Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 1 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
„Requiem für Auschwitz“ erinnerte an den vergessenen Völkermord an Sinti und Roma

Hommage an ein missachtetes Volk „Requiem für Auschwitz“ erinnerte an den vergessenen Völkermord an Sinti und Roma

Einige Augenblicke der Stille nach dem Verklingen der Glocken hätte das Publikum am Mittwochabend in der Frauenkirche noch mit dem Schlussapplaus warten können. Der spiegelte dann aber minutenlang die Ergriffenheit wider, die während einer Stunde „Requiem für Auschwitz“ im nahezu vollbesetzten Kirchenraum zu spüren war.

Voriger Artikel
Die Staatsoperette Dresden und ihre ersten Premieren in der neuen Spielstätte
Nächster Artikel
Städtische Museen Dresden verzeichnen gegen den Trend ein Besucherplus

Aufführung des „Reqiuems für Auschwitz“ in der Frauenkirche

Quelle: Foto: Klaus Gigga

Dresden . Einige Augenblicke der Stille nach dem Verklingen der Glocken hätte das Publikum am Mittwochabend in der Frauenkirche noch mit dem Schlussapplaus warten können. Der spiegelte dann aber minutenlang die Ergriffenheit wider, die während einer Stunde „Requiem für Auschwitz“ im nahezu vollbesetzten Kirchenraum zu spüren war. Opulente Chorsinfonik verfehlte auch in diesem Konzert ihre Wirkung auf das Gemüt nicht, und am 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz verstärkte das Sujet diesen Eindruck noch. Der 27. Januar ist über die Erinnerung an bis zu 1,5 Millionen systematisch ermordeten Auschwitz-Toten zum Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus geworden. Und zu diesen Opfern zählten auch etwa eine halbe Million Sinti und Roma.

Daran wollte der 1956 in der Schweiz geborene und in den Niederlanden lebende Musiker und Komponist Roger „Moreno“ Rathgeb erinnern. Ein musikalischer Autodidakt wie viele Sinto-Musiker, der sich erst spät an die klassische Notenkommunikation gewöhnte. Ein Besuch in Auschwitz 1998 verstörte ihn derart, dass er das geplante Requiem für die Opfer erst elf Jahre später vollenden konnte. 2012 uraufgeführt, war es bislang in mehreren europäischen Hauptstädten zu hören. Das Festspielhaus Hellerau lud ihn und das einzigartige europäische Sinti- und Roma-Orchester im Rahmen des dreiteiligen „Romamor-Festivals“ nach Dresden ein. Worüber sich Rathgeb besonders freute, denn auch bis zu ihm hat es sich herumgesprochen, dass an den Montagabenden in Dresden nicht gerade aus „Zigeunerliebe“ demonstriert wird, um mit Franz Lehár zu sprechen. Deshalb hielt er eine Aufführung in Dresden für „heikel“. „Vielleicht kann sie aber auch manchen ans Denken bringen“, fügt er mit hintersinnigem Lächeln hinzu.

Dieses „ans Denken bringen“ gehört neben der Erinnerung an die Auschwitz-Gräuel ohnehin zu den erklärten Intentionen des Komponisten. Sinti und Roma haben einen „jahrzehntelangen Kampf der Anerkennung“ als Nazi-Opfer führen müssen, wie Romani Rose als Vorsitzender ihres Zentralrats in Deutschland in seiner Begrüßung sagte. Sie werden zwar heute nicht mehr in Gaskammern gesteckt. Aber nach wie vor sind sie nirgendwo in Europa gern gesehen, hartnäckig hält sich das stereotype Bild vom „Zigeuner“. Sie sind aber entgegen diesen Klischees meist wider Willen Migranten und Nomaden. Dirigent Riccardo M. Sahiti wuchs im Tito-Jugoslawien auf. Aber sein Leidensweg und der seiner Familie begann erst nach dem Kosovo-Krieg von 1998. Leidenschaftlich berichtet er von brennenden Häusern und Vertreibung. Und empört sich, wenn mit Blick auf die Balkanflüchtlinge von „sicheren Herkunftsstaaten“ gesprochen wird.

So folgt denn Rathgebs „Requiem für Auschwitz“ einesteils der katholischen Liturgie einer Totenmesse. Es ist aber ebenso eine Hommage an das vielleicht musikalischste Volk der Erde und entfaltet ein Panorama von Klage, Schwermut und Lebensfreude. Die Harmonik folgt weitgehend konventionellen Regeln, „moderne“ Dissonanzen und Schroffheiten meidet Rathgeb und folgt lieber großen melancholischen Melodiebögen. Diese oft schlichten Wendungen sind aber geschickt instrumentiert und dramaturgisch inszeniert. Es bedarf nicht erst der typischen Zigeunertonleitern oder des harmonisierten Molls, um deren Herkunft zu vermitteln. Besonders fiel im „Agnus Dei“ ein leidenschaftliches Solo von Konzertmeister Julian Dedu vom Landestheater Eisenach auf, ein vehementer gebürtiger Rumäne, der in den Proben wie ein Ko-Dirigent agierte. Erstaunlich, wie sich das Projektorchester in nur eineinhalb Probentagen zusammenraufte.

Und ohne die glänzende Einstudierung des Universitätschores durch Christiane Büttig wäre ein so kurzfristiger Konzerterfolg nicht möglich gewesen. Der stark verjüngte Studentenchor hat unter ihrer Leitung viele Fortschritte gemacht. Vom sämtlich mit der Dresdner Semperoper verbundenen Solistenquartett konnte man einen professionellen Auftritt erwarten. Aber auch bei der Russin Elena Gorshunowa, bei Christa Mayer, dem Amerikaner Simeon Esper und Sebastian Wartig war eine besondere Motivation spürbar. Vielleicht verdient Espers Lichtheit und Klarheit in tenoraler Höhe eine besondere Erwähnung. In räumlicher Höhe, am vertrauten Spieltisch der Kern-Orgel erfüllte Samuel Kummer sowohl in zarter Continuo-Funktion als auch bei monumental überhöhten Passagen eine dem Orchester gleichwertige Aufgabe.

Mit vollem Körpereinsatz hielt Riccardo Sahiti den riesigen Apparat zusammen, glich Synchronitätskonflikte schon früh aus. Die Liebenswürdigkeit in Person, verabschiedete er sich am Ausgang von möglichst vielen Besuchern persönlich. Die hatten nicht nur ein Klangbad genossen, sondern manchen Schauer sprichwörtlicher Gänsehaut verspürt. Das finale „Libera me“ mit der Wiederholung des „Dies irae“ blieb hier weniger eine Bitte als ein wuchtiger Imperativ.

Von Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr