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Radio Doria spielen am Freitag in der Jungen Garde

Weltempfängertypen Radio Doria spielen am Freitag in der Jungen Garde

Wenn Jan Josef Liefers als Prof. Boerne im Münsteraner Tatort nicht gerade Verbrechern das Handwerk legt, dann macht er Musik. Das übrigens schon seit zehn Jahren. Am Freitag steht der gebürtige Dresdner mit seiner Band Radio Doria auf der Freilichtbühne Junge Garde.

Für Jan Josef Liefers (l.) und Keyboarder Gunter Papperitz von der Band Radio Doria geht es bei Songtexten um Gefühle und Gedanken.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Wenn Jan Josef Liefers als Prof. Boerne im Münsteraner Tatort nicht gerade Verbrechern das Handwerk legt, dann macht er Musik. Das übrigens schon seit zehn Jahren. Am Freitag steht der gebürtige Dresdner mit seiner Band Radio Doria auf der Freilichtbühne Junge Garde. Die DNN sprachen mit Jan Josef Liefers und Radio-Dorias-Keyboarder Gunter Papperitz.

Frage: Als Unterstützung für das Konzert am Freitag in Dresden bringen Sie Anna Loos von Silly mit, und Sie spielen in der Garde...

Jan Josef Liefers: Dass wir in der Jungen Garde spielen, ist schon etwas Besonderes für uns. Die Bühne kenne ich noch aus meiner Kindheit, für mich ist sie so etwas wie eine kleine Legende – deshalb haben wir gedacht, müssen wir uns etwas Spezielles für dieses Konzert ausdenken. Ich bin bei Silly schon öfter als Gast mitgefahren, dieses Mal drehen wir den Spieß um.

Es ist also keine Premiere, dass Sie zusammen auf der Bühne stehen.?

Gunter Papperitz: Für uns in dieser Konstellation schon!

Liefers: Es wird sehr interessant. Anna hat sich in den vergangenen Wochen noch einmal unser Album angehört, wir werden sehen, wie wir zusammen etwas Schönes hinkriegen. Das soll gut werden. Anna kommt ja nicht nur, um einmal etwas mitzusingen...

Herr Liefers, Sie sind gebürtiger Dresdner. Gibt es einen Ort in der Stadt, zu dem Sie immer wieder gerne zurückkehren?

Liefers: Als wir mit dem Zug von Berlin nach Dresden gefahren sind, habe ich auf der Eisenbahnbrücke wieder das Foto von der Brühlschen Terrasse gemacht. Das ist ein typisches Postkartenmotiv, mich berührt es aber trotzdem immer wieder. Es gibt Menschen, die den Ort, in dem sie geboren sind, aus irgendwelchen Gründen nie wieder sehen wollen. Bei mir ist das überhaupt nicht so. Meine Mutter lebt noch immer in Dresden, und ich habe auch noch viele Freunde hier.

Ist das Dresden-Konzert dann nicht quasi ein Heimspiel für Sie?

Liefers: Ich bin hier zur Schule gegangen, habe meine Tischlerlehre gemacht und im Theater die Kulissen geschoben. Wir haben in Dresden zwei Mal hintereinander den „Soundtrack meiner Kindheit“ im Schauspielhaus gespielt. Jetzt komme ich auch wieder zum Arbeiten her, aber in einem anderen Kontext. Viele Leute fragen mich, ob es ein Heimspiel ist. Ich empfinde das gar nicht so, es ist eher wie eine Verpflichtung, dass das Konzert besonders gut werden muss.

Papperitz: Wobei es in Dresden immer erstaunlich gut funktioniert. Die Dresdner machen es uns immer sehr leicht.

Wie sieht das Tour-Leben von Radio Doria aus?

Liefers: Wir sind sehr gerne auf Tour. Jedes Mal vor dem Auftritt machen wir den „Circle of Love“

Den was?

Liefers: Was stellen Sie sich denn darunter vor?

... dass Sie alle im Kreis stehen, sich umarmen und etwas Nettes sagen..

Liefers: Genau so ist es!

Papperitz: Ein bisschen wie vor einem Fußballspiel.

Was ziehen Sie vor: Live-Auftritte oder die Arbeit im Studio?

Papperitz: Das sind zwei komplett verschiedene Sachen. Man verabredet sich im Studio, um etwas zu produzieren, wovon man weiß, dass es in 20 oder sogar 100 Jahren noch Bestand haben wird. Irgendwann werden es sich Leute anhören, da gibt es mich schon gar nicht mehr. Also muss man es so lange aufnehmen, bis es den Standards entspricht. Wenn man live spielt, hat man genau eine Chance.

Liefers: Mir macht es mehr Spaß, live auf der Bühne zu stehen und diesem Augenblick zu nageln, diesen Moment. Das Studio riecht viel mehr nach Arbeit, nach Auseinandersetzen und nach verschiedenen Meinungen. Man muss den Weg finden aus einer Million Möglichkeiten, den Ton zu spielen und ihn klingen zu lassen. Man ringt, kämpft und grübelt. Wenn man dann den Rohmix des Songs fertig hat, dann gibt es auch so etwas wie Glück – aber diese Puzzelarbeit ist ein enormer Zeitaufwand.

Papperitz: Für den Sänger ist es aber auch etwas anderes. Ich experimentiere gerne am Keyboard...

Experimentieren Sie generell viel im Studio?

Papperitz: Nur! Studioarbeit besteht nur darin zu experimentieren. Das ist Spieltrieb. Setze ein Kind in einen Spielzeugladen: Das ist ungefähr das, was ich mit dem Studio verbinde. Jan nicht, für ihn ist es Arbeit.

Liefers: Man steht da alleine vorm Mikro und singt tausend Mal das gleiche Lied. Das ist sch... Wenn man es aber erst einmal im Kasten hat, dann freue ich mich darauf, das auf die Bühne zu bringen.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie Ihre Texte in einem Kloster in Halberstadt geschrieben haben. Wieso?

Liefers: Ja, da war die ganze Band dabei. Jeder war mal für eine Woche von zu Hause weg und hat sein Handy weggelegt. Das ehemalige Kloster in Halberstadt war sehr beeindruckend: Leere Räume, dort standen ein Harmonium und ein altes verstimmtes Klavier. Und dann hörten wir die ganze Zeit diesen einen Ton, der nie aufhörte. Der kam aus der kleinen Kirche nebenan. Dort wird ein Musikstück von John Cage aufgeführt „As slow as possible“ – die Aufführung dauert 639 Jahre. Jahre lang wird der gleiche Ton gespielt, dann wird der Ton gewechselt, da kommen Menschen aus der ganzen Welt, um diesem Moment beizuwohnen. Das war ein irrer Platz. Dann haben wir dort angefangen, die ersten eigenen Songs zu schreiben.

Herr Liefers, 2013 waren Sie in Syrien. Haben Sie diese Reise in der Musik verarbeitet?

Liefers: Das ist ein sehr heikles Thema. Als ich dort war, war das meine erste Berührung mit Krieg. Ich habe mir Aleppo angeschaut, das war einmal eine Stadt voller Denkmäler – davon war nichts mehr zu sehen, es ist alles kaputt gegangen. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn man zwei Jahre lang den Prenzlauer Berg in Berlin bombardieren würde. Was wäre da noch übrig an Menschlichkeit und Zivilisation? Wie kann ein Mensch es so lange dort aushalten? Mich hat diese Reise in vielerlei Hinsicht beeindruckt.

Sind Sie generell Musiker, die versuchen, mit der Kunst Tagespolitik aufzugreifen?

Liefers: Nein, das gehört dort nicht hin.

Papperitz: Wir spielen auf einem ganz anderen Feld. Als Musiker und Künstler docke ich an etwas ganz anderes an. Ich bin viel unterschwelliger unterwegs, ich bin assoziativ und transportiere Gefühle. Aber auf dieser Basis kann man keine politische Auseinandersetzung führen.

Liefers: Ein Songtext ist keine politische Rede, ein Vortrag oder eine Belehrung. Songtexte bewegen sich um Gefühle und Gedanken – aber nicht um ideologisches Denken. Das ist auch etwas, was ich mir wünsche, wenn ich an das Konzert am Freitag denke. Klar, Dresden ist in vielen Hinsichten ins Zentrum der Berichterstattung gerückt und in eine Eck gerückt, in die es meiner Meinung nach nicht hingehört. Ich interessiere mich nicht für Schwarz-Weiß-Malerei... Viel interessanter finde ich die Grautöne dazwischen.

Lesen Sie die Kritiken über ihre Konzerte?

Papperitz: Mich trifft das immer völlig unvorbereitet. Manchmal amüsiere ich mich, wenn ich tatsächlich mal über eine Rezension stolpere. Man hat eine gewisse Distanz dazu. Der Kritiker weiß ja nicht, welche Gedanken und Gefühle ich hatte, als wir den Song geschrieben haben. Wenn ich aber ehrlich zu mir selbst bin, lässt es einen natürlich oftmals nicht so kalt, was die Leute da über einen schreiben – ob nun Gutes oder Schlechtes.

Liefers: Helmut Dietl hat immer gesagt: „Es gibt eine Sache, die schlimmer ist, als in der Zeitung zu stehen – und zwar, nicht in der Zeitung zu stehen.“ Wir denken nicht an Kritiker, wenn wir Songs schreiben. Wir machen das für unser Publikum.

Herr Liefers, Ihre Frau Anna Loos ist ebenfalls Musikerin. Wie ist das bei Ihnen Hause? Reden Sie viel über den Job oder versuchen Sie, sich gegenseitig zu begeistern, sich gegenseitig zu inspirieren?

Liefers: Wir müssen uns nicht begeistern, wir sind beide Schauspieler, beide als Musiker unterwegs und teilen die Begeisterung sowieso. Aber wir reden schon viel über Musik. Es ist aber nicht ganz so ohne, wenn man zusammenlebt und Kinder hat. Da treffen zwei Alphatiere aufeinander – man muss den Weg finden, das gemeinsam zu meistern. Es ist vor allem wichtig, sich nicht nur Honig ums Maul zu schmieren, sondern auch kritisch zu sein.

Nervt es Sie manchmal, dass Sie als Musiker auf der Bühne trotzdem immer noch mit Prof. Boerne aus dem Münsteraner Tatort verbunden werden?

Liefers: Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich gar keine Zeit, über so etwas nachzudenken und mich zu fragen, ob die Leute nur hier sind, weil sie den Tatort mögen oder wegen der Musik gekommen sind. Ich habe genug damit zu tun, mich an meine Texte zu erinnern (lacht).

Als Kind haben Sie sich vorgenommen, besser Gitarre zu spielen als Jimi Hendrix. Wollten Sie schon immer lieber Musik machen?

Liefers: Ja, aus der Jimi-Hendrix-Sache ist leider nichts geworden. Mein erster großer Wunsch war es, mit einer Band auf der Bühne zu stehen. Ich wollte gar nicht unbedingt singen, eher Gitarre spielen.

Sie mussten vor einigen Jahren Ihren Bandnamen ändern. Warum?

Liefers: Früher haben wir keine Plattenfirma gehabt und alles selbst gemacht. Kein Mensch hat die Frage gestellt, ob es den Bandnamen schon gab. Als wir dann unseren Vertrag bei Universal abgeschlossen hatten, haben wir festgestellt, dass „Oblivion“ schon geschützt war durch eine US-amerikanische Metalband. Das war aber zu einem Zeitpunkt, als wir mit unserem alten Programm Schluss gemacht und ein neues Album aufgenommen haben. Außerdem habe ich noch nie einen Bandnamen gehört, der so lang ist wie „Jan Josef Liefers & Oblivion“.

Wie kam es dann zu „Radio Doria“?

Liefers: Es hat jedenfalls nicht mit Udo Lindenbergs Andrea Doria zu tun. Wir haben alle eine große Affinität zum Radio, jeder verbindet seine eigenen Geschichten damit. Gunter ist zum Beispiel ein Hörspielfan, ich bin eher so der Weltempfängertyp. Ich habe früher mit meinem Radio unter der Decke zu Hause damals in der Prager Straße die Kurzwellen abgehört. Da kam immer etwas Neues, Sprachen die ich noch nie gehört habe. Man hatte das Gefühl, als hätte man eine Weltreise gemacht und wäre einmal durchs Universum gefahren – obwohl Du in deinem Kinderzimmer lagst und dich keinen Zentimeter bewegt hast. „Doria“ ist nur die Verwirbelung der Buchstaben von „Radio“.

Wann kann man musikalisch etwas Neues von Ihnen erwarten?

Papperitz: Das Album ist in der Mache, wir schreiben gerade neue Songs. Das Album wird im nächsten Jahr erscheinen. Es wird sich auf jeden Fall ändern, wo genau es hingeht, können wir noch nicht sagen.

Von Juliane Weigt

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