Hetzschrift nämlich nicht verboten, wie viele annehmen, Das ebenso üble wie peinliche Machwerk Adolf Hitlers, geschrieben im Landsberger Knast, ist als kritisch kommentierte Neuausgabe ein Bestseller. Was nicht heißt, dass die, die dem Hype folgen, es auch lesen, meinte der Historiker Wolfgang Benz in der auf das Gastspiel von „Rimini Protokoll“ folgenden Diskussion am Mittwochabend im Kleinen Haus.

Nach diesem Abend wird man das Gefühl nicht los, dass auch die Beschäftigung von Rimini Protokoll mit „Mein Kampf“ Teil dieses Hypes ist. Unaufgeregt zwar, vielleicht schon zu lässig, befassen sich sechs überaus sympathische Darsteller mehr mit Geschichte, Rezeption, sozusagen mit den Features des Buches, als dass sie sich mit dem Inhalt auseinandersetzten. Das passt und passt wiederum nicht ganz zum Rimini-Trio, das als Meister des dokumentarischen und authentischen Theaters gilt. Helgard Haug und Daniel Wetzel nahmen diese Produktion in die Hand. Als Kulisse dienen die gleichen riesigen Bücherregalwände, wie sie die Befassung mit dem „Kapital“ von Karl Marx vor neun Jahren benutzte. Auch Akteure von damals sind erneut dabei.

Aber kann man sich „Mein Kampf“ ähnlich unbefangen nähern? Einen Satz aus dem „Völkischen Beobachter“ von 1938, den das sehr informative Programmheft zitiert, kann man nämlich aus dem sonstigen verlogenen Schwulst isolieren und gelten lassen: „Wer das Buch des Führers besitzt und ist schon damit fertig geworden – der hat es schlecht gelesen!“ Die Akteure wollten auch durchblättern, durcharbeiten und sehen, wie es ihnen dabei geht, sagt Regisseur Daniel Wetzel. Dass diese Auseinandersetzung „heiter ironisch“ ausgefallen ist, befremdet aber doch in einer Zeit, in der ganz Europa bräunlicher wird und überall die ewig zu kurz Kommenden zum Kampf blasen. Folgerichtig erscheinen jene Passagen, die mit Parallelen zum heutigen Sprachgebrauch aufhorchen lassen, erst ganz zum Schluss und sind sehr knapp gehalten.

Da waren schon mehr als zwei Stunden vergangen, die streckenweise ermüdeten oder durch häufige Sprünge auch anstrengten. Der an sich sehr passenden und theatergemäßen Kombination von Anekdoten, persönlichen Berührungen und Haltungen, dokumentierten Textpassagen, Videoillustrationen und Hip-Hop -Einlagen des wunderbaren türkischen Politikwissenschaftlers und Musikers Volkan T Error fehlt es an Stringenz. Dieses Manko kann die bezwingende Ausstrahlung der Akteure, die man gar nicht als Laiendarsteller bezeichnen möchte, nicht ganz ausgleichen. Die Jura-Professorin Sibylla Flügge, die junge Juristin Anna Gilsbach, Restaurator Matthias Hageböck aus der Anna-Amalia-Bibliothek Weimar, der Israeli Alon Kraus und vor allem der blinde Christian Spremberg kontrastieren allein schon mit ihrer Offenheit und menschlichen Wärme mit den gruseligen Neurosen des „Führers“.

An nahesten sind sie uns, wenn sie ihre persönlichen Empfindungen bei der Lektüre dieses „Evangeliums einer neuen Zeit“ – so Goebbels – schildern. Die Sprache klinge nach rollenden Panzern oder dem Kratzen von Fingernägeln auf einer Schultafel, heißt es. Aber auch von einer kindlich empfundenen „faszinierenden Gewalttätigkeit“ ist die Rede. Hätte man nach der Lektüre in den 1930-er Jahren nicht wissen müssen, was Hitler vorhatte? Wehret den Anfängen, möchte man warnen, aber da verharrt die Reflexion der Rimini-Akteure in der Vergangenheit. Über die erfährt man aber viel Wisssenswertes. Wie die Auflagen des Machwerks lawinenartig anschwollen, wie viele Millionen Hitler selbst daran verdiente. Dass es ausgerechnet in dem nicht gerade zahmen Mutschmann-Dresden nicht generell an Eheschließende verschenkt wurde, weil die Kommunen die Kosten dafür selber aufbringen mussten. Das Stadtsäckel schien schon damals ein Loch zu haben. Anekdotisch wird erzählt, wo und wie „Mein Kampf“ nach dem Krieg entsorgt wurde und wo die Alliierten den Verbleib gestatteten.

Wer unbedingt wollte, konnte die Führerbibel schon immer lesen, und nicht nur im Netz. Es verblüfft schon, welche Verbreitung sie im arabischen Raum, in der Türkei, in Indien oder gar als Manga-Comic längst gefunden hat. Ein Zuschauer in Reihe acht im Kleinen Haus bekam das Werk samt Leselampe auch für eine halbe Stunde zur Einsicht. Amüsant klang ein Diskurs der beiden Juristinnen über die Frage, ob „Mein Kampf“ unter den Volksverhetzungsparagraphen 130 des Strafgesetzbuches fallen müsste. Die Versuche, das Werk heute in Buchhandlungen oder Bibliotheken aufzustöbern, erheitern ebenfalls. Eine Station in der Antarktis führt es jedenfalls nicht im Bestand.

Die Momente bleiben allerdings rar, wo einem solches Schmunzeln ob der Folgen völkischen Ungeistes gefriert. Rimini Protokoll arbeitet derzeit an einer Radiofassung, über deren Wirkung nur spekuliert werden kann. Trotz gelegentlichen Unbehagens würde aber der Autor dieser Zeilen den Eintrittspreis für eine Rimini-Vorstellung allemal dem Kaufpreis von 59 Euro für die Buch-Neuausgabe vorziehen.

Von Michael Bartsch

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