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Raffinierte Komposition

Raffinierte Komposition

Publikumsliebling der Börsenblatt-Leser war er gestern Mittag schon - am Abend entschied sich auch die Jury für Eugen Ruge. Der Deutsche Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres gilt seinem Gesellschaftsroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts", der im September im Rowohlt Verlag erschienen ist (DNN stellten den Roman am 5. Oktober vor) und für den er bereits den "aspekte"-Literaturpreis erhält.

Das Debüt des Mathematikers, Regisseurs, Autors und Übersetzers spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Dabei gelinge es ihm, lobt die Jury, die Erfahrungen von vier Generationen über 50 Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen. "Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen", heißt es in der Begründung. Zugleich freut sich die Jury über "große Unterhaltsamkeit" und "einen starken Sinn für Komik".

Ruge, 1956 in Soswa im Ural geboren, ist Sohn des bekannten DDR-Historikers Wolfgang Ruge. Der war als Kommunist vor den Nationalsozialisten geflohen und später von den Sowjets in den Nordural deportiert worden. Eugen Ruge, studierter Mathematiker, begann schon vor seiner Übersiedlung 1988 in den Westen mit Arbeiten als Dramatiker. Seit der Wende arbeitet er hauptberuflich für das Theater und für den Rundfunk als Autor und Übersetzer. Er lebt in Berlin und auf Rügen.

Ruge pflegt eine lebendige Sprache, die sich in den Dienst der Geschichte stellt. Ob er nun von Alexander erzählt, seinem Alter Ego, der der Enge der DDR entflieht und sich gut zehn Jahre später, unheilbar krank, auf Erinnerungs-Reise begibt. Oder von dessen Mutter Irina, der melancholischen Russin. Oder von Stiefgroßvater Wilhelm, einem verknöcherten Alt-Kommunisten, der an seinem 90. Geburtstag im Oktober 1989 ein letztes Mal die Huldigungen der Genossen entgegennimmt, von der Realität allerdings kaum noch etwas mitbekommt.

Insgesamt 198 Titel aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die Jury gesichtet und daraus im August eine sogenannte Longlist mit den nach ihrem Ermessen besten 20 Romanen erstellt, aus der sie einen Monat später die Shortlist mit sechs Finalisten destillierte: Jan Brandt mit "Gegen die Welt", Michael Buselmeier mit "Wunsiedel", Angelika Klüssendorf mit "Das Mädchen", Sibylle Lewitscharoff mit "Blumenberg", Marlene Streeruwitz mit "Die Schmerzmacherin" und eben Eugen Ruge. In den Romanen geht um einschneidende Kindheits- und Jugenderlebnisse, um Familiengeschichten, Gesellschaftspanoramen und "bundesrepublikanische Anti-Idyllen", wie Maike Albath es sagt, Sprecherin der Kritiker-Jury. Überall wird geliebt und gelitten und die Welt reflektiert.

Der Buchpreis wird seit 2005 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Vorabend der Frankfurter Buchmesse (12. bis 16. Oktober) vergeben und ist mit insgesamt 37 500 Euro dotiert - 25 000 Euro für den Gewinner, die anderen Finalisten erhalten jeweils 2500 Euro.

Immer wieder gibt es auch Zweifel an Auswahl und Vergabepraxis. Ein Kritikpunkt ist, dass vor allem die Autoren großer Verlage berücksichtigt werden. Eine Ausnahme macht in diesem Jahr Buselmeiers Roman "Wunsiedel", der im Verlag Das Wunderhorn erschienen ist. Darum haben die unabhängigen Verlage 2009 alternativ eine Hotlist ins Leben gerufen, um auf "Reichtum, die Qualität und den Erfolg der Buchkultur im deutschsprachigen Raum" zu verweisen. Ihr Preis wird am 14. Oktober im Rahmen der Party der Jungen Verlage in Frankfurt am Main verliehen.

Michael Lentz und Monika Maron hatten 2008 gar eine Abschaffung des Buchpreises gefordert, von einem "entwürdigenden Spektakel" sprach Schriftsteller Daniel Kehlmann in Anspielung auf die an Oscar-Verleihungen erinnernde Bekanntgabe des Siegers in Anwesenheit aller Nominierten. Es gehe vor allem darum, die Umsätze des Buchhandels erhöhen. Von einem "Marketingpreis" sprach auch Maron.

Eugen Ruhe rangierte schon vor der Bekanntgabe auf Rang 36 der Bestseller-Liste des Internethändlers Amazon. Mit ihm gewinnt ein Autor, der mit seinem Roman nicht nur eine Jury beeindruckt. Ohnedies kann Aufmerksamkeit für wichtige Neuerscheinungen kaum falsch sein - ob sie nun den Verkauf fördert oder die Wahrnehmung schärft.

Zu den Gewinnern der vergangenen Jahre gehören Melinda Nadj Abonji ("Tauben fliegen auf", 2010), Kathrin Schmidt ("Du stirbst nicht", 2009), Uwe Tellkamp ("Der Turm", 2008) und Julia Franck ("Die Mittagsfrau", 2007).

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman. Rowohlt Verlag. 426 Seiten, 19,95 Euro

www.deutscher-buchpreis.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.10.2011

Janina Fleischer

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Von Redakteur Janina Fleischer

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