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Rainald Grebe über seine Sommerüberraschung

Interview Rainald Grebe über seine Sommerüberraschung

Rainald Grebe geht mit seiner dreiköpfigen Kapelle der Versöhnung, also Martin Brauer, Marcus Baumgart und Serge Radtke, auf große Überraschungstour mit fünf Konzerten an fünf Abenden von Dresden über Torgau nach Senftenberg und Plauen.

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Rainald Grebe wird mit der Kapelle der Versöhnung - Martin Brauer, Marcus Baumgart und Serge Radtke (v.l.n.r.) – auch in Dresden für Überraschungen sorgen.

Dresden.

 

Ihr Überraschungssommerspezial verspricht „altbekannte Lieder der Kapelle und einiges mehr, was sich in den letzten Monaten entwickelt hat“. Was hat sich denn so entwickelt?

Rainald Grebe: Wir haben uns innerhalb der Kapelle ein halbes Jahr nicht gesehen. Aber ich habe neue Songs entwickelt, die Jungs auch – und wir haben auch schon einige Sachen in der Röhre. Also: Wir werden auf jeden Fall einige neue Songs spielen. Aber auf jeder Station andere. Genau wie das Repertoire immer anders sein wird. Wir haben so hundert Songs auf dem Buckel und können daraus – je nach Lage – aktuell auswählen.

Das wird jeden Tag neu und live entschieden?

Ja, genau. So spontan sollte man schon sein. Das läuft so: Man trifft sich und spielt einfach los. Wenn es gut läuft und keine Wolkenbrüche gibt, gern auch drei Stunden.

Kenne Sie Ihren Dresdner Auftrittsort, die Sommerwirtschaft Saloppe, schon?

Nein, da war ich noch nie.

Das ist so eine Art lauschiger Sommerbiergarten, schön an der Elbe mit Blick aufs Ex-Weltkulturerbe plus Tanzdiele für erwachsene Neustädter mit Musikgeschmack. Vor einem Jahr trat dort zur selben Zeit Ihr Kollege Olaf Schubert auf – ihn kennen Sie gut?

Ich war kürzlich in Dresden zu seiner „Humorzone“ eingeladen. Wir kennen uns, aber wir sind komplett anders. Was ich toll finde: Er ist einfach live – also saucool und kann sehr gut improvisieren.

Was käme raus, wenn Sie – im Sinne Heines – nachts an Dresden denken müssten?
Die Stadt ist ja zur Zeit ab und an bundesweites Thema …

Das kann man so sagen. Es gibt das Gute und das Schlechte, würde unser Bundespräsident sagen. Aber im Ernst: Es ist auf jeden Fall anstrengend, derzeit in Dresden. Ich denke, man muss es auf jeden Fall differenzierter betrachten, aber ich bin nur einmal im Jahr da. Wenn Peter Wawerzinek jetzt Stadtschreiber in Dresden ist, kann man sicher gespannt auf dessen Sicht sein – als jemand, der wirklich da ist. Das wird besser als von mir von außen.

„Jena und Leipzig waren bisher am besten“

Sie haben Zivildienst in den Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel absolviert. Hat das Nachwirkungen bis heute?

Es hat große Nachwirkungen. Der Umgang mit Manisch-Depressiven und Psychotikern, der war schon prägend.

Konnten Sie sich das denn aussuchen?

Ja, das wollte ich so! Ich war 19 und wollte etwas Extremes erleben.

Ihr nächstes Extremerlebnis folgte auf dem Fuße – der Umzug nach Berlin, ins Herz der neuen Republik, oder?

Das kann man nicht vergleichen. Aber ich wollte unbedingt in den Ostteil und bin in Mitte gelandet.

Inzwischen hat man den Eindruck, dass Sie im Osten mehr gehört werden?

Das kann sein, weil ich ja hier lebe und arbeite. Mein Umzug hatte wirklich biografische Gründe: Ich wollte weg, der Osten ging gerade auf, da bin ich hin – und geblieben. Das ist meine zweite Heimat.

Sie sind ausgebildeter Puppenspieler, aber dann sofort als Dramaturg ans Theaterhaus Jena gewechselt?

Feste Stellen für Puppenspieler gab es nur an Osttheatern, darauf war die Ausbildung an der Ernst-Busch-Hochschule auch ausgelegt. Mitte der Neunziger wurden die Sparten und die Stellen aber überall zusammengestrichen. Von unserem Jahrgang wollte keiner dahin. Ich hatte sogar ein Angebot aus Dresden, aber ich wollte nicht an ein Puppentheater, sondern an ein Menschentheater – das war mein Ding!

Aber Sie haben es doch eigens studiert?

Ja, aber das kam mir dann aber doch zu klein und zu albern vor. Keiner von meinen Kommilitonen wollte an ein Stadttheater, alle wollten frei sein oder großes Theater machen. Für mich war Jena spitzenmäßig.

Sie haben viele Erfahrungen an Osttheatern: Jena, Leipzig, Maxim Gorki in Berlin – können Sie kurz Ihre prägenden Erinnerungen vergleichen?

Das Theaterhaus Jena war für uns die optimale Studentenbude und eine perfekte Startrampe für Berufsanfänger. Das Theater war klein, die Wege waren kurz, wir konnten machen, was wir wollten. Dann war ich fünf Jahre in Leipzig – zur Hartmann-Zeit, die ja auch sehr, sagen wir, experimentell geriet. Das war auch geil: Tolle Schauspieler – und ich konnte mich ausprobieren. Machen können, was man will, ist schon ein großer Luxus. Das kommt mir jetzt an anderen Häusern, wie gerade in Frankfurt oder in Hannover, wo ich mich derzeit ausprobiere, zugute. Aber Jena und Leipzig fand ich bis jetzt am besten.

„Mit der Berliner Volksbühne fällt die letzte Ostbastion“

Und Maxim Gorki?

Da habe ich drei Sachen gemacht. Das hatte schon wieder etwas anderes, weil auf einer sehr kleinen Bühne. Das waren konzentrierte Berliner Abende. Aber weil ich langsam reifer werde, kommen wohl die jüngeren Zeiten besser in Erinnerung.

Apropos Reife: Haben Sie denn als Berliner Theatermann schon diverse Briefe in Sachen Volksbühne unterschrieben?

Ich habe noch nichts unterschrieben, aber ich finde es schon schade, dass nun die letzte Ostberliner Bühne geschleift wird. Das macht mich traurig! Ich habe schon erlebt, wie man nach Armin Petras das Gorki-Theater zum Migrantenstadel umfunktionierte. Nun fällt auch noch die letzte Ostbastion.

Gilt das Berliner Ensemble nicht mehr als Ostbühne?

Nein, auf keinen Fall. Auch wenn dort bald Castorf inszenieren soll. Aber um das alte Schlachtschiff Volksbühne ist es wirklich schade! Das geht auch um die Erfahrung, um die ganze Hausbesatzung, die Techniker – das alles funktioniert noch dort wie ein Osttheater. Das verschwindet nun und ist dann einfach für immer weg. Aber das ist politisch so gewollt.

Ist das denn wirklich die letzte Bastion?

Wenn wir Stuttgart mit Armin Petras nicht dazu zählen...

Reden wir über den Medienwandel: Wie empfinden Sie Rezensionen?

Mein Eindruck ist, dass Kritiken immer weniger mit dem Abend selbst zu tun haben, sondern die Weltsicht des Autors transportieren. Es fehlt oft die Beschreibung dessen, was auf der Bühne eigentlich passiert. Das gilt auch für positive Kritiken. Ich lese das manchmal und frage mich dann, ob die Leute überhaupt da waren.

Sie haben schon vor fünf Jahren, also mit 40, die besten Lieder Ihres Lebens aufgenommen. Was kann da noch kommen?

Im Herbst kommt ein neues Soloprogramm mit neuen Liedern.

Noch besser als die besten?

Mal sehen. Auf jeden Fall: noch persönlicher. Der Versuch ist es wert.

Künstler werden oft mit anderen verglichen, bei Ihnen schrieb der „Stern“ mal von einer genialen „Mischung aus Udo Jürgens und Helge Schneider“. Kitzelt das?

Das schreibt halt so jemand – was soll ich denn dazu sagen? Ich war auch schon aus Thüringen oder Gitarrist, was soll’s? Da gibt es ein Label, das geistert dann durchs Netz und taucht immer wieder auf. Da wird viel unterinterpretiert. Wenn einer schreibt, der macht melodiös absurde Sachen – dann kann ich damit schon etwas anfangen. Aber es gibt auch andere Fälle: Neulich hat mir jemand seine Doktorarbeit über mein Werk geschickt, da bin ich nicht eingestiegen. Das ist dann ein Fall von Überinterpretation.

Und wenn Sie sich selbst einordnen müssten?

Ein moderner Klassiker … (lachend)

Haben Sie denn Vorbilder?

Na, Helge Schneider finde ich schon großartig. Diesen Kosmos, den er mit sich rumschleppt – das ist schon etwas ganz Besonderes.

Spielen Sie Ihr „Sachsen“-Lied in Dresden?

Mal sehen, wie das Wetter wird. Die Akkorde liegen jedenfalls an.

Vielen Dank für das Gespräch!

Von Andreas Herrmann

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