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Premiere im Schauspielhaus in Dresden: Goethes "Reineke Fuchs" als Kinder- und Familienstück

Premiere im Schauspielhaus in Dresden: Goethes "Reineke Fuchs" als Kinder- und Familienstück

Die Welt, in der wir leben, ist ungerecht: Banken schämen sich nicht lange in der Ecke für skrupellose Geschäfte. Diktatoren werden naturgemäß ohne schlechtes Gewissen geboren.

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Szene mit Christian Clauß, Julia Keiling, Gregor Knop, Sascha Göpel als Reineke Fuchs, Philipp Lux, Andreas Hammer und Jan Maak.

Quelle: David Baltzer

Die Revolutionen fressen früher oder später ihre Kinder mit Haut und Haar, während geduckte Mitläufer erfolgreich durchstarten. Und in der Arbeitswelt gibt es überall mindestens einen, der sich seinen Posten erschleimt hat. Der Ehrliche ist eben der Dumme. Um rechtzeitig Überlebensstrategien zu entwickeln, muss man das früh genug begreifen.

Je früher, umso besser - meint auch das Dresdner Staatsschauspiel und präsentiert Goethes Versepos "Reineke Fuchs" als Kinder- und Familienstück für alle ab 8 Jahren im Schauspielhaus. Das Premierenpublikum bestand auch reichlich aus Kindern, darunter einige unter 8 Jahren, und ihren Begleitern. Ein neugieriges Publikum also, das bereits zum Auftakt beim Erlöschen der Lichter im Saal Beifall spendete. Dann nimmt der Kampf um Moral und Unmoral, die aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlich interpretiert werden, seinen Lauf. Und das Inszenierungsteam um Regisseurin Susanne Lietzow tut sein Bestes, um diese Moralschlacht kinder- und familienfreundlich aufzubereiten.

Da sind zunächst die fabelhaften Kostüme von Marie Luise Lichtenthal - eine echte Augenweide mit ein bisschen Augenzwinkern. So steckt Philipp Lux als Braun, der Bär, in einem aufgepusteten Bärenkostüm und trippelt behäbig und unbeholfen über die Bühne, brummt so gar nicht zum Fürchten oder summt mal verwirrt. Isegrim der Wolf (Matthias Reichwald) zeigt erst beim Zweikampf mit Reineke sein "Muskelkostüm", das er bis dahin unter einem Mantel verborgen hält. Reineke Fuchs erinnert mit seinen hohen Stiefeln an den "Gestiefelten Kater", auch was die wendige Eleganz und die Gerissenheit betrifft. Sascha Göpel meistert die Rolle, indem er geschickt Schläue und Verschlagenheit mischt - nur so kann Reineke seinen Kopf mehrmals aus der Schlinge ziehen und protzige Feinde besiegen.

Zu den Farbtupfern der Inszenierung gehören noch das rosafarbene, Französisch parlierende Hündchen des Königspaars (Gregor Knop) oder Henning, der Hahn (Andreas Hammer), der mit einer Luftpumpe seine Brust zum Schwellen bringt. Gut erkennbar in ihrer Tiergestalt sind auch die Krähe Merkenau (Matthias Luckey), der Hase Lampe (Christian Clauß), der Kater Hinze (Ina Piontek), der Widder Bellyn (Julia Keiling), der Dachs Grimbart (Jan Maak) und natürlich der Musikkäfer Benjamin Rietz, der für die musikalische Untermalung sorgt.

Das Königspaar tritt mit vertauschten Rollen auf: die Königin Noblesse hat hier anders als in Goethes Epos das Sagen - was Hannelore Koch mit strengem Blick und akustisch erzeugtem Löwen-Gebrüll immer wieder unterstreicht. Der Prinzgemahl dagegen ist ein trotteliger Königin-Wegbegleiter in Schottenkaro-Rock und gewellter Perücke, der als Herrscher-Deko agiert, im Stehen ein Nickerchen macht oder mit schwarzem Tütchen bewaffnet die Ausscheidungen des königlichen Hündchens aufsammelt. Genau die richtige Rolle für Albrecht Goette, der auch als sächselnde Arbeitsmaus Herbert glänzt, wenn Kater Hinze in die Falle gelockt wird.

Genug Platz für die Phantasie bietet die Bühne von Aurel Lenfert, deren zentraler Bestandteil ein luftiger, aus "Ästen" aufgeschichteter Bau ist. Je nach Bedarf kann er als Palast, Gefängnis oder Wald dienen, kann gedreht, versenkt und wieder hochgeholt werden. Auf der einen Seite hängt eine riesige halbe Eierschale, in der die Fuchsfamilie residiert: Vater Reineke, Mutter Ermelyn und zwei süße Füchslein-Puppen. Auch der größte Betrüger hat wohl Recht auf Intimsphäre.

Um die Geschichte von Reineke Fuchs zu erzählen, kommt man allerdings um ein paar Grausamkeiten nicht herum: Der Fuchs tötet den Hasen, lockt den Widder Bellyn in eine Todesfalle. Der Listige tötet auch die Kinder des Hahns und die liebe Frau der Krähe (diese Geschichte wird in einem witzigen Stummfilm-Video von Petra Zöpnek erzählt). Am Ende besiegt Reineke den Wolf, indem er ihm unfein zwischen die Beine greift und dem armen Tier sehr weh tut.

Die Darsteller-Truppe aus Schauspielern und Studenten des Schauspielstudios Dresden gestaltet mit Spielspaß diese Inszenierung, in der das Lustige und Märchenhafte überwiegen. Das gemischte Premierenpublikum schien sich gut zu amüsieren, wie der herzliche Schlussapplaus zeigte. Doch die vorsichtigen bis ausbleibenden Reaktionen am Anfang werfen doch die Frage auf, ob der Text auch in verschlankter Form nicht doch zu schwer verdaulich für Kinder ist. Es gibt außerdem Momente, die den Kleinen einen ganz schönen Schreck einjagen. Das ist vor allem die Szene, in der Meister Lampe auf Reinekes Befehl "Gute Nacht, Hase" sagen muss und dann das Knacksen seines gebrochenen Genicks zu hören ist und seine Beine herausbaumeln, während die Fuchsfamilie den Rest zum Abendbrot verzehrt.

Am Ende wird Reineke zum Berater der Königin ernannt, der Bock wohl zum Gärtner gemacht. Kein Happy-End im herkömmlichen Sinne. Nicht zu beneiden waren so manche Eltern und Großeltern, die sicherlich auf dem Nachhauseweg eine Menge "warum"-Fragen beantworten mussten.

Nächste Aufführungen: 16., 19. und 20.11. sowie zahlreiche im Dezember, Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.11.2011

Bistra Klunker

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