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Premiere im Societätstheater Dresden: Senioren-Projekt als Theater-Recherche

Premiere im Societätstheater Dresden: Senioren-Projekt als Theater-Recherche

Wenn ein Schiff zu sinken droht, handelt der Mensch instinktiv und versucht als erstes sich und seine Nächsten zu retten, ein - zwei wichtige Dinge vielleicht noch.

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Die Geschichte von Herrn Bach und seiner Frau ist der rote Faden eines Societätstheater-Projekts mit Senioren und Theaterleuten.

Quelle: Detlef Ulbrich

Doch selbst wenn alles Materielle in den Fluten versinkt, bleiben die Erinnerungen - Hauptsache, man ist noch am Leben. Aber wenn auch die Erinnerungen verschwinden, ist man dann noch am Leben?

Meine Frau ist für mich gestorben, Herr Doktor, sagt traurig Herr Bach und geht an seiner apathisch da sitzenden demenzkranken Frau vorbei, steigt in den Fahrstuhl und ist weg. Herr Bach hat lange gegen die Krankheit seiner Frau gekämpft, sich rührend um seine Sarah gekümmert - jetzt hat er losgelassen. Ganz sicher hat er ein paar Kostbarkeiten mitgenommen - Sarahs Lächeln, als Herr Bach sie in einem KZ zum ersten Mal sah, ein Lächeln, das gar nicht zum Schrecken rundherum passte und den starken Überlebenswillen dieser Frau signalisierte.

Die Geschichte von Herrn Bach und seiner Frau ist der rote Faden eines Societätstheater-Projekts mit Senioren und Theaterleuten. Daher auch der Titel: "Die Dame auf der zweiten Etage, die meine Frau war". Carsten Ludwig (Regie) schuf mit dieser Inszenierung in der Form eines Film-Theaters ein vielgesichtiges Porträt von Menschen in einer Lebensphase, in der Krankheiten wie Demenz hinter jeder Tür lauern. Für den Verfall, den Demenzerkrankungen im Gehirn hervorrufen, hat man hier ein würdiges Wort gefunden: Verwandlung. Unterstützt wurde Ludwig von René Liebert und Andrej Bavtschenkov (Kamera und Ton), von den Schauspielern Thomas Stecher und Sabine Werner und von mehr als einem Dutzend aktiv beteiligten Senioren und Seniorinnen. Die Seniorenresidenz Dresden und eine Arztpraxis haben mit ihrem Engagement ebenso zur Realisierung des Projekts beigetragen.

Wenn das Publikum im Gutmann-Saal des Societätstheaters sitzt, ist die meiste Arbeit schon getan und filmisch festgehalten. Nur Thomas Stecher tritt live als betreuender Arzt namens Jakoby auf, monologisiert seine Gedanken oder führt geschickt vorbereitete Dialoge mit Personen aus den Filmsequenzen. Er ist auch im Film zu sehen, auf den Fluren einer Senioreneinrichtung, grüßt, ermutigt und untersucht Ältere. Dazu hat er eine beherzte Krankenschwester an seiner Seite, die von Sabine Werner verkörpert wird. Sie fühle sich hier sicher, sagt sie, wo ständig etwas zu Ende gehe. Arzt und Schwester sind immer freundlich, verständnisvoll und lassen sich Zeit - nüchtern betrachtet wohl eine Wunschvorstellung. Glücklicherweise stört die Idealisierung des Personals nicht permanent, es ist auch gut, dass die Schwester nur kurz zornige Worte über kommende finanzielle Kürzungen verliert. Denn mit der geschminkten Realität als Hintergrund kommen Gesichter und Geschichten der Senioren erst richtig zur Geltung - so sehr, dass man manchmal fürchtet, die gnadenlose Nähe der Kamera könnte Hilflosigkeit in Lächerlichkeit abrutschen lassen. Ein paar solche Momente bleiben, meistens halten sich Situationskomik und respektierte Tragik jedoch die Waage.

Die Filmsequenzen sind auf der Bühne auf weißen Bahnen zu sehen, die mit Abstand zueinander hängen. So werden Gesichter und Gestalten "zerschnitten" wahrgenommen, was zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Je mehr man in diese faszinierende und gleichzeitig bedrückende Welt des Erinnerns, Wartens und Verlierens eintaucht, umso besser passt die Film-Puzzle-Technik dazu.

Wie eine zufällige Sammlung an festgehaltenen Momenten wirkt die Inszenierung auch inhaltlich - mit Ausnahme der Geschichte von Herr und Frau Bach, authentisch dargestellt von Bernd Oppermann und Ingrid Schulz. Alte Menschen sehen sich Fotos an, auf denen sie jung sind, und kommentieren humorvoll banale Dinge. Ein Mann zeigt Fotos, auf denen es nur aussehen würde, als ob man arbeite, eine Frau "outet" sich mit viel Gelächter als Spionin 004, eine andere erzählt, wie ein russischer Offizier sie vor einer Internierung nach Sibirien rettete, weil ihm die 17-jährige SS-Mitarbeiterin zu jung fürs Bestrafen war.

Ob sich Verlorenes in den Träumen von Demenzpatienten wiederfindet, fragt sich der Arzt. Eine Frau im Rollstuhl scheint jedenfalls zu lächeln. Nur kleine Siege, Herr Doktor, beschwichtigt die sie begleitende Angehörige im Film. Kleine Siege, große Wirkung kann man nach dieser Inszenierung nur sagen.

Vorstellungen: 3., 4. und 12. März, jeweils 20 Uhr, Societätstheater

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.02.2012

Bistra Klunker

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