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Regisseur Volker Metzler kritisiert die Theater-Gegenwart in Dresden

Regisseur Volker Metzler kritisiert die Theater-Gegenwart in Dresden

Mit der Theatergruppe Dramaten versuchte Regisseur Volker Metzler die Installation einer Hinterhausbühne in Dresden. Dieses Experiment ist, zumindest vorerst, gescheitert.

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Theater-(Mann) in Unterhosen: die bildliche Umsetzung von Volker Metzlers Situationsbeschreibung.

Quelle: Benjamin Metzler

Im Interview erzählt der 48-Jährige von den immer wieder leidigen Geldproblemen, aber nicht nur. Er spricht im DNN-Interview mit Torsten Klaus auch über die Aufmerksamkeitsmonopole der großen Dresdner Bühnen - und warum er das Konzept der Bürgerbühne für reaktionär hält.

Frage: Die Dramaten-Bühne in einem Hinterhaus auf der Königsbrücker Straße existiert nicht mehr, die Räume werden mittlerweile von einer Galerie genutzt. Was ist passiert, dass die Dramaten keinen Ort mehr haben?

Volker Metzler: Seit 2009 engagierten wir uns für die Weiterbildung im Bereich Darstellende Künste: einerseits um Schauspieler, Tänzer, Dramaturgen, Theaterpädagogen, Regieassistenten und Kulturmanager handwerklich zu qualifizieren und ihnen andererseits für die Zeit der Maßnahme ein Gefühl von Zugehörigkeit und Sinn zu geben. Ich hatte lange das Gefühl: Wir machen etwas Qualitätsvolles. Ökonomisch war es von Beginn an aber schwierig. Weiterbildung funktioniert normalerweise so: Vorn steht einer, unten sitzen hundert. Dann rechnet sich das. Wir hatten dagegen eine Eins-zu-Eins-Betreuung aufgebaut: ein Mentorensystem, Individualunterricht. Trotzdem gab es innerhalb von drei Jahren einen extremen Teilnehmerschwund. Über die Gründe kann man orakeln. Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise haben die Jobcenter die Latte für den Bildungsgutschein merklich höhergelegt: Weiterbildung liegt im Ermessen des Arbeitsvermittlers. Also kamen nur noch die ganz Harten, die sich beim Vermittler auf den Teppich werfen und sagen: Ich geh nicht, bevor der Schein unterschrieben ist.

Dazu kam, dass ich Ende 2011, Anfang 2012 viel Geld hätte anfassen müssen, um die erneute Zulassung für die Durchführung der Weiterbildung zu bekommen. Geld, das ich nicht hatte. Zudem stehen nach drei Jahren der Nachweis der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens und die Schaffung einer sozialversicherungspflichtigen Stelle an. Ich selbst fühlte mich als Leiter des Ganzen auch ausgepowert, desillusioniert. Wir wollten eigentlich eine Balance aus Weiterbildung und Theater, kamen aber in eine absolute Schieflage - und dazu dann der wirtschaftliche K.o. Ich konnte also den Leuten nicht mehr helfen und verkümmerte auch selbst. Außerdem wollten wir uns wieder stärker auf unsere eigene künstlerische Arbeit konzentrieren.

Die Dramaten hatten aber in ihrer Sperrigkeit manches Interessante auf die Bühne gebracht.

Wir hatten auch das Gefühl, eine eigene Handschrift zu entwickeln. Aber wie gesagt, ohne Geld... Es war jedoch absurd, bei fehlenden Einnahmen noch weitere Kosten zu produzieren. Wir konnten ja kaum noch die Miete aufbringen.

Dann keimte aber noch mal kurz Hoffnung?

Ja, das letzte Aufbäumen des Patienten (lacht). Wir konnten unsere Probenräume vermieten, aber dadurch waren wir plötzlich zu Gast in unserem eigenen Haus. Es gab also nur einen Tausch der Unwägbarkeiten. Also machten wir im Sommer 2012 eine Ende und gingen raus aus den Räumen.

Das Hangeln von einem Projekt zum anderen hatten Sie schon im Vorfeld als eins der Grundprobleme bezeichnet, nicht nur für die freie Theaterszene. Das ist aber nicht das einzige Problem, oder?

Die hiesige Theaterszene hat sich in den vergangenen Jahren seit den Amtsantritten von Wilfried Schulz am Staatsschauspiel und Dieter Jaenicke in Hellerau extrem verändert. Über die Auswirkungen dieser - zugegeben erfolgreichen - Arbeit für die Peripherie, an der Leute wie ich unterwegs sind, wird aber öffentlich nicht reflektiert. In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es in Dresden nur noch zwei Bühnen: Staatsschauspiel und Hellerau. Beide Häuser haben für sich das absolute Aufmerksamkeitsmonopol, gegen das man als Betreiber einer Hinterhausbühne vollkommen chancenlos ist. Damit kämpfen im übrigen auch andere Dresdner Bühnen, nur dass keiner den Mut hat, mal den Mund aufzumachen. Dazu kommt die Förderpraxis in Sachsen. Schon vor Jahren habe ich darauf hingewiesen, dass man auch hier von der Projektförderung zur Konzeptförderung kommen muss, um eine nachhaltige künstlerische Entwicklung von professionellen freien Gruppen zu gewährleisten. Mit einer ständigen existenziellen Not kann das auf die Dauer einfach nicht funktionieren.

Ist es nicht klar, dass sich Staatsschauspiel und Hellerau stark positionieren? Schließlich muss das Publikum ja auch dorthin gelockt werden.

Aber nicht um jeden Preis, glaube ich. Eins der erfolgreichsten Projekte ist ja die sogenannte Bürgerbühne. 1989 sind wir als Schauspieler aus unseren Rollen herausgetreten, um die Bühne als Forum zu nutzen für freie Meinungsäußerung und dem Bürger zu sagen: Wir gehören zu euch. Jetzt findet die Umkehrung dessen statt. In meinen zwei linken Augen ist das reaktionär: Der Bürger gehört mit seiner Meinung auf die Straße, nicht auf die Bühne. Auf die Bühne gehören Schauspieler. Ich gehe auch nicht ins Krankenhaus und sag zum Chirurgen: Geh mal zur Seite, jetzt mach ich das mal. Das ist doch in Wahrheit Marketing und kein künstlerischer Akzent, schon gar keine inhaltliche Auseinandersetzung. Ich sehe das mit einer Mischung aus Abscheu und Erstaunen.

Also freie Szene contra große Theater...

In Dresden existiert ja gar keine freie Szene. Es gibt eine Reihe von Theaterleuten, die frei arbeiten, aber eine richtige Hinterhofszene, wie ich sie als Schauspielstudent vor 20 Jahren in Moskau oder Krakau schon erlebt habe, gibt es hier nicht. Außerdem assimilieren die Staatstheater schon seit Jahren Inhalte und Formate, die in der freien Szene entstanden sind. Ein Beispiel dafür ist René Pollesch, der dort seine Formate entwickelt hat und schon längst Teil des Staatstheaterbetriebes geworden ist. Da steht das Off irgendwann in Unterhosen da und fragt sich: Wie kann ich mich jetzt neu erfinden, wo ist mein Platz?

Das Societaetstheater profitiert aber beispielsweise durch die Kooperation mit Hellerau.

Ja klar, weil es dadurch Dinge bewegen kann, die allein wahrscheinlich nicht machbar wären. Das ist ja der Sinn von Kooperationen. Um Festivals zu organisieren, braucht man vor allem Geld und Netzwerke. Je mehr man von beidem hat, um so besser.

Was müsste sich denn ändern aus Ihrer Sicht?

Zunächst müsste sich tatsächlich ein Bewusstsein darüber bilden, dass wir eben nicht in der besten aller möglichen Welten leben. Die Theater sollten entweder von wirtschaftlichem Druck befreit werden oder ihm gänzlich ausgeliefert sein. Es fehlt mir ein Bekenntnis der Politik wie der Theatermacher selbst, in die eine oder andere Richtung. Volles Haus - gutes Theater, leeres Haus - schlechtes Theater: Das ist keine Philosophie. Die Theater sollten nicht geführt werden wie Wirtschaftsunternehmen, mit den gleichen Mechanismen. Es sollte wieder mehr Zeit und Aufmerksamkeit geben für die Entwicklung von Persönlichkeiten und Ensembles. Und was meine eigene Situation und die meiner Mitstreiter anbelangt: Alles, alles muss sich ändern.

Am 15. und 16.3., jeweils 20 Uhr, zeigt das Societaetstheater Volker Metzlers Regiearbeit "Perplex" nach einem Text von Marius von Mayenburg

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.03.2013

Torsten Klaus

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