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Rihm, Lachenmann und Beethoven im Sinfoniekonzert der Musikhochschule

Rihm, Lachenmann und Beethoven im Sinfoniekonzert der Musikhochschule

Gesundheit ist für Musiker ein wichtiges Thema: An den Hochschulen angebotener, passender Sport und Gymnastik dienen dem Ausgleich, damit Haltungsschäden gar nicht erst entstehen. Kümmern sollte man sich aber auch um die seelische und kulturelle Gesundheit.

Dresden. Gesundheit ist für Musiker ein wichtiges Thema: An den Hochschulen angebotener, passender Sport und Gymnastik dienen dem Ausgleich, damit Haltungsschäden gar nicht erst entstehen. Kümmern sollte man sich aber auch um die seelische und kulturelle Gesundheit, die sich über die Ohren regulieren und verbessern lässt. In der Dresdner Musikhochschule ist im Studienalltag schon allein durch die vielfältigen Aktivitäten des KlangNetz Dresden dafür gesorgt, dass das Studentenohr nicht beim ewig gleichen Repertoire und Etüdenüben verkümmert - anders gesagt: gesund ist, sich seine Offenheit zu bewahren und den musikalischen Horizont stetig zu erweitern. Und wie will man einen Beethoven heute verstehen, wenn man nicht mit allen Sinnen der Gegenwart auf ihn blickt? Alles andere wäre verstaubt und museal.

Umgekehrt sind wir mit musikalischen Kenntnissen aus Jahrhunderten heute in der Lage, auch aberwitzigste Experimente der Gegenwart umzusetzen und sie miteinander oder mit der Tradition in Beziehung zu setzen. Vor solch einem Hintergrund erschien die Einladung der beiden bedeutenden Komponisten Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann (letzterer seit 2010 Ehrendoktor der Hochschule) nur konsequent; die Einbeziehung der Studenten gelang mit einem Orchesterkonzert, Workshops und einem Kammermusikabend im Rahmen der "Freundschaft"-Konzertreihe von KlangNetz Dresden. Dass die Grenzüberschreitung in der Musik in verschiedene Richtungen eine sinnliche, in jedem Fall aber von Komponist, wie - im günstigsten Falle - Interpret und Zuhörer auch existenzielle Erfahrung sein kann (so auch das Motto der Rihm/Lachenmann-Veranstaltungen), machte das Sinfoniekonzert mit dem Hochschulorchester unter Leitung von Ekkehard Klemm im Konzertsaal der Hochschule schnell deutlich.

Das Einhören und später auch tiefere Eintauchen in die neue Klangwelt war die Aufgabe für Wolfgang Rihms 1992 entstandenes Violinkonzert "Gesungene Zeit". Die verkleinerte Orchesterbesetzung kommentiert oder malt den überwiegend melodisch gestalteten Solopart, der wie ein einziger langer Atem wirkt, farblich aus, Kontraste, Impulse und Steigerungen scheinen organisch aus dem Material zu erwachsen. Die Solistin Jooeeun Lee (Violine) und die Musiker hatten lediglich ein wenig Probleme, einen - verständlichen - anfänglichen Respekt abzulegen und einen etwas mutigeren Einstieg in die fragilen Linien zu gestalten. Doch immer wieder entstanden zauberhafte Momente der Stimmverschmelzung, spielte sich Lee mehr und mehr mit dem Stück frei. Letztlich blieb insgesamt ein kleiner Wunsch nach etwas mehr Emotionalität im Ausdruck offen, aber die eben respektvolle Sorgfalt, mit der hier zu Werke gegangen wurde, konnte genauso beeindrucken und verlieh diesem Rihm-Werk fast mehr die Kontur einer Zeichnung denn eines Gemäldes.

Dass es mit dem folgenden Werk von Helmut Lachenmann schon ästhetisch in diametrale Richtungen gehen würde, war klar - spannender war allerdings, Gemeinsamkeiten herauszufinden oder die gegenseitige Wirkung zu betrachten. Reduziert man beide Stücke auf - nur auf den ersten Blick - marginale Parameter, so ist klar: Beide haben ein Anfang und ein Ende, beide ringen mit der (sinfonischen) Form und widmen sich intensiv dem Thema Klangfarbe. Während Wolfgang Rihm aber den Ausdruck innerhalb klassisch erzeugter Töne formt, hat der Interpret bei Lachenmann schon in der Entstehung des Tones Pionierarbeit auf seinem Instrument zu leisten - und dies auch noch innerhalb einer 48-köpfigen Streichergruppe samt drei Klavieren (Yukiko Sugawara, Marianna Storozhenko und Peter Naryshkin), denen Lachenmann eine Bedeutung als Saiten- und Resonanzinstrument fernab der bloßen Tasten-"Bedienung" zugestand.

Ekkehard Klemm leitete die hervorragende Aufführung von "Klangschatten - mein Saitenspiel" an, in der ausgerechnet durch die Selbstverständlichkeit der Präzision eine Ebene zu Tage trat, die man Neuer Musik selten zutraut, nämlich die von Leichtigkeit und Humor. Seien es die zu Beginn eine rhythmische Assoziation von "Par-dauz" oder "Pa-Damm" hervorrufenden Saitenschläge und Pizzicati oder die an Ping-Pong-Spiele oder Kugellabyrinthe erinnernden Bewegungsmuster des letzten Drittels - hier trat eine kindliche Ebene der Neugier hervor, die - zumindest beim Zuhören - den oft in himmlische Höhen wachsenden hehren Anspruch der Neuen Musik oder die damit verbundene Arbeit in den Hintergrund treten ließ.

Dies allein wäre schon faszinierend genug gewesen, doch Klemm und dem Hochschulorchester gelang anschließend noch eine sehr überzeugende, höchst energetische Wiedergabe von Ludwig van Beethovens 3. Sinfonie, der berühmten "Eroica". Exzellente Holzbläser, mit Achtungszeichen versehene Nebenstimmen und ein schwungvoller, jederzeit mit Klemms in den Ecksätzen flotter und kraftvoller Interpretation mithaltender Duktus waren hier zu beobachten.

Schön, dass Klemm dem Vivace ein eher ruhiges Zeitmaß gab, nachdem der zweite Satz "Marcia funebre" mit Höllenfahrt und Totentanz im Ausdruck zum Höhepunkt der Aufführung geriet. Schöner, moderner, ja, zeitgemäßer mag man sich "alte Musik" kaum vorstellen. Und die Neue Musik gehört zwingend dazu, danebengestellt und ins Gespräch, Gericht und Gebet genommen. Mit dieser Art von Pflege der Musikergesundheit, die auch das Publikum quicklebendig macht, ist die Hochschule auf dem richtigen Weg.

von Alexander Keuk

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