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Premiere im Schauspielhaus: Linus Tunström inszenierte Goethes "Faust I"

Premiere im Schauspielhaus: Linus Tunström inszenierte Goethes "Faust I"

"Ach", stöhnen sie alle und jeder für sich: der Philosoph, der Jurist, der Mediziner, der Theologe, der Hochschulprofessor. Vielleicht sind inzwischen auch Manager, Steuerberater, Lehrer, Sozialarbeiter dabei - von überallher, wo Burnout oder auf gut Deutsch Verschleiß durch Arbeit und Leistungsdruck das Leben sinnlos erscheinen lassen.

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Die Welt ist eine Klinik: Hannelore Koch (M.) als Faust, Rosa Enskat als Mephisto.

Quelle: Matthias Horn

"Ach", jammern sie und schimpfen sich "armer Tor". Zu sehen sind eine Ärztin (Hannelore Koch), der gerade ein unsichtbarer Patient mit schrillem Apparate-Piepton unter den Händen weggestorben ist, ein Intellektueller mit steifem Kreuz (Peter Pagel), ein Mann mit Wunde im Gesicht (Tom Quaas), ein schüchterner Jedermann mit Blumenstrauß (Torsten Ranft). Sie seufzen und lamentieren, als hätten sie etwas gemeinsam: das Leben? Das schwere, unbegreifliche, unberechenbare, für kurze vergängliche Momente betörende Leben? So gesehen sitzen wir - verteilt auf diese vier Fäuste - alle da drin, in diesem Krankenhaus, das Bühnenbildnerin Esther Bialas für die "Faust I"-Inszenierung des schwedischen Regisseurs Linus Tunström im Schauspielhaus eingerichtet hat.

Ein Schwede inszeniert urdeutsches Kulturgut? Im Grunde spricht genauso viel dafür wie dagegen. Und eine ande- re Perspektive auf den wund durchleuchteten "Faust"-Stoff kann ja prinzipiell nicht schaden. Man könnte sich das so vorstellen: Linus Tunström, gegenwärtig Direktor des Theaters in Uppsala, hat sich eine ganze Weile das Gefauste auf deutschen Bühnen angeschaut, sicherlich auch zurückgeschaut - all die langen Inszenierungen, einen Teil betreffend oder beide, mit ambitionierten Botschaften und Besetzungen. Pass auf, hat er dann zu einem imaginären Deutschen gesagt (sie duzen sich permanent da in Schweden, das wissen wir spätestens durch Kommissar Wallander). Pass auf, ich erzähl dir jetzt die Geschichte von diesem depressiven Typen, der so manipulierbar ist wie jeder von uns, der früher Minderjährige (Gretchen ist 14) verführt hat, wofür man ihn heute anklagen würde. Deshalb geht er nun auf Nummer sicher und betört einsame Alleinerziehende, die sich nach ein bisschen Liebe und Aufmerksamkeit sehnen und dafür vieles tun würden. Diese blassen, traurigen Gretchens übersiehst du bestimmt täglich. Und ich zeige dir, dass auch der Teufel zwei Seelen in seiner Brust hat, die aber beide böse sind und zynisch. Also Faustregel generell: Lass dich nicht blenden und manipulieren - wenn du kannst, mein Freund. Der Kampf kann dauern, ein Leben lang.

Vielleicht hat sich Linus Tunström auch nur als Theatermann und mithilfe der Dramaturgen seines Vertrauens, Armin Kerber und Felicitas Zörner, ganz pragmatisch eine verdichtete heutige Variante des Stoffs überlegt, die menschliches Begehren, Scheitern und Aufstreben in seiner Faustschen Form schlicht und ergreifend zum Röntgen in die Radiologie oder zur Operation in den OP-Saal schickt. Im Krankenhaus pflegen ein weiblicher (Rosa Enskat) und ein männlicher Mephistopheles (Jan Maak) die verletzte Seele des Faust-Quartetts durch teuflische (Heil-)Mittel. Ein fahler kahlköpfiger Patient (Schauspielstudent Max Rothbart) geistert in der Szenerie herum. Gretchen (Christine Hoppe) putzt sauber und rein, ihre Tochter (zur Premiere: Lotta Taggesell) wartet geduldig, dass Mama Feierabend hat. Die Kostüme (ebenfalls von Esther Bialas) sind praktisch oder unauffällig. Sie helfen hier unterzutauchen, wo alle Patienten sind und nach Erlösung von ihren Qualen suchen, wo Götter und Teufel in Weiß und Schwarz (und Grün) je nach Kompetenzen agieren. So einfach? Nein, nicht einfach, aber verständlich und nachvollziehbar.

Fausts Seelen auf mehrere Schauspieler zu verteilen, die in verschiedenen Abschnitten die Reise durch die kleine und die große Welt antreten, ist alles andere als neu. Und für die Besetzung von Mephistopheles durch eine Frau gibt es, zumindest für die DDR, ein berühmtes Beispiel: die Schauspielerin Lore Tappe, die in diesem Jahr verstorben ist, spielte am Schweriner Theater in der legendären "Faust"-Inszenierung (beide Teile an einem Abend) von Christoph Schroth zehn Jahre lang, 106 Mal insgesamt den teuflischen Verführer. Ihr standen, hintereinander, vier Faust-Darsteller gegenüber.

Inzwischen ist auch der weibliche Mephisto nichts Ungewöhnliches auf deutschen Bühnen. In der Dresdner Inszenierung ist Rosa Enskat in Begleitung von Jan Maak, der auch mal Gott mimt oder die Hexe gibt. Er ist eine würdige Ergänzung im teuflischen Spiel mit den vier "Ich will das vollkommene Glück, darunter mache ich es nicht"-Therapie-Kandidaten. Und sie ergänzen sich hervorragend: während Rosa Enskat wie ein aufgezogener akkurater Höllen-Optimierer mit vollem Körpereinsatz agiert, auf Turnschuhen, Stöckelschuhen oder auf beidem herumschleicht, stolziert und humpelt, mimt Jan Maak den gut aufgelegten Zyniker, der auch ein Saufkumpan sein könnte. Apropos Saufen - die Szene im Auerbachs Keller wird mit einem kurzen Witz erledigt, der Osterspaziergang nur mit der ersten Zeile angedeutet, der Prolog im Himmel ist kein Prolog, sondern mittendrin. Es gibt keinen Wagner, keine Martha, keinen Bruder Valentin. In der Walpurgisnacht mit ihrem vielgestaltigen Kreaturen-Universum bleiben die Protagonisten mit einem ausflippenden Musikauftritt unter sich. Durch solche Sparmaßnahmen kommt die Inszenierung auf schlanke zwei Stunden Spieldauer. Das Besondere dabei: Die Geschichte wird trotzdem erzählt - und beeindruckt. Einen nicht unerheblichen Beitrag dafür leisten die Faust-Darsteller, die sich wie Mosaiksteinchen zu einem Gesellschaftsbild aus kränkelnden Individualisten zusammenfügen. Konsequenterweise heißt dann der Text, wenn Hannelore Koch verliebt zu Gretchen spricht, "Sie liebt dich". Immer wieder fällt ein "wir" auf Fausts Seite und "ihr" auf Mephistos.

Überzeugend ist auch Christine Hoppe als Gretchen - eine schüchterne Frau, die skeptisch gegenüber Versprechen ist, und dennoch dem Zauber verfällt. Sie vergiftet unwissentlich nicht ihre Mutter, sondern ihre Tochter - einer der Momente, die das Publikum spürbar berühren.

Die Aufforderung durch Tom Quaas, ermunternd mitzuklatschen, ist durchaus verzichtbar, das dank Hexentrank betörte Suchen und Küssen von Helenen im Publikum dagegen macht Sinn als Konsequenz der Verblendung.

Am Ende kehrt die Theatererzählung zum Ursprungsbild zurück - nur der Platz des vorne sitzenden Mädchens ist leer. So entlässt der schwedische Regisseur Linus Tunström den Dresdner Zuschauer nach einem dichten, respektvollen und sozialkritischen "Faust I"-Abend. Dafür gab es gebührend Beifall.

nächste Aufführungen: 2., 8., 17.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2014

Bistra Klunker

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