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Puccini überlebt: "Manon"-Premiere in der Semperoper in Dresden

Puccini überlebt: "Manon"-Premiere in der Semperoper in Dresden

Zunächst ein heiteres Versehen. Das Licht verlischt, es wird still im Opernhaus, kein Ton, doch schon mal die leuchtende Schrift der deutschen Übertitel: "Sei gegrüßt .

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Mathias Kopetzki (Puccini), Norma Fantini (Manon Lescaut) und Thiago Arancam (Renato Des Grieux, v.l.).

Quelle: Matthias Creutziger

.." In dem Moment wird der technische Irrtum bemerkt, die Schrift verlischt, und Christian Thielemann tritt ans Pult der Staatskapelle Dresden.

Oder gehörte das doch schon zur Inszenierung von Stefan Herheim, dessen Grazer Produktion vom Oktober 2012 jetzt in Dresden Station macht? Denn wie man gleich sehen wird, geht der Regisseur bei dramaturgischer Anleitung von Alexander Meier-Dörzenbach im Bühnenbild von Heike Scheele höchst eigenwillig, mitunter auch eigensinnig mit Giacomo Puccinis erstem großen Erfolgsstück von 1893 um.

Er macht es aber eigentlich auch nicht anders als Puccini selbst. Im Verein mit insgesamt sieben weiteren Autoren schuf der sich nach dem knappen Roman des Abbé Prévost, der 1763 starb und dessen "L'Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon" autobiografisch grundiert ist, seine Opernhandlung und fügte sie gemäß den eigenen Ideen zur Musik.

Opernhafte Kopfgeburt

Herheim schafft sich jetzt seine Handlung zum Stationendrama Puccinis um die aussichtslose Liebe der Manon Lescaut und des Renato Des Grieux, die sich am Ende unter sengender Sonne in amerikanischen Weiten zwar so nahe wie nie zuvor sind, aber eben auch leider keinen Tropfen Wasser mehr haben. Und so vollzieht sich das Drama aus Sehnsüchten, Projektionen, Intrigen und Kopfgeburten nicht zur Zeit des Rokoko, sondern gut hundert Jahre später in der Werkstatt des Frédéric-Auguste Bartholdi. Hier entsteht die monströse Freiheitsstatue, die in Einzelteilen per Schiff nach Amerika gebracht wurde und dort seit 1886 als Geschenk des französischen Volkes in ewigem Grünspan an die amerikanische Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 gemahnt.

Das ist eine so kühne wie opernhafte Kopfgeburt. Im mächtigen Kopf der grimmig blickenden Monsterdame aus Kupfer haben viele Fantasien Platz. Und Freiheit bedeutet für den einen das große Gefühl, die wahre Liebe, die eine Frau, der eine Mann fürs Leben, und für den anderen ein Lotterbett voller Frauen für den Bedarf im Vorübergehen. So wie Puccini sich dann auch für künftige Erfolge sein Frauenbild immer wieder schuf und vor allem die Klänge dazu, so arbeitet sich jetzt der junge Des Grieux wie einst der Künstler Pygmalion an seiner Schöpfung einer Frauenfigur aus Einzelteilen ab.

Das geht nicht gut, der Leib ist hohl, der Strahlenkranz zerbricht, die Fackel erlischt. Und als wollten die Gedanken, die Ideen, die Fantasien im Kopf des jungen Mannes explodieren, so lässt der Regisseur alle weiteren Personen zu künstlichen Geschöpfen werden. Auch Manon, die Titelheldin, gewinnt langsam erst nach gezierten, puppenhaften und exaltierten Auftritten menschliche Züge. Ihr Bruder oder der zwielichtige Steuerpächter Geronte di Ravoir und weitere Personen sind Fratzen, mehr oder weniger grell ins Licht gesetzt.

Was ist hier Fantasie, was gehört noch zu den Versatzstücken der Handlung? Der Chor als Masse Mensch, Arbeiter, Säufer, Amüsierer, Püppchen in Reifröcken oder zugeknöpft und eingeschnürt in prüder Bürgerlichkeit. Im üppigen und überbordend reichen Kostümangebot von Gesine Völlm liefern sie höhnische Kommentare, parodieren das Geschehen im Blitzlicht oder wie im Schnitt der Stummfilmzeit. Und immer wenn Des Grieux die Geister, die er rief, vertreiben will, dann steht auf einmal alles still, und es gibt Bilder großer Bühnenwucht. Die haben Größe, den bewegten Bildern aber mangelt es doch stark an der Genauigkeit szenischer Präsenz. Den Anspruch spürt man wohl, allein es mangelt an der Stringenz dessen, was wirklich zu sehen ist.

Und mittendrin Puccini selbst, den hat der Regisseur hinzuerfunden. Matthias Kopetzki in der Rolle des Komponisten sieht zu, notiert und komponiert, vergleicht die eigenen Noten mit dem, was er hört und sieht. Puccini bleibt stumm. Ob es ihm die Sprache verschlagen hat angesichts dessen, was hier mit seinem Werk geschieht? Aber Manon stirbt, Puccini überlebt, er wird noch erfolgreich Mimi, Tosca, die kleine Butterfly oder Schwester Angelica sterben lassen, immer zur schönsten Musik. Die Männer kommen meistens davon.

Der Komponist auf der Bühne

Steht der Komponist auf der Bühne, im eigenen Werk, muss das der Albtraum für einen Sänger sein. Bevor er auch nur einen Ton gesungen hat, steht leibhaftig der Schöpfer da, der all das, was er gleich zu singen hat, komponierte und somit jede Note, jedes Zeichen, jede Vorgabe kennt. So geschieht's gleich zu Beginn, und Thiago Arancam als Des Grieux scheint das die Stimme zu verschlagen. Er wird sich für den Rest des Abends tapfer geben, ist glaubhaft im Spiel, allein im Gesang klappt das an diesem Abend leider nicht in angemessenem Maß.

Angemessener, doch auch nicht völlig überzeugend ist Norma Fantini in der Titelpartie. Vor allem, wenn sie mit Nachdruck laut wird, hat sie das Opernhaus für sich allein. Mit grantelnden Tönen und intrigantem Spiel gibt sich Maurizio Murano als Geronte di Ravoir, und als ambivalente Figur hat Christoph Pohl in der Rolle des Bruders der Titelheldin die Musen des Gesanges auf seiner Seite, erfreulich auch Giorgio Beruggi in den drei kleineren Tenorpartien.

Mit dieser Premiere stellt sich Christian Thielmann als Dirigent einer Neuinszenierung italienischer Oper in Dresden vor, nach der Premiere wird er das Werk noch zweimal dirigieren, dann übernimmt Daniel Oren. Auf die Musiker der Staatskapelle Dresden kann er sich verlassen, sie haben mehrfach bewiesen, dass sie auch in diesen Klangwelten zu Hause sind.

Gleich zu Beginn eine Überraschung. Das Zwischenspiel mit der traurig gestimmten kammermusikalischen Einleitung, eigentlich vor dem dritten Akt gedacht, wenn die Fahrt ins Unglück beginnt, erklingt jetzt schon. Nun gut, später wird man sehen, dass es an dieser Stelle inszenierungstechnisch keinen Platz hat.

Dann eben als Einstimmung. Ganz sanft, ganz unaufdringlich, so gibt Thielmann seinen Ton für diese Oper vor, stellt seine emotionalere Lesart vor, die demzufolge gänzlich anders ist als die des Regisseurs. Es wird an diesem Abend nicht grell klingen, es wird keine knalligen Effekte geben, dafür aber ein fein gewobenes Netz sensibler Klangstrukturen, die ahnen lassen, was noch alles von Puccini zu erwarten sein wird. Das ist ein krasser Gegensatz zum Geschehen auf der Bühne. Man hat nicht den Eindruck, dies sei eine künstlerisch abgestimmte Idee zwischen Dirigent und Regisseur. Eine solche Arbeitsweise sollte nicht zur Tradition werden in der Semperoper.

Aufführungen: 6. und 10. März; 28. April; 1. und 4. Mai; 18., 23. und 27 Juni

www. semperoper.de

CD Empfehlung: Mirella Freni, Placido Domingo, Renato Bruson, Philharmonia Orchestra, Giuseppe Sinopoli, Deutsche Grammophon, 1983

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.03.2013

Boris Michael Gruhl

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