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Premierenjubel für "Le nozze di Figaro" in Görlitz - Generalmusikdirektor Stier verabschiedet sich mit Mozart

Premierenjubel für "Le nozze di Figaro" in Görlitz - Generalmusikdirektor Stier verabschiedet sich mit Mozart

Ein ganzer toller Tag fliegt und flirrt dahin. Drei Stunden dauert der Tag bei Mozart. Nichts kommt zu kurz in dieser menschlichen Komödie der Lüste und Listen, hart am Rande des Abgrunds der Tragödie.

Das konnte nur Mozart.

Lachen und Weinen sind so nahe beieinander wie Wahrheit und Lüge. Mal scheint die Musik geschwinder dahin zu eilen, als unser Ohr ihr folgen kann. Dann hält sie inne, betörend, zart. Wie kaum in einem anderen Stück fügt Mozart in "Le nozze di Figaro" die vielen Facetten des Tones der Wahrheit zusammen, die so verschiedenen Tempi des Herzschlags.

Seinen Stoff für diese komische Oper fand er in der französischen Komödie "Der tolle Tag oder die Hochzeit des Figaro" von Beaumarchais. Auf Mozarts Wunsch dichtet kein Geringerer als Lorenzo da Ponte das Libretto nach einem Stück, das nicht gespielt werden durfte. Es ist fraglich, ob man von Beaumarchais noch sprechen würde, gäbe es Mozarts Oper nicht. Ebenso fraglich, ob Mozart der revolutionäre, der politische Impetus reizte oder ob es doch die so verwirrende wie groteske Komödie der Fleischeslust ist, die ihn zu diesem Werk mit den grandiosen musikalischen Ideen, insbesondere jenen einzigartigen Ensembleszenen, anregte.

In Görlitz, am Gerhart Hauptmann-Theater, feierte Mozarts Meisterwerk eine bejubelte Premiere. Es war der Wunsch von Eckehard Stier, der sich nach zehn Jahren als Generalmusikdirektor verabschiedet. Dass eine solche Aufführung mit einem so überzeugenden Ensemble möglich ist, verdankt sich nicht zuletzt seiner konsequenten, wie fordernden Förderung des Musiktheaters und der Neuen Lausitzer Philharmonie.

Bei geringen Einschränkungen im Hinblick auf Übereinkunft der Tempi und des Zusammenklanges zwischen Sängern und Orchester ist eine Aufführung zu erleben, bei der drei Stunden wie im Flug vergehen. Immer wieder Reize für Auge und Ohr. Momente der Verinnerlichung werden abgelöst von aufbrausender Dramatik und gebrochen durch Szenen greller Komik. Verwirrungen, Verwechselungen, ja selbst die oftmals so heiklen Szenen der Verkleidungen und Verstellungen haben hier ihren Sinn, weil sie geschmackvoll, gekonnt und präzise inszeniert sind. Da stimmt jede Bewegung, die Szenen sind ausgefeilt und können so mit choreografischer Genauigkeit gespielt werden. So kommt zur musikalischen Dimension die spannende Optik. Dass die Sicht auf das Werk von Sebastian Ritschel (Regie, Ausstattung, Licht), unterstützt von Britta Bremer und Ronny Scholz, streitbar ist spricht für die Konsequenz seiner Arbeit. Für Ritschel ist es der Rachefeldzug Figaros, seiner Braut Susanna, der Gräfin, des Pagen Cherubino und der Gärtnerstochter Barbarina, im Verein mit Bauern und Bediensteten, gegen den Grafen Almaviva, für den bei Ausnutzung seiner scheinbar unangreifbaren Stellung als Gejagter seiner Leidenschaften unter jedem Rock eine Rose blüht und unter jeder Bluse sanfte Hügel der Eroberung harren, da schreckt er auch nicht zurück vor roher Gewalt.

Der Jäger ist nicht nur geil, er ist auch schlau. In manchen Zimmern seines Hauses, besonders in dem für Susanna und Figaro bestimmten Schlafzimmer, sind die Klinken so hoch, dass sie nur von Menschen höheren Standes zu erreichen sind. Aber auch andere sind schlau. Sie haben Schlupflöcher und Luken gefunden. Sie schmieden einen Plan. Sie werden den nimmersatten Jäger mit den eigenen Waffen schlagen. Weil er es auf die Braut Susanna abgesehen hat, wird die eigene Gattin in deren Brautkleid ihn nachts erwarten, um sich dem glücklichen Unglück hinzugeben, wenigstens so vom immer noch geliebten Gatten begehrt zu werden. Dass dabei für die edle Gräfin doch wie ein Traum aus roten Rosenblättern der junge Körper des geschmeidigen Pagen Cherubino in der Fantasie keine gänzlich unbedeutende Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Ebenso geheimnislos ist Susanna wohl auch nicht nur zum Schein unempfänglich für die Erkundungen gräflicher Hände.

So will dann am Ende eigentlich, trotz Figaros einleitender und grundsätzlicher, aufbegehrender Einladung zum Tanz mit dem Despoten, niemand den ersten Schritt wagen, geschweige denn ersten Stein werfen, wenn im nächtlichen Garten die Masken fallen. Zum einen bleibt es Mozarts Geheimnis, ob des Grafen zu Herzen gehender Gesang der Entschuldigung "Contessa perdono!" nicht wirklich für den Augenblick ernstzunehmen ist, ob der Schreck den anderen genügt, die alte Ordnung bleibt und nunmehr vier Paare versuchen werden, sich damit zu arrangieren.

Dem Regisseur reicht das nicht. Es gibt keinen nächtlichen Garten, Almavivas Gebäude ist zusammengebrochen, die Türen sind aus den Angeln, er steht allein im leeren Rahmen seiner schlauen Konstruktion. Die Hochzeitsgäste haben, wie sie singen, erst Gram und Traurigkeit aus ihren Herzen verbannt, wenn der Graf sich die für ihn bestimmte Schlinge um den Hals legt. Sie meinen es ernst. Die erhobenen Zaunlatten sind nicht nur zum Winken da.

Mit solchen und anderen Deutlichkeiten schleichen sich unnötige Fingerzeige ein. So erglühen die Räume immer wieder in leuchtendem Rot, wenn aufbegehrende Töne erklingen, oder noch deutlicher, ein roter Schriftzug "Vendetta" beherrscht die fast weiße, edle Szene, in denen auch die Hauptträger der Handlung in Schwarz und Weiß gekleidet sind, lediglich dem heiteren Personal ein paar mehr Farben zugestanden werden. Das ist nicht ohne optischen Reiz, vor allem weil bis in die kleineren und kleinsten Partien mit Stefan Bley und Gabriele Scheidecker als Bartolo und Marcellina alles ganz stimmig funktioniert. Das gilt auch für den witzigen Michael Berner in der Doppelrolle als intriganter Musiklehrer Basilio und Richter Curzio und Hans-Peter Struppe als hochprozentig begossenem Gärtner. Die hoffnungsvolle Dresdner Studentin Anne Petzsch gibt als Barbarina in Gesang und Spiel weit mehr als eine Talentprobe.

Mit dieser Inszenierung verabschiedet sich auch Tim Stolte aus dem Görlitzer Ensemble, mit seiner Leistung als Graf Almaviva gelingt ihm ein grandioser Höhepunkt in seiner ohnehin erstaunlichen Entwicklung. Audrey Larose Zicat ist eine attraktive und gar nicht so sentimentale Gräfin, eine große Überraschung bietet Patricia Bänsch als Cherubino, erstaunlich wie hier Gestaltung und Musikalität zusammengehen. Das gilt auch und vor allem für Laura Scherwitzl als Susanna. Mögen vielleicht noch einige lyrische Dimensionen fehlen, allein die unverstellte Frische und die Authentizität ihrer Gesamtleistung sind von größerer Bedeutung. Ein Glücksfall für diese Inszenierung ist der Gast Geani Brad in der Titelpartie, verblüffend in der Leichtigkeit seines so genauen und konsequent partnerbezogenen Spiels, höchst angenehm in den klanglichen Qualitäten seines Gesanges. Nicht zu vergessen, gesungen wird italienisch, das ist gut so; zur Not gibt's ja die Übertitel, deutsch und polnisch, noch eine Görlitzer Spezialität. iAufführungen: 2., 14., 22., 30.6.; 7.7.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.05.2013

Boris Michael Gruhl

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