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Ralf Günther stellt bei Thalia seinen neuen historischen Roman über eine türkische Mätresse Augusts des Starken, vor

Ralf Günther stellt bei Thalia seinen neuen historischen Roman über eine türkische Mätresse Augusts des Starken, vor

"Lassen sie sich kaufen, aber bestimmen Sie den Preis", rät Johann Georg Spiegel, Kammerdiener Augusts des Starken in Ralf Günthers neuem Roman "Die türkische Mätresse" der wohlgeborenen Gräfin Maria Aurora von Königsmarck, als diese von August bedrängt wird.

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Quelle: PR

Ihr fällt daraufhin ein geeigneter Preis ein - und landet folglich in der Kiste mit dem Potentaten, was außer einem Leben in noch mehr Luxus den Titel einer Mätresse en titre einbringt.

Der Buchtitel verrät: Die zur hochfürstlichen Geliebten mit allen Ehren und Würden erhobene Königsmarck ist nicht die Hauptfigur in Günthers Roman, sondern Fatima, die zwischen 1700 und 1706 Mätresse des Kurfürsten von Sachsen war, der seit 1697 auch König von Polen war. Um ihre Herkunft ranken sich viele Legenden, vermutlich wurde sie irgendwann in den Türkenkriegen auf dem Balkan gefangengenommen. Sie landete am Dresdner Hof, wo sie immer die Exotin blieb, denn sie galt als Türkin, obwohl sie an sich alles an europäischen, höfischen Sitten und Gepflogenheiten angenommen hatte. Fatima schenkte August den - unehelichen - Sohn Friedrich August (1702-1764) und die ebenfalls illegitime Tochter Maria Aurora (1706-vor 1750), die August immerhin 1724 als legitime Nachkommen anerkannte. Friedrich August sollte - mal abgesehen davon, dass er eine Freimaurerloge gründete - 1736 Generalleutnant und Kommandant der Garde du Corps werden, im Folgejahr gar an der Spitze einen sächsischen Kontingents gegen die Türken in Ungarn ins Feld ziehen.

Bei Günther wird Fatima bei der mit einem Massaker an der nichtchristlichen Einwohnerschaft einhergehenden Einnahme Ofens 1686 erbeutet. Günther lässt sie - angelehnt an eine der Legenden über Fatimas Weg nach Dresden - eine Ziehtochter der Königsmarck sein. Akkurat schildert der vor allem durch seinen Historienroman "Der Leibarzt" bekannt gewordene Dresdner Autor von der Verstrickung Sachsens in den von August angezettelten Nordischen Krieg, der auch mangels Feldherrnqualitäten des Königs eine Abfolge von Pleiten und Niederlagen war und kurzfristig sogar die Krone Polens kostete. Günthers Sicht auf den Schwedenkönig Karl XII. passt ins überlieferte Bild, bei der Darstellung Augusts des Starken müssen auch nicht monarchistisch gesinnte Sachsen tapfer sein. Im Vergleich zu diesem Sexualprotz, der auf "vollendeter Kavalier" nur dem Anschein nach macht, ist Strauss-Kahn ein Ausbund an Tugend und Keuschheit. Als sein Dienstherr 1696 bei Temesvár im Feld steht, antwortet Kammerdiender Spiegel einem Arzt, der wissen lässt, dass sich die Energie des jungen Mannes brechen muss: "Was kann ich tun? Vier Fouragiere sind allein damit beschäftigt, die Gegend nach hübschen Mädchen abzusuchen." Aber in der Regel läuft es nach dem Muster "Halb zog er sie, halb sank sie hin." Wie schreibt Günther, als der als "Türkenbezwinger" gescheiterte, sich aber dennoch so anreden lassende August das erste Mal an Fatima ranmacht, um sich von den Vorzügen des hübschen Dings mit den Mandelaugen zu überzeugen: "Blitzschnell hatte er mit der freien Hand ihre Taille umfasst und zog sie an sich heran. Sie versucht ihn auf Abstand zu halten. ,Sire, bitte!', rief sie aus und spürte, dass sie nicht mehr viel Kraft hatte, zu widerstehen. Ihre Knie zitterten."

Als August dann Fatima ablegt, wird sie an Spiegel weitergereicht. Der ergebene Kammerherr, der Fatima schon von Beginn an in aller Heimlichkeit begehrte und liebte, darf sie heiraten. Erstmal abgeschoben nach Lemberg, reist Augusts Ex, die Günther zu dem macht, was man heute als "starke Frau" bezeichnen würde, später nach Konstantinopel. Auf gefährliche Mission ins Osmanische Reich. Ihrem nun doch lieb gewonnenen Ehemann Spiegel nach, der für August geheime Bündnisverhandlungen mit dem Sultan führen soll. Man sieht, munter werden die Schauplätze gewechselt. Warschau hier, Dresden da, Lemberg dort, Stockholm hüben, Rydzyna drüben und Konstantinopel erst recht drüben. Es hakt immer wieder mal in dem durchaus spannenden und gut lesbaren Buch an Kleinigkeiten. Augusts 1693 angetraute Frau Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth wird von Günther zur Bayerin erklärt. Dazu wäre zu sagen, dass damals Brandenburg-Bayreuth im territorial zersplitterten Franken eigenständig und nicht bayerisch, protestantisch-hohenzollerisch und nicht katholisch-wittelsbachisch war, wie es die Konnotation mit (Alt-)Bayern vermuten lassen würde. Oder: Soll man ernsthaft glauben, die im Alter von elf Jahren aus ihrem muslimischen Umfeld gerissene Fatima könne als junge Frau noch immer arabische (!) Schriftzeichen lesen, die auf einigen Beutestücken der türkischen Kampagne zu finden sind? Da müsste die als Beute anheim gefallene Fatima ein Kind der absoluten Oberschicht des Osmanischen Reiches gewesen sein und als Mädchen eine Erziehung genossen haben, wie sie selbst türkischen Jungen selten zuteil wurde.

Ralf Günther: Die türkische Mätresse. List Verlag, 555 Seiten, 19,99 Euro.

Der Autor stellt sein Buch am Donnerstag, 20.15 Uhr, in der Thalia-Buchhandlung am Dr.-Külz-Ring vor.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.03.2013

Christian Ruf

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