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Probeschüsse ohne Freikugeln: Expedition Freischütz der Dresdner Bürgerbühne hatte Premiere

Probeschüsse ohne Freikugeln: Expedition Freischütz der Dresdner Bürgerbühne hatte Premiere

Genau zehn und eine halbe Zeile - im Layout des Programmheftes - brauchte Carl Maria von Weber seinerzeit, um seiner Braut das Sujet des "Freischütz" zu beschreiben.

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Benno Fritz, Claudio Orlacchio, Rosa Brudek, Linda Senftleben und Andreas Rudolph.

Quelle: David Baltzer

Auf der Bühne werden dann reichlich zwei Stunden Gesamtkunstwerk daraus. In den eineinhalb Stunden "Expedition Freischütz", zu der die Dresdner Bürgerbühne aus den schlichten Schluchten des Originals aufbricht, stecken mindestens einige hundert Seiten Stoff. Ein Bühnenessay über Angst und Mut, Grenzerfahrungen und durch sie ausgelöste Veränderungen, über den Mythos des deutschen Waldes. Hilfsweise wird die Geschichte von Liebe und Probeschuss und Freikugeln kurz angezupft, aber mehr als zehn Textzeilen nimmt das auch kaum in Anspruch.

Sehr persönliche Erfahrungsberichte

Regisseur Matthias Rebstock begreift Stückvorlagen und Opern als Räume, in denen er sich mit seinem Ensemble bewegen kann. "Mir geht es nicht so sehr darum, ein großes Werk zu inszenieren, sondern darum, welche Reflexe der Stoff bei meinem Ensemble und mir auslöst", verrät er in einem Interview, das Dramaturg David Benjamin Brückel mit ihm für das Programmheft führte.

Die Ankündigung, dass auf der Probebühne des Kleinen Hauses "Bergsteiger, Abenteurer und andere Grenzgänger" agieren würden, ließ zunächst den Gedanken an eine Parodie aufkeimen. Das viel strapazierte Standardwerk hat schließlich oft genug dazu herausgefordert. Unvergessen ist die 1.Dresdner OFF-Oper 1993 mit "Durch die Wälder, durch die Aua". Auch im Schauspielhaus machte man sich in den 90ern einen Jux auf die Jägerei. Für diesen Verdacht entschuldigt man sich innerlich schon nach wenigen Minuten, wenn klar wird, dass mit Veit Riffer tatsächlich ein querschnittsgelähmter ehemaliger Bergsteiger über den Kletter-Kick und seine Risiken berichtet. In einer musikalischen Collage treten auch seine zehn Mitspieler immer wieder mit sehr persönlichen Erfahrungsberichten in Erscheinung. Was wohldosierte Komik nicht ausschließt. Zu den Klängen des Bauernwalzers am Klavier fällt das Bild - es ist nicht das des Erbförsters Kuno - wiederholt von der Wand und wieder hinauf. Mit Max wird über das Sax telefoniert, und "Durch die Wälder, durch die Auen" erklingt aus der Gießkanne.

Apropos Max. Es gibt bei dieser Stückentwicklung keine festen Rollen und eine stringente Handlung. Aber Max bleibt erkennbar als der unsichere Typ, entscheidungsunfähig und mit seinen Ängsten beschäftigt. Es geht um Prüfungsschweiß und den Schweiß des erlegten Wildes. Die Leidenschaft des Klettersports dient stellvertretend für einen Exkurs über den Zwang, perfekt sein zu wollen oder zu müssen. Bewegend die Schilderungen der deutsch-ungarischen Ärztin Elke Haufe über den Einbruch des Schicksals in Gestalt eines Autounfalls. Die elf Spieler extrapolieren auf das Liebenswürdigste Webers durch den Eremiten bewirktes Happy End und stellen sich vor, wie es Max und Agathe nach 20 Ehejahren geht. Wie Max nämlich am liebsten auf ihren Lover anlegen würde, den sie sich aus Frust und Langeweile geangelt hat. Das bietet Gelegenheit, eigene Zukunftswünsche und Visionen zu äußern.

Eher zu schmunzeln als zu wiehern hatten die dankbaren Premierenbesucher bei den Anspielungen auf des Waidmanns Handwerk und seinen vorder- oder hinterwäldlerischen Lebensraum. Köstliche Lautmalereien und Spiele mit gesampelten Geräuschen gaben dem Theater, was des Theaters ist. Da endlich muss auch die Mischung aus Forsthaus- oder Datschen- oder Schuppenfassade erwähnt werden, die Sabine Hilscher als Mehrzweck-Hauptkulisse aufgebaut hat. In ihr lassen sich allerlei Türen öffnen, die Attribute des Waldes oder schlicht erlegtes Frischfleisch im Kühlschrank wie in einem Tabernakel erscheinen lassen. Dazu kommt ein Klavier vor bildbehängter Wand links, rechts der Wellnessbereich mit Sofa, Liegestühlen und einer Zinkbadewanne.

Wie schon beim Musiktheaterprojekt "Die Nase" nach Gogol im September des Vorjahres hat Michael Emanuel Bauer den Spielern eine völlig eigenständige Musik auf den Leib geschrieben. Erstaunlich, welches Potenzial unter den musik- und theaterliebenden Bürgerbühnen-Darstellern schlummert. Pianist Tobias Schäfer war schon bei der "Nase" dabei. Die virtuosen Breaks der jungen Bratscherin Rosa Brudek vom Musikgymnasium fielen auf, Elke Haufe sang mit Leidenschaft ein ungarisches Lied, der Italiener Claudio Orlacchio bekam ein nicht minder eindringliches Solo mit Gitarre. Soli, die auch atmosphärisch sehr stimmig mit chorischen Auftritten wechselten.

Was die Bürgerbühne hier leistet, ist mehr als nur Kontext zum Freischütz-Stoff. Ihre "Expedition" gleicht eher einem inszenierten guten Programmheft, das alle möglichen Facetten der Geschichte schillern lässt. Opernfans mögen es anders sehen, aber so dringt man tiefer in die grundwasserführenden Schichten vor, als die opulenteste Opernproduktion.

Aufführungen: 14. und 28.4., 28.5.; 6.6., Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.04.2014

Michael Bartsch

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