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Premiere von Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" auf dem Theaterkahn

Premiere von Theresia Walsers "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" auf dem Theaterkahn

Als der große Humorist Mel Brooks einmal einen Preis für sein Lebenswerk entgegennahm, bedankte er sich öffentlich auch bei Adolf Hitler - schließlich sei der auf der Bühne der größte Komödiant überhaupt gewesen.

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In einer Talkshow prallen die Sichtweisen dreier Schauspieler aufeinenader: Michael Mienert, Thomas Förster und Peter Bause (v.l.).

Quelle: Carsten Nüssler

"Darf man das?" flüstert es da, auch wenn Brooks als Nachfahre galizischer Juden wohl kaum im Verdacht stehen dürfte, auf Kosten von Holocaust-Opfern zu scherzen. Unklar scheint, worin das größere Tabu besteht: über Witze mit (Hitler-)Bart zu lachen oder sich der Überlegung hinzugeben, die Führungsriege der Vernichtungsmaschinerie sei nur eine Reihe von Schmierenkomödianten gewesen? Darüber, ob man diese uniformierten Möchtegern-Schauspieler im Gegenzug wieder auf Bühne und Leinwand loslassen darf, wird mit jedem "Untergang" aufs Neue gestritten (der Film ist denn auch im Ausland weit angesehener als in Deutschland), so dass es nahelag, die Debatte selbst im Drama aufzuarbeiten.

Talkshow als Medienhölle

Theresia Walsers intelligente Komödie "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm", 2006 in Mannheim uraufgeführt, hatte am Sonntag auf dem Theaterkahn Premiere und unterhielt glänzend, spielt die Autorin doch gewitzt mit Theaterklischees und verbeugt sich u.a. vor Thomas Bernhard und Samuel Beckett. Es ist nicht Godot, auf den die Schauspieler im Stück warten, sondern das Purgatorium der Gegenwart - die Medienhölle. In einer Talkshow sollen die drei über Erfahrungen beim Verkörpern von Hitler bzw. Goebbels berichten, beim Warten auf den Beginn werden Gegner taxiert und vorsorglich die besten Sätze ausprobiert.

Der Älteste (von Peter Bause als Ebenbild des cholerischen Film-Hitlers von Bruno Ganz angelegt, inklusive Vernichtungsrhetorik und mit Guido-Knopp-Genauigkeit recherchierter Parkinson-Hand) ist ein unerträglicher Egomane, der nur Verwendung für Regisseure hat, solange sie seine Mitspieler davon abhalten, "ihre Rollen zu überschätzen", und der als Hitler sogar Autogramme verteilt. Ihm gegenüber sitzt ein junger Kollege (Michael Mienert) vom Provinztheater, der von der agitatorischen Macht der Bühne träumt und doch schon längst die Manierismen des Älteren adaptiert. Zwischen dem Schauspiel-Cäsar und seinem Brutus sitzt der von Thomas Förster souverän verkörperte, servile Marc-Anton-Verschnitt, der seine Solidaritäten am wackligen Talkshow-Tisch nach Wetterlage verteilt. In diesem Treffen der Schauspiel-Generationen gibt es große Momente, bedeutungsvolle Pausen und messerscharfe Pointen, ohne dass die Inszenierung von Holger Böhme dazu auf grelle Effekte zurückgreifen müsste.

Auf unsichereres Terrain bewegt sich dieses Fegefeuer der Eitel- und Bösartigkeiten gegen Ende, wenn sich die Satire zum Thema des zeitgenössischen Theaters selbst bewegt. Dass die Autorin zwei gegensätzliche Auffassungen - die vom älteren Schauspieler verkörperte, dem klassischen Text verpflichtete Deklamation und den Avantgarde-Gestus des Regietheaters - zur Karikatur verknappt gegeneinander gegenüberstellt, ist (zumal im Komödienkontext) fraglos legitim.

Falsch verstandene Polemik

Allerdings fällt Mienert dabei als jungem Wilden, der auf der Bühne am liebsten den Koran anzünden möchte, die wesentlich undankbarere Rolle zu - als Bauses Monolog gegen die nackten Hamlets und den Einsatz von Videos auf der Bühne Szenenapplaus und begeisterte "Jawoll!"-Rufe erhält, zweifelt man ein wenig daran, ob die Botschaft wirklich ankommt. Wobei die fehlverstandene Polemik letztlich nur die im Stück festgehaltenen Absurditäten fortschreibt, denn die reaktionär anmutende Reaktion des Premierenpublikums heißt im Endeffekt Zustimmung für die werkgetreue Klassikerinszenierung als sinnentleerte Deklamation ("Ach, wie schön..."), die ihre Blütezeit - eben! - im Dritten Reich hatte.

Allerdings schmälert das nicht die Wucht von Walsers beeindruckendem Stück, das sich zu einem Spielplanfavoriten auf deutschen Bühnen entwickelt. Die Darstellbarkeit des Nationalsozialismus in den Medien mag als Thema tagespolitischen Diskussionen um Rechtsradikalismus gewichen sein, dennoch ist anerkennenswert, dass sich der Theaterkahn mit seiner aktuellen Premiere in der Dresdner Gedenkwoche aus seiner Komfortzone der gelinden Humoreske heraus bewegt und ein zeitgenössisches Stück mit Kanten anbietet - auch wenn dies mit dem großen Peter Bause in der Hauptrolle gut abgesichert sein dürfte, der in der Rolle schon in Hamburg Erfolge feierte und selbst sitzend eine Naturgewalt darstellt. Seine Memoiren hat Bause letztes Jahr schon vorgelegt - ob Bruno Ganz ihn in der Filmversion spielen wird? Wieland Schwanebeck

nächste Vorstellungen: heute sowie am 21. und 22.2.

www.theaterkahn-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.02.2012

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