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Reiner Feistels Abschied als Landesbühnen-Ballettchef ist eine sehr gelungene "Carmina Burana"-Inszenierung

Reiner Feistels Abschied als Landesbühnen-Ballettchef ist eine sehr gelungene "Carmina Burana"-Inszenierung

Diese Musik fordert Bewegung geradezu heraus. Mit ihrem forcierenden, rhythmischen Duktus regt sie die Geister an wie auf, beschwört eine Art Welttheater, in das zwangsläufig jeder mit einbezogen ist.

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Tanz und Multimedia-Spektakel vereint Reiner Feistel in seiner "Carmina Burana"-Inszenierung und gibt jedem des Ensembles seinen Bühnen-Raum.

Quelle: Sylvio Dittrich

Kein Wunder, wenn bei der Premiere der als Multimediales Tanztheater gebotenen "Carmina Burana" an den Landesbühnen Sachsen das Publikum vom ersten Moment an wie gebannt dem Bühnengeschehen folgt, sich die Suggestivkraft des Werkes von Carl Orff in der Einspielung vom London Philharmonic Choir & Orchestra unter Leitung von Zubin Mehta als explosives Gemisch erweist.

Die 1937 als szenische Kantate uraufgeführte Komposition ist mit den aufrührenden Texten der "Beurer Lieder" Impuls und Woge zugleich, verlockend für viele Choreografen. Mit diversen Möglichkeiten, auch des Scheiterns. Und der Versuchung, das so bildhafte Werk opulent aufzubauschen. Reiner Feistel entscheidet sich - frei von jedweden Zugeständnissen - für eine sympathisch konsequente, schlüssige Erzählweise. Die Tänzer agieren im kahlen Bühnenraum, sind frei von der Hast, sich fortlaufend im Habitus verändern zu müssen. Gemeinsam mit Stefan Wiel (Ausstattung) und Stefanie Krimmel (Kostüme) nutzt der Choreograf die Tugend, auf alles Überflüssige zu verzichten. Und das ist eine gute Entscheidung.

Unverkennbar bleiben die Tanzdarsteller im Fluss des Lebens, den jeweiligen Lied-"Stationen" sie selbst, variieren in ihren Verhaltensweisen, werden manipuliert, widersetzen sich, sind inmitten des Stroms mal drauf oder drunter, bewegen sich als Getriebene, Treibende. Gestürzte, Aufstrebende. Feistel entwirft ein Figurenspektrum, wo jeder der 14 Tänzer Gesicht und Charakter zeigen kann, die Gruppe nicht minder gewichtet ist wie zeitweise Herausgehobene. Der enorme Zusammenhalt, Qualität als verbindender Maßstab und eine bewundernswerte Dynamik machen den Abend zu etwas ganz Besonderem. Wo man sicherlich Leistungen differenzieren könnte, aber das ist nicht entscheidend. Was zählt, ist das gemeinsame Wollen und Können, und das schaffen die Tänzer auf wunderbare Art und Weise.

Ist es nicht verblüffend? Da stellt Reiner Feistel, der in der kommenden Spielzeit als Chefchoreograf an die Städtischen Theater Chemnitz wechselt, seine Abschiedsarbeit vor, und nach gut 15 Jahren aufreibender Arbeit in Radebeul vermag er es einmal mehr und doch verblüffend neu, sowohl das Publikum wie auch seine Kollegen und sich selbst zu überraschen. Wagt gemeinsam mit seiner kleinen, von ihm handverlesenen und geformten Gruppe aus der veränderlichen Gegenwart heraus Tore in Künftiges aufzustoßen. Und das auf einem Niveau, das kaum an große oder kleine Häuser gebunden ist, das ihm und seinen künstlerischen Partnern wie Karolina Dieter sowie jedem der mitwirkenden Tänzer einfach zur Ehre gereicht. Hölderlin hatte einst mit "Komm! Ins Offene, Freund!" zum Gang ins Freie geworben, und als Metapher lässt sich diese Gedichtzeile bestens zitieren. Der Gedanke ist ebenso zutreffend für ein Gehen mit Dank, ein Kommen mit Neugier, für Selbstvertrauen, Ermutigung. Letzteres ist in der mit Intensität und Bewegungsideen durchpulsten Aufführung permanent zu erkennen. Beispielsweise dann, wenn der junge ungarische Tänzer Norbert Matkovics als Fortuna derart in Erscheinung tritt, dass man sich um seine künftigen Aufgaben als Tänzer - er geht mit ins Engagement nach Chemnitz - wohl kaum noch Sorgen machen muss. Er ist gut aufgehoben bei Reiner Feistel, denn dieser legt Wert auf Entwicklungen, verteilt Chancen halbwegs gerecht, lässt Begabungen heranreifen.

Das Besondere an Matkovics ist seine unglaubliche Beweglichkeit. Wo nimmt er das bloß her, dieses intelligente, katzenartig beherrschende Spiel, wenn er den Mann (Till Geier) so behende manipuliert, als spiele der Kater überlegen mit einer Maus. Oder sich seitlich ins Blickfeld der leeren Bühne schiebt - als Kopf und Körper einer geordneten Schar mit diversen Bewegungsmodulen, Zeichen einer aus den Fugen geratenen Welt. Als Personifikation der am Schicksalsrad drehenden Gottheit wird er in der Sichtweise von Feistel zu einer Art Magier, der die Wankelmütigen lenkt, Richtungen vorgibt, andere in den Bann zieht. Letztlich aber müssen die Menschen für ihr Glück in der geschlossen erzählten, fabulierenden Geschichte einfach selbst sorgen.

Dass der Abend auf vordergründige Opulenz verzichtet, ist keine Schwäche, eher eine Stärke der Aufführung. Allerdings will Feistel zumindest in der visuellen Wahrnehmung mit der Vision eines größeren Ensembles spielen, und so bezieht er als ständigen Begleiter Videoprojektionen aus dem (zuvor aufgenommenen) Inszenierungsgeschehen mit ein, gemeinsam erarbeitet mit Michael Keil. Zunächst wirkt das etwas unschlüssig, bindet Aufmerksamkeit. Aber die zeitversetzten Video-Dopplungen im Hintergrund geben dem realen Bühnengeschehen tatsächlich auch mehr Raum, öffnen ihn perspektivisch zu einer größeren Dimension. Und mit der Zeit entwickelt sich eine Korrespondenz, die mehr ist als nur ein visuelles Abbild. Daraus entstehen zuweilen neue Qualitäten. Beispielsweise dann, wenn Isabel Dohmardt als Engel auf Erden im fernen "Himmel" ein sphärisches, nicht zu greifendes Pendant findet.

inächste Aufführungen: 13.4. Theater Meißen; 14.4., 9. & 19.5. Stammhaus Radebeul

www.dresden-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2013

Gorgas, Gabriele

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