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Ralf Stabel sprach zur Ausstellung "Im Netzwerk der Moderne" über Will Grohmann und die Tänzerinnen

Ralf Stabel sprach zur Ausstellung "Im Netzwerk der Moderne" über Will Grohmann und die Tänzerinnen

Biografien sind oft voller Geheimnisse. Familienmitglieder, Freunde, Beteiligte nehmen sie mit ins Grab, andere wieder "graben" diverse Details dazu aus. Speziell bekannte Persönlichkeiten müssen damit rechnen, dass man ihnen intensiv nachforscht.

Wenn sie Glück haben, dann erst nach ihrem Ableben. Dass es zwischen Will Grohmann und Palucca ein geheimnisvolles Band gegeben hat, das heute nur noch schwerlich zu entwirren ist, darüber äußerte sich Ralf Stabel schon in der 2001 erschienenen Biografie "Tanz, Palucca!". Doch er beließ es bei zurückhaltenden Formulierungen. Zeitgenossen wie auch andere Palucca-Biografen benutzten deutlichere Worte.

Zum Vortragsabend "Grohmann & der Tanz" mit historischen Filmen im Rahmenprogramm der Ausstellung "Im Netzwerk der Moderne" im Lipsiusbau äußerte sich Ralf Stabel dazu etwas detaillierter. Und ging vor allem darauf ein, dass es stets um weit mehr als nur Privates gegangen sei. Grohmann habe mit viel Gespür dafür gesorgt, dass die deutsche Tanzmoderne, die schon bald auf viele Länder ausstrahlen sollte (nicht zuletzt auch auf Amerika), justament in Dresden ihren Ausgangspunkt genommen hat.

Zunächst hatte Grohmann gemeinsam mit dem Maler Lazar Segall 1919 Mary Wigman nach einer aus ihrer Sicht katastrophalen Vorstellung in Berlin dazu ermutigt, ihr Glück doch lieber in Dresden zu versuchen. Und tatsächlich wurde das in jeder Hinsicht der Beginn einer engen Freundschaft. Insgesamt 22 Jahre bestand die Wigman-Schule unter ihrer Leitung in Dresden, bevor sie 1942 nach Leipzig und 1946 nach Berlin ging. Und sie blieb Grohmann zeitlebens verbunden. Eine Art Wahlverwandtschaft, meinen die Eingeweihten - es könnte auch etwas mehr gewesen sein.

Palucca, Schülerin von Wigman und im künstlerischen Vorankommen von ihrem Mann Friedrich Bienert engagiert unterstützt, erfährt spätestens ab 1930 ebenso die forcierte Förderung von Will Grohmann. Gallebitter schreibt Mary Wigman, als Palucca 1935 die Leitung des Studienganges Moderner Tanz an den Deutschen Meisterwerkstätten für Tanz in Berlin angetragen wird, in ihr Tagebuch: "Mir steht der Ekel bis zum Hals. (-) Die treibende Kraft, die hinter dieser unterirdisch geführten Verdrängungsarbeit steht, heißt: Palucca. Die geistige Kraft, die Palucca zur Verfügung stand und ihre instinktsichere Erfolgspolitik stärken half, heißt: Grohmann." Es folgen weitere erboste Ausführungen, und offenbar wusste sie damals noch nicht, dass Palucca die Stelle abgelehnt hatte.

Die Kenntnis darüber, was Grohmann und Palucca miteinander verband, ist aus vielen Quellen gespeist. Aufschluss aber über dieses besondere Verhältnis gibt speziell das Buch "Die Tänzerin Palucca", das Grohmann unter dem Pseudonym Olaf Rydberg geschrieben und 1935 im Dresdner Carl Reissner Verlag herausgebracht hat. Mary Wigman nannte es "ein peinliches Buch, das aber in seiner Treibhausübersteigerung dieser Frau einen Nimbus gibt, in dem sie sich spiegeln und sonnen mag". Es sei das "Bekenntnis eines Liebenden oder Tagebuch eines Verführten". Das klingt schon reichlich eifersüchtig, vor allem aber ging es auch da um den Status: Wer ist die Größte im ganzen Land?

Ralf Stabel erzählte dazu als kuriose Geschichte, wie Peter Jarchow Jahrzehnte später in einem Antiquariat gleich 30 neuwertige Exemplare dieses Buches entdeckte. Und als er Palucca fragte, ob er eines für sie kaufen solle, antwortete sie: "Alle!" Man möchte meinen, um sie zu verschenken. Doch Ralf Stabel nimmt eher an, sie habe verhindern wollen, dass ihre mehr oder weniger gut behüteten Geheimnisse damit auffliegen würden. Palucca hatte sich nach 1945 stets als ein Opfer der Nationalsozialisten gesehen und daraus eine persönliche Version gewoben, mit Gedächtnislücken und Legenden. Trotz jüdischer Großmutter überstand sie das "Tausendjährige Reich" nahezu unbeschadet. Einflussreiche Männer wurden zum Schutzschild für die geliebte, aber auch angefeindete Tänzerin. Zum Beispiel Otto von Keudell als Ministerialrat im Reichspropagandaministerium. Er hatte für kurze Zeit den Modernen Tanz, insbesondere auch Rudolf von Laban und die Wigman-Tanzgruppe, deutlich unterstützt, wurde aber schon 1936 in die Provinz abgeschoben.

Will Grohmann, der selbst viel zu verlieren hatte, nutzte vehement seine Kontakte, um ihr Spielraum zu verschaffen. Zwar hatte sie die Schule in Dresden schließen müssen, als ihr "rassischer Makel" bekannt wurde, doch tanzen durfte sie auch weiterhin. Mit der Beschränkung, dass "sie nicht bei Veranstaltungen der Partei, des Staates und der Behörden mitwirken darf". Es ist schon einfach unglaublich, wie die Biografie, das Wirken von Will Grohmann mit diesen auch durch ihn berühmt gewordenen Tänzerinnen verknüpft ist. Und es gibt noch einen Dritten im Bunde: den Tänzer Harald Kreutzberg. Er war ebenso Schüler von Wigman, hatte sich, als er in Dresden als Zeichner in einem großen Bekleidungshaus arbeitete, in ihrer Schule zunächst im Dilettantenkurs eingeschrieben. Doch sie übernahm den Talentierten schon bald in ihre Ausbildungsklasse. Mit Max Terpis (und Yvonne Georgi) ging er nach Hannover, schließlich an die Staatsoper Berlin, wurde international bekannt mit vielen Tourneen. In Veröffentlichungen, Dokumenten über und von ihm finden sich bislang weit weniger Hinweise auf Grohmann. Doch das wird sich, wenn die Spuren weiter verfolgt werden, sicher ändern. Gabriele Gorgas

nächste Veranstaltung beim Rahmenprogramm zur Ausstellung "Im Netzwerk der Moderne": Kammerkonzert "anders hören", morgen 19 Uhr, Lipsiusbau

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.11.2012

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