Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Google+
Rainer König beim Finale von Hexe Baba Jaga im Boulevardtheater Dresden

Hexenküche Rainer König beim Finale von Hexe Baba Jaga im Boulevardtheater Dresden

Hexe Baba Jaga feiert ihren 777. Geburtstag mit einem letzten Stück im Boulevardtheater. Aber nach Feiern steht ihr nicht der Sinn, sieht ein alter Vertrag doch vor, dass sie sich an diesem Wiegenfest mit ihrer ungeliebten Schwester versöhnen muss.

Voriger Artikel
Kultur des Ankommens - Projekt in Dresden zu kultureller Vielfalt
Nächster Artikel
Die Dresdner Museumsnacht 2016

„Die Hexe Baba Jaga – Das große Finale“ mit Franz Lenski (Nikita), Michael Kuhn (Sensenmann), Jürgen Mai (Väterchen Frost) und Rainer König (Hexe Baba Jaga)

Quelle: Foto: Robert Jentzsch

Dresden. „Aus Fünf und Sechs, / So sagt die Hex, / Mach Sieben und Acht, / So ist’s vollbracht“, heißt es im Hexen-Einmaleins, das sich in der Hexenküchen-Nacht-Szene findet, mit der Goethe wie schon mit dem Gelage in Auerbachs Keller ein bisschen Stimmung in sein Drama vom Doktor Fausten brachte. „Du musst verstehn! / aus Eins mach Zehn“ lauten gar die ersten beiden Verse dieses Hexen-Einmaleins, aber ganz so weit, noch nicht mal bis acht, ging man seitens der TW.O GmbH, was die Hexe Baba Jaga angeht, die man zehn Jahre lang ihr charmantes Unwesen treiben ließ, nicht. Mit dem sechsten Teil ist Schluss, sexy Hexy aus Saxony verabschiedet sich in den Ruhestand.

Vielleicht gut so, die Geschichte ist ausgereizt, gibt nicht mehr viel her. Hier nun feiert Baba Jaga ihren 777. Geburtstag, aber nach Feiern steht ihr nicht der Sinn, sieht ein alter Vertrag doch vor, dass sie sich an diesem Wiegenfest mit ihrer ungeliebten Schwester versöhnen muss. Nun könnte man natürlich frei nach dem Motto: Wo ein Wille ist, ist auch ein Muss“ handeln, aber eigentlich hält es die Vettel lieber mit der Devise „Gemma (=gehn wir) Schwestern vergiften im Park“ und köchelt deshalb an einem speziellen Süppchen. Als es dann klingelt, steht aber erstmal nicht Obaba aus Alabama (Laura Sophia Becker) vor der Tür, sondern der Sensenmann (Michael Kuhn), der die personifizierte Katastrophe des russischen Zauberwaldes wissen lässt, dass sie nur noch 74 Minuten zu leben hat. Baba Jaga ist erst geplättet, dann versucht sie alles: Sie bezirzt den Tod, diese „ungeflügelte Lebensendfigur“, feilscht um Zeit, versucht es mit Geld, muss aber die Erfahrung machen, dass da zum ersten Mal einer nicht korrupt ist, obwohl er in einer höheren Position steht. Ein bisschen erinnert das Gemoser, Gejammer und Geschacher an den Brandner Kaspar, eine literarische Figur aus einer Erzählung Franz von Kobells, die 1871 in den „Fliegenden Blättern“ veröffentlicht und nicht zuletzt in einer Bühnenfassung von Kurt Wilhelm zumindest in Oberbayern unglaublich populär wurde.

Hier haben nun Michael Kuhn und Georg Wintermann am (Buch-)Text gefeilt, Regie führte Olaf Becker. Sie setzen aufs Bewährte, vor allem auf jene Schimpfwortkanonaden und Tobsuchtsanfälle, für die die Hexe berühmt-berüchtigt ist. Wie bei derzeit inflationär ins Kraut schießenden Superhelden-Blockbustern werden die Typen grell gezeichnet, geht es vorzugsweise schräg wie schrill zu. Beim Humor hat man eine kräftige Schippe Zoten & Pups-„Komik“ mit nicht zu knapp Ekel-Faktor draufgelegt. Richtig gut wiederum ist neben diversen Kalauern wie „Ich hab keine Kraft mehr zu prostituieren“ das Gros der von Andreas Goldmann komponierten Lieder.

Ob Luzifer, Väterchen Frost oder Zar Wasserwirbel (alle drei spielt Jürgen Mai): Sie, die aus früheren Teilen bekannt sind, haben wie Babuschka und Snegurotschka (Ulrike Mai) ihren Cameoauftritt, ohne dass es von nachhaltigem Belang für
die Handlung wäre. Aber man könnte
es natürlich frei nach Goethe versichern: „Von Zeit zu Zeit seh ich die Alten gern.“ Frischen Wind in punkto Personal
bringt neben den schon erwähnten Kuhn und Becker noch Franz Lenski als Faktotum Nikita, der schlicht-einfältigen Gemüts ist.

Wichtige Anmerkung: Für Kinder ist das Stück eher nicht geeignet, es sei denn, diese sind frühreif und damit in der Lage, diverse gesellschaftskritischen und sexuellen Anspielungen zu verstehen, etwa wenn das Putin-Bild an der Wand in Baba Jagas vermüllter Hütte einer Mickey Mouse weichen muss, die breit grinst wie Batmans Gegenspieler Joker.

Am Ende, als alles vorbei scheint, liest Baba Jaga einen Brief, den sie an Rainer König geschrieben hat und in dem sie gesteht, dass sie sich in ihren Darsteller verliebt hat. Währenddessen legt Baba Jaga erst Jacke und Perücke, dann Füße und Nase ab, verstaut alles im Koffer. Sie schminkt sich ab und wird immer mehr Rainer König. Ein stiller, ein berührender, ein großer Moment. Auch wenn das Finale ein paar Wünsche offen ließ, die ersten fünf Episoden entwickelten nicht zuletzt dank König Kult-Charakter. Chapeau!

Nächste Vorstellungen: 16.9. & 23. bis 30.9. sowie vom 2. Bis 23. 10, Boulevardtheater
Karten unter: Tel. 0351/26 35 35 26

Von Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr