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Premiere in der Dresdner Semperoper: Alban Bergs „Lulu“ als absurder Totentanz

Premiere in der Dresdner Semperoper: Alban Bergs „Lulu“ als absurder Totentanz

Die Erwartungen an Stefan Herheims Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" waren groß. Am Sonnabend, zur Premiere des Stücks um die verführerische Frauengestalt, sorgten Darsteller und die sächsische Staatskapelle unter Cornelius Meister für Begeisterung auf voll besetzten Zuschauerrängen.

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Als "Lulu" begeisterte Gisela Stille die Zuschauer in der Semperoper. Joachim Goltz als Medizinalrat und Markus Marquardt als Jack the Ripper spielten nicht minder brillant.

Quelle: Matthias Creutziger

„Hereinspaziert in die Menagerie..," - so eröffnet Almas Švilpa als grobschlächtiger Tierbändiger, der auch noch einen Athleten und Theaterdirektor geben wird, mit der Attitüde des Allmächtigen die Zirkusshow in der von wackligen Latten umsäumten Manege auf der Opernbühne. Die Tiere werden vorgestellt, der Zirkus wird zum Theater, zum Operntheater, nicht irgendeines, nein. Auf der Bühne der Semperoper steht die Bühne der Semperoper samt Schmuckvorhang und mancher Nachbildung ornamentaler und plastischer Ausschmückungen des Originals

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Lulu - Stefan Herheims Inszenierung von Alban Bergs Oper um einen männermordenden Vamp begeisterte am Sonnabend zur Premierein der Dresdner Semperoper das Publikum.

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Das ist der Raum für Wünsche, Träume, Projektionen, tierische Männerfantasien. Das ist der Raum für den absurden Aberwitz, in dem die Menschen sich an ihren Bildern messen und verzweifeln. Was bleibt, sind Clowns und arg verzerrte Fratzen, lebendig oder tot, die Grenzen sind verwischt, geschminkte Leichen feiern Auferstehung zu ewigem Leben im Theater.

Lulus Höllenfahrt

Und dann Lulu, die Schlange, die Verführerin. Sie wird aus einem Paradiesbild ausgeschnitten und ihre Nacktheit taugt als Fläche für die Projektionen der sieben Bilder einer Frau, in denen sie fortan und unaufhaltsam durch die Hände ihrer Dompteure gehen wird. Sie ist Geliebte, Ehefrau, Modell und Muse, sie trägt das Clownskostüm und macht sich schutzlos nackt, sie bettelt um ein wenig Nähe im kalten Regen auf dem Strich in London. Am Ende ihres Weges, der sie aus dem Paradies durch viele Hände führte, wartet die Hölle auf sie als Ort erlösender Wärme. Auf diesem Weg wird sie abgerichtet, gerichtet und am Ende hingerichtet.

Und doch, das ist die Unbezähmbarkeit Lulus in Alban Bergs Oper nach den Tragödien „Erdgeist" und „Die Büchse der Pandora" von Frank Wedekind, erhebt sich ihr Gesang in Wahnsinnshöhen immer wieder über alles, was rings um sie grunzt und girrt, auftrumpft und unterliegt. An diesen Tönen schierer Unerreichbarkeit zerbricht die Tierwelt in Menschengestalt, die sie umgibt. Den Tieren ist der Himmel vorbehalten, hier zappeln sie als clowneske Karikaturen, die mitleidheischend wie auf scheinheiligen Andachtsbildchen das Werkzeug, mit dem sie zu Tode kamen, an sich tragen, die Axt im Kopf, den Pfeil im Rücken, die Schreibfeder im Affenohr. Nichts in der so bildreichen Assoziationsfolge dieses surrealen Totentanzes, dieses Theaters im Theater, dieser Dressur der Lustbarkeit ohne Lust, was nicht begründbar wäre aus Text und Musik des Werkes.

Nach Kopenhagen und Oslo ist die Inszenierung von Stefan Herheim im Bühnenbild von Heike Scheele mit den Kostümen von Gesine Völm nicht lediglich als pure Übertragung in Dresden angekommen, sie hat hier überzeugend eigene Gestalt gewonnen. Und dies verdankt sich nicht zuletzt der sichtlich hervorragenden Arbeit aller Gewerke in den Werkstätten und eines Teams von Mitarbeitenden an dieser Aufführung, denen außerordentliche Anerkennung zu zollen ist.

Gemessen an der Ungewöhnlichkeit der musikalischen und darstellerischen Anforderungen dieses Werkes kann die Dresdner Aufführung mit einem ausgezeichneten Solistenensemble aufwarten. Aus der tierischen Männerwelt seien vornehmlich Jürgen Müller als Alwa, Joachim Goltz als Medizinalrat, Bankier und Professor genannt. Nils Harald Sødal ist ein junger Maler und ein Neger. Der Prinz mit Affenohren, Kammerdiener und Marquis ist Aaron Pegram, als Dr. Schön vor allem, auch als Jack the Ripper gibt Markus Marquart ein überzeugendes Porträt und Ketil Hugaas ist der Satansbraten Schigolch, wie aus dem Bilderbuch mit roten Hörnchen und Teufelshaxe, der auch mal auffährt in den Bühnenhimmel. Für die Wahnsinnspartie der Lulu hat Gisela Stille stimmliche Reserven von verblüffender Kraft und besonderer Höhensicherheit. Manchmal nur droht die Vehemenz ihres Singens die Zartheit dieses verletzlichen Wesens, dieser unschuldig Schuldigen, dieser verführten Verführerin zu übertönen.

Finale Sehnsuchtstöne

Alban Berg konnte das Werk nicht vollenden. 1937 komplettierte man zur Uraufführung in Zürich die zweiaktige Fassung mit den Symphonischen Stücken. Friedrich Cerha schuf nach vorliegendem Material Bergs eine komplette dreiaktige Oper, die 1979 in Paris uraufgeführt wurde. In Dresden ist nach Erfurt und Augsburg die bislang neueste Komplettierung des Werkes durch Eberhard Kloke zu erleben. Verstörend ist hier die Kargheit der Instrumentierung des dritten Aktes, als verabschiede sich sogar die Musik auf Lulus letztem Gang, Melodramen a cappella, zarte, zerbrechliche Passagen subtiler Kammermusik für Violine, Klavier und Akkordeon. Die Szene ist arm geworden, das Theater in der gnadenlos schwarzen Leere auf der großen Bühne wackelt und stürzt am Ende ganz in sich zusammen. Doch kurz vor diesem Bild vom Tod der Illusionen, nach fast vier Stunden, einem Zeitmaß Wagnerscher Dimensionen, doch noch ein Liebestod. „Lulu! Mein Engel! Laß dich noch einmal sehn! Ich bin dir nah! Bleibe dir nah! In Ewigkeit!" Christa Mayer als Gräfin Geschwitz in ihrer unglücklichen Liebe zu Lulu verströmt sterbend visionäre Sehnsuchtstöne.

Am Pult der Sächsischen Staatskapelle gibt Cornelius Meister sein Debüt. Ein grandioser Einstand, minimale Kraftakte und manche Verführung zu nicht immer sängerfreundlicher Opulenz werden sich ausgleichen lassen. Zu den Sensationen des Abends aber, der wahrlich nicht arm ist an Höhepunkten, werden die vielen Facetten der Klangdimensionen, mit denen das Orchester verblüfft, verstört und immer wieder ob der Intensität des Musizierens für Gänsehauteffekte sorgt. Im Klangbild dichter Streicherpassagen, in schroffen, kantigen Kaskaden, in rastlosen, minimalen Abfolgen aus Zirkussound und kammermusikalisch zart gewobenen Passagen. „Lulu" in Dresden ist ein besonderes Ereignis in der Semperoper.

Boris Michael Gruhl

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