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Regisseur und Fotograf Larry Clark zeigt Werke in Berlin

Regisseur und Fotograf Larry Clark zeigt Werke in Berlin

Überall Schamhaare. Das Ausstellungsplakat zur ersten großen Personalausstellung von Larry Clark zeigt - nach dessen Angaben - die Intimzone seiner jungen Freundin mit Clarks tätowiertem Vornamen.

Schamhaare in Berlin.

Es ist eine klare Ansage und führt dennoch in die Irre. Klar ist, dass der Eintritt ins altehrwürdige C/O-Postfuhramt für unter 18-Jährige nur in Begleitung von Erwachsenen möglich ist (in Paris kamen Jüngere nicht mal auf diese Weise hinein). Irre meint das Fehlen einer gediegenen erotischen Komponente, die das Plakat noch suggeriert. Der heute 69-jährige Clark hat sich als Fotograf und Filmregisseur vom Klischee des amerikanischen Traums stets ferngehalten. Für die Moralwächter in den Staaten wurde er zum Albtraum. Und das schon früh.

16- bis 18-Jährige sollten sich auf jeden Fall für ein paar Stunden einen Erwachsenen "leihen", um diese beeindruckende Schau zu sehen. Denn in ihrer Eindeutigkeit und Unverblümtheit, in ihrem zeitgeschichtlichen Gewicht und - vor allem - der künstlerischen Qualität erzählt sie viel von Entwicklungen und Zuständen aus der Zeit vor Madonna und Lady Gaga und deren Spielchen mit Sex und Skandal. Sie rückt vieles zurecht von dem, was in eher lästigen Seifenopern, Serien und Free-TV/Kino-Flachstrecken über angebliche Realitäten des Teenielebens erzählt wird. Larry Clark wollte die Schonungslosigkeit vor der Kamera. Die hatte in der Hoch-Zeit und beim Ausklang der Hippie-Ära nun mal sehr explizit auch mit Drogen zu tun. Mit Gewalt. Mit Waffen. Die sexuelle Befreiung erreichte noch die ländlichste Region, als Blumenkinder jeglicher sozialer Herkunft forsche Experimente mit sich selbst wagten. Auch Inzest hat es immer gegeben.

Clark hasste Verlogenheit und Bigotterie von Anbeginn seiner Arbeit. Denn die Arbeit war gelebtes Leben. Auch deshalb ging er in die Kinderzimmer, in die Vor- und Hinterhöfe, an die Flüsse, auf die Straßen seiner Heimatstadt Tulsa/Oklahoma. Schwarzweiß-Aufnahmen der 1971er "Tulsa"-Serie befinden sich im ersten Raum der Ausstellung. Dass sich die Motivauswahl jahrzehntelang nicht groß ändern sollte, sondern auf frappierende Kontinuität setzte, dass selbst der alternde Clark weiter auf Jugendliche fixiert war, wurde ihm mehr als einmal zum Verhängnis und mit Vorwürfen bis hin zu dem der Pädophilie belegt. Auch das ist längst kein Phänomen mehr, sondern bitterer Alltag.

Schon als 13-Jähriger begann Clark zu fotografieren, seine Mutter hatte einen Fotoladen. Es waren die niedlichen Babys der Nachbarn, die er für Familienalben ablichten durfte. Drei Jahre später setzte er sich die erste Nadel und sah die Dinge in den Mittelstands-Suburbias klarer, besonders jene, die mit propagierter Sauberkeit nichts zu tun hatten. Es war seine Realität und die seiner Freunde. Es war "fucked up" (Clark). Und die Kamera war dabei.

Larry Clark wollte nie vorsätzlich provozieren, es wäre ihm zu billig gewesen. Er wurde zum Chronisten, und doch verriet seine Bildsprache zeitig einen ausgeprägten Kunstwillen. Noch heute ist der Betrachter hin- und hergerissen bei der persönlichen Entscheidung, angewidert oder berührt zu sein, die Inszenierung zu sehen oder den Zufall, moralisierende Urteile zu fällen oder es besser zu lassen. Erigierte Penisse in jedem Raum, Paare beim Petting und dem Danach, Knarren, Spritzen, Einstiche. Porträts - Selbstporträts. Im Latino Jonathan Velasquez fand Clark in den 2000er Jahren eine Art Liebling, auch mit ihm die Farbe. Er komponierte den jungen Mann zwischen Pose und Einkehr.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Larry Clark seine ersten Kinofilme gedreht. Spät ist er dazu gekommen, es begann mit einem Musikclip für Chris Isaak, "Solitary Man" entstand 1993 - Clark war 50. Mit 52 verfilmte er ein Drehbuch des damals 20-jährigen Skaters Harmony Korine. Es ging um den Freizeitsport in New York, ja, vor allem aber ging es um Sex und die Angst, Aids zu bekommen - und den HI-Virus längst in sich zu tragen. "Kids" wanderte sofort auf den US-Index, wurde verhindert, verurteilt, verteidigt. Regulär durften ihn nur Menschen sehen, die älter waren als die in ihrem wahren Alltag skizzierten Jugendlichen. Ein bis heute wiederkehrendes Symbol der Ohnmacht offizieller Stellen. Das wiederum führt zumeist zum Kultstatus, und "Kids" ist Kult. Kein Nachfolger Clarks hat das so weltumspannend wieder geschafft, weder "Bully" (2001) noch "Ken Park" (2002). Die Themen hier: gelangweilte Jugendliche bei Skaten, Sex, Gewalt, Missbrauch. Wieder "könnte der Film gegen moralisches Empfinden verstoßen". Regisseurskollegen wie Kevin Smith ("Clerks") oder Gus van Sant ("My Private Idaho") waren vielleicht geschickter und in Sachen Erzählkraft sicher kinofreundlicher, beeinflusst aber wurden sie von Larry Clark.

Insgesamt sind 200 Arbeiten aus über 40 Jahren in Berlin zu sehen, Videos laufen in TV-Geräten und auf einer Leinwand. Eine späte, aber nicht zu späte erste Werkschau in Deutschland. In einer noch jungen Serie mit Collagen aus Briefen, Zeitungsausschnitten, Fundstücken und Postern ist zu lesen: "Lieber Vater, meine größte Angst ist, wie Du zu werden." Trotz der eindeutigen gesellschaftlich-sozialen Relevanz erzählen Clarks Werke vor allem von Individuen und Familien. Vielleicht ist das der wichtigste Aspekt jenseits aller frühen und späten Diskussionen. Andreas Körner

bis 12. August, C/O-Galerie Brelin, Oranienburger Str. 35/36, geöffnet täglich von 11 bis 20 Uhr

www.co-berlin.info

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.07.2012

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