Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Revolution und Spitzentanz - "Ballet Revolución" in der Dresdner Semperoper

Revolution und Spitzentanz - "Ballet Revolución" in der Dresdner Semperoper

Strenge, klassische Technik, neoklassische Eleganz, Elemente des modernen Tanzes, natürlich fernab aller missverstandenen Konzeptkunst, die sich der Freude an der Bewegung so gerne verweigert.

Voriger Artikel
Interesse an Dresdner Jugendtheater gewachsen
Nächster Artikel
Die kostbaren Früchte - Ausstellung des Neuen Sächsischen Kunstvereins e.V.

Die sieben Tänzerinnen und zwölf Tänzer zeigtn in "Ballet Revolución" ihr großes Können und scheuen sich nicht, Stile zu vermischen.

Quelle: Dietrich Flechtner

Hier sieht man das Gegenteil. Hier sprüht der Tanz vor Lebensfreude. Hier schlägt der Übermut Funken, der Name "Ballet Revolución" sagt es: Wir drehen alles um, wir stellen die Konventionen auf den Kopf. Warum nicht auf Spitze Mambo tanzen, warum nicht zum Rap ganz unverhofft eine klassische Attitüde einfließen lassen, warum nicht den Tango einmal von superstarken Frauen dominieren, um dann wieder zu zeigen, wie zärtlich sie sich bewegen können? Vier Tänzerinnen mit der Sängerin Noybel Gorgoy Reyes und ihrer berührenden Interpretation des Songs "Read all about It", von Emeli Sandé, das sind nachdenkliche Momente, ein Lied voller Licht, das die Schatten besiegen kann, wie es im Text heißt, dazu zärtlicher Tanz mit schönsten neoklassischen Anklängen an die Musikalität der Bewegungen eines Altmeisters wie George Balanchine. Und dann Kontrast, Elemente der Rap-Kunst, ein Übergang, wie er aufregender nicht sein könnte, "Purple Rain", Prince and The Revolution.

Ballet Revolución in Dresden, das ist ganz große Show, das ist Unterhaltung der Spitzenklasse, was den Tanz angeht, ganz wörtlich, was die Sprünge von einer Stilrichtung in die andere angeht, von verblüffender Wirkung.

Sie können es einfach, diese sieben Tänzerinnen und diese zwölf Tänzer, allesamt Absolventen der berühmten Escuela Nacional de Arte in Havanna, 1961 gegründet, hervorgegangen aus dem 1948 von Alicia Alonso und ihrem Ehemann und Tanzpartner Fernando Alonso gegründeten privaten Ballet Alonso, seit 1959 das Ballet Nacional de Cuba. Fernando Alonso starb letztes Jahr im Alter von 99 Jahren, Alicia Alonso ist heute mit 94 Jahren noch immer aktiv, nicht zuletzt auch als kritische Stimme, wenn es um Einschränkungen künstlerischer und journalistischer Freiheiten geht.

Die kubanische Primaballerina Alonso brachte von ihrer Zeit am New Yorker Broadway und vor allem als Solistin beim American Ballet Theatre moderne Einflüsse in ihre Heimat. Sie verstand es, diese zu verbinden mit den tief in der Geschichte ihres Landes verwurzelten Tanztraditionen, seien sie zeremonieller Art oder aufbegehrender, körperlicher Ausdruck revolutionärer Überlebensfreude. Alles aber, auch spätere Einflüsse aus Pop, Rap, HipHop oder Breakdance, wird in dieser einmaligen kubanischen Tanzausbildung regelrecht grundiert durch die fundamentalen Anforderungen einer strengen, klassischen Ausbildung. Diese aber, auch das kann man gut beim Dresdner Gastspiel der kubanischen Kompanie sehen, öffnet sich vielen Einflüssen, und so kann es eben sein und wie selbstverständlich wirken, dass die klassische Pirouette, jene wilde Drehung mit ihrer raumgreifenden Ausrichtung, in den aus dem Stand explodierenden Moonwalk übergeht, wie wir ihn von Michael Jackson kennen. Aus den frappierenden Grands jetés oder einer Cabriole, jenen faszinierenden Flugbewegungen des klassischen Tanzes, können im nächsten Augenblick wirbelnde, bodennahe Varianten aus der HipHop- oder Breakdance-Szene werden.

Und schon geht es wieder auf, immer wieder, unverzichtbar, der Bezug zur Höhe, die Schwingen der Seelenvögel, weit ausgebreitet, die Varianten der Arabesque, Spitze oder auf der halben Spitze, und immer sind die Körper der Tänzer gespannt wie Saiten, man erlebt so etwas wie visuelle Körperklänge.

Gleich zu Beginn des zweistündigen Abends, der wie im Flug vergeht, geben uns die Tänzer eine kleine Lektion. Sie führen uns in den Ballettsaal, klassisches Training an der Ballettstange, dann von der Individualität in die Gruppe, in die grandiosen, synchron getanzten Variationen, die uns immer wieder ebenso verblüffen werden wie die athletische, mitunter artistische Sprungtechnik der Tänzerinnen und Tänzer nach dem Motto: Darf's noch ein Salto mehr sein? - jetzt aber rückwärts.

Und dann noch eine gänzlich klassisch-romantische Variation, bevor die Show an Fahrt gewinnt und sich die Stile mischen, was sich am Ende ganz und gar nicht als wilder, gefälliger Mix erweist, sondern als ein großes Fest des Tanzes in seinen vielen Facetten, die längst nicht ausgeschöpft scheinen. Schöner Nebeneffekt für alle Verächter des Spitzenschuhs, von wegen ausgedient, noch längst nicht ausgereizt, das zeigen sie uns, diese kubanischen Ballettrevolutionäre.

Ja klar, dieser Tanz hat starke männliche Komponenten, wunderbare Machos mit Augenzwinkern, die plötzlich ganz in Weiß mit rosa Regenschirmen ihre Späße treiben oder als Designerclowns mit Modebrillen zu Spaßvögeln mit Sprungfedern werden, und wenn man so gut gebaut ist wie Moisés León Noriega, dann soll man es zeigen. Oder wenn man so grandios, bei unwahrscheinlich hoher Technik der Beine, ganz leicht und elegant die Arme führt, dabei konzentriert bis in die Fingerspitzen wie Yanier Gómez Noda, der dabei auch noch mit minimaler Kopfbewegung flirten kann, dann wäre es sündhaft, dies dem Publikum vorzuenthalten.

Aaron Cash und Roclan Gonzalez Chaves sind die Choreografen dieser fröhlichen Tanzshow, Jorge Gonzalez hat nicht an glitzernder, direkter oder indirekter Körperbetonung bei den Kostümen gespart, und die siebenköpfige Superband mit dem genialen Luis Palacios Galves, Congas und Percussion, der Sängerin Noybel Gorgoy Reyes und dem Sänger Weston Foster, mit Osmar Salazar Hernandez als Bassisten und musikalischem Chef, heizt ein und auf, so dass man am Ende nicht immer ganz genau weiß, kommt der Tanz aus der Musik oder die Musik aus dem Tanz, und genau so muss es wohl sein.

Ballet Revolución, Dresden, Semperoper, bis zum 3. August. Tickets über Vorverkauf der Semperoper, 0351 4911705 www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.07.2014

Boris Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr