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"Raus aus Åmål" als musikstrotzendes Stück über die Pubertät am tjg

"Raus aus Åmål" als musikstrotzendes Stück über die Pubertät am tjg

Oh Gott, die Pubertät. Ein Zustand, den niemand je zurückhaben wollen kann. Anderen beim Erwachsenwerden zuzusehen in dieser Phase ist recht peinlich. Dazu gesellt sich die grausige Vorstellung, welches Bild man einst selbst abgegeben haben muss, damals, als man als Jugendlicher erstmals Grundsätzliches verhandelte.

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Stress pur herrscht zwischen den Schwestern Elin (Sara Klapp, l.) und Jessica (Ulrike Sperberg).

Quelle: Klaus Gigga

Ein Stoßgebet dem Erfinder selektiver Erinnerung.

Elin, Agnes, Jessica, Markus, Johann, Victoria und all die anderen jungen Leute in Åmål machen da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Ihr Auftreten löst eine Welle wissenden Fremdschämens aus - wenn man als Zuschauer die Pubertät hinter sich weiß. Für den Teil, der noch mittendrin ist, spiegelt sich dagegen in dieser schwedischen Kleinstadt all das, was sie selbst gerade durchmachen. Und bei der Premiere von "Raus aus Åmål" am theater junge generation zeigte sich, wie viel Begeisterung das auslösen kann, trotz der Ambivalenzen, die für jeden Jugendlichen jeden Tag aufs Neue lauern.

Doch zurück, zumindest kurz, zum Fremdschämen (ich geb's zu, meine Pubertät liegt schon Lichtjahre zurück). Der Theatersitz ist manchmal gar nicht tief genug, um darin zu versinken. Aber dann sind die Erinnerungen wieder da: Angeber, Arschlöcher, Rebellen, Anpasser, die Stillen. Die Reihung könnte ich jetzt minutenlang fortsetzen, aber ich will ja niemanden langweilen. Gut jedenfalls, dass das Kleinhirn sofort relativiert, im Hinterkopf sich im Handumdrehen die Bilder eigener, naja, Verhaltenskapriolen einstellen. Tatsächlich, so war ich auch mal. Unvorstellbar. Gruselig. Realität. Kopfschütteln. Nicht-wahr-haben-wollen.

Der Ritt auf dem Rasiermesser beginnt mit Musik - und wird auch damit enden. Lars Kutschke (schlicht erstklassig) stöpselt seine Gitarre ein und wird zum Begleiter, zum Soundtrack-Macher dieses Theaterabends. Placebos "Every You Every Me" steigt dabei zu einer Art Leitthema auf. Einerseits untermalt die Musik das Bühnengeschehen, verstärkt es sogar. Andererseits ist diese Reminiszenz an die Filmvorlage (die aber einen komplett anderen Soundtrack hatte) manchmal etwas viel - auf Kosten des Szenischen. Die knapp 90-minütige Fassung des Regisseurs Taki Papaconstantinou kommt auch deutlich kürzer daher als die Deutsche Erstaufführung am Berliner Grips-Theater 2005.

"Raus aus Åmål" ist am tjg vor allem geprägt durch eine immer wieder- kehrende Rasanz. Gleich zu Beginn streiten sich die Schwestern Elin (Sara Klapp) und Jessica (Ulrike Sperberg). Ihr "Hab-ich-nicht-hast-du-doch" wird zu einem reichlich wiederholten Motiv des Abends. Jessicas Satz, dass ihre Schwester "ein Jahr jünger, aber hundert Jahre blöder" wäre, ist auch so eine Grundzuschreibung in Tagen der Pubertät: Die ganze Welt ver- steht mich nicht, die ganze Welt kann mich mal.

Im Film ist es Agnes (im tjg gespielt von Nadine Boske), die sich in Elin, die von allen Angehimmelte, verliebt. Auf der Bühne bleibt das ambivalenter. Manchmal scheint es gar, als wäre es eher Elin, von der die Verliebtheit ausgeht. Agnes sucht Freunde, Anschluss, nachdem sie mit ihrem Vater Olof (Ulrich Wenzke) nach Åmål gezogen ist. Elin will nur weg. Agnes ist die buchstäbliche Einzelkämpferin, Elin ist nie allein, aber einsam. Dass sich die Dinge in diesem Nest nicht ändern, niemals, jagt ihr jedes Mal, wenn es ihr bewusst wird, einen Mordsschreck ein. Dennoch ist es nicht nur die aus allem fast automatisch resultierende Zwangsläufigkeit, die die beiden jungen Frauen zueinander bringt.

Denn da sind auch noch die anderen, Jungs. Vor allem Markus (Gregor Wolf), der hormonstrotzende Wortführer, und sein Freund Johann (Nahuel Häfliger). Markus ist Jessicas Freund, getrieben von einer Macho-Attitüde, eifersüchtig, großmäulig, aber keine Leuchte. Johann ist stiller, verschossen in Elin, kommt ihr nahe und verliert sie wieder. Die Jungs bleiben aber im Vergleich zu den Mädchen schablonenhaft. Ihre Szenen sind mehr von Körperlichkeit geprägt. Ein Zugeständnis an die oft festzustellende Rückständigkeit von Jungs zu Mädchen während der Pubertät? Andererseits hatte auch die Filmvorlage von Lukas Moodysson Ende der Neunziger eben jene Ambivalenz ebenfalls schon in sich getragen: eine Geschichte, die durch Authentizität überzeugte (was sie übrigens auch auf der Dresdner Theaterbühne tut), deren Charaktere aber nicht allzu tief gestaltet werden.

Dass sich nichts ändert in Åmål, spiegelt die Bühneneinrichtung (Martina Schulle) selbst. Ein zehn Meter langes Sofa wird zur bildgewordenen Verlängerung der Langeweile Richtung Unendlichkeit. Selbst wenn man Seite an Seite sitzt, scheint man doch nie nahe beieinander. Die Entfernung zu anderen, zu sich selbst, zur Zukunft, zur Welt während der Pubertät hätte nur schwer ein besseres Bild bekommen können.

Wenn Agnes und Elin am Ende zu ihrer Liebe stehen, hat das natürlich was von Happy End. Gerade in Åmål, wo die durchfahrenden Autos, die die Jugendlichen von einer Brücke aus beobachten, noch die stärkste Ahnung von Freiheit mit sich bringen, weil sie irgendwo anders hinfahren, ganz egal wohin. Für Agnes und Elin ist zumindest in diesem Moment alles klar, scheint sich ihre Ungewissheit aufgelöst zu haben. Lars Kutschke singt dazu "Friday I'm in Love" von The Cure. Und man möchte plötzlich glauben, dass immer Freitag ist. Torsten Klaus

nächste Aufführungen: heute 19.30 Uhr, 19.-22.6. jeweils 10 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2012

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