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Premiere im Kleinen Haus: "Aus dem Leben eines Taugenichts" nach Eichendorffs Novelle

Premiere im Kleinen Haus: "Aus dem Leben eines Taugenichts" nach Eichendorffs Novelle

"Der Mensch ist nicht allein zum Funktionieren auf der Welt", singt der Liedermacher Götz Widmann in seinem Lied "Recht auf Arbeitslosigkeit". Sein Vorschlag: "Maschinen schuften lassen/ und mit was Besserem befassen.

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Ein Taugenichts (Benjamin Pauquet, M.) oder der wahre freie Mensch? Szene mit Stefko Hanushevsky und Antje Trautmann (v.l.).

Quelle: Matthias Horn

" Bis das Recht auf kreativen Müßiggang im Grundgesetz verankert ist, dauert es noch ein Weilchen. Doch Aussteiger gibt es ja schon zuhauf. Und da ist noch dieser "Taugenichts" aus der 1826 erstmals veröffentlichten Novelle von Joseph von Eichendorff, der in die weite Welt auszieht. Er lässt sich vom Zufall treiben, bis er wie im Märchen sein (vorläufiges) Glück findet. Je nach Betrachtungsweise ist dieser Taugenichts ein Nichtsnutz-Glückspilz oder ein Traum von einem freien Menschen - mit der Klärung dieses Widerspruchs beschäftigt man sich wohl heute noch im Deutschunterricht.

Nun ist eine Bühnenfassung von Eichendorffs Novelle in der Regie von Jan Gehler im Kleinen Haus zu sehen - als spielerischer, witziger und klangvoller Spaziergang mit einem Helden, der behauptet, den ewigen Sonntag im Gemüt zu haben. Diesen Helden spielt mit jugendlicher Offenheit Benjamin Pauquet. Die Schauspieler Karina Plachetka, Antje Trautmann, Benjamin Höppner und Stefko Hanushevsky verkörpern gleich mehrere Rollen im schnellen Wechsel. Es ist dieses Zusammenspiel aus Improvisationskunst, aus Gesang und selbst erzeugten Musikklängen und aus leicht ironischem Unterton, das die "Taugenichts"-Inszenierung sehenswert macht. Einen Schuss augenzwinkernde Romantik erzeugt das Bühnenbild von Sabrina Rox durch Naturromantik-Tapete. Darin ist ein Raum eingebettet, der hinter Jalousien versteckt werden kann (die in ihrer vertikalen Einstellung die Tapete als Motiv ergänzen). Die Kostüme von Cornelia Kahlert lassen sich im Nu mit kleinen Details ergänzen, was dem Rollenwechsel dienlich ist, oder sind "universal". So kann Karina Plachetka in einem Sack aus dehnbarem Stoff wie eine Riesenraupe herumkriechen, Baum sein, spionieren oder eine gesichtslose Alte mit groben Manieren mimen.

Benjamin Pauquet spielt hier einen Taugenichts, der in seiner Unbekümmertheit einfach nur sympathisch ist. Der Vater hat ihn quasi vertrieben, doch er grämt sich nicht, bleibt sich bis zum Schluss treu und lässt Dinge einfach geschehen. Man erfährt nicht, wie der Taugenichts mit bürgerlichem Namen heißt, woher er wirklich kommt oder wie alt er ist. Da er seine Geschichten aus der Ich-Perspektive erzählt, fällt es auch nicht weiter ins Gewicht. Was der Taugenichts unterwegs erlebt, sind eher kunterbunte Begegnungen als Abenteuer und es ist die teils einfache, teils poetische Art des Erzählens, die Neugier auf die Erlebnisse des Taugenichts weckt. Er kommt nach Wien, wird Gärtner an einem Schloss, freundet sich mit dem Portier an und verliebt sich in die vermeintliche Gräfin namens Aurelie, die in Wahrheit nur die Nichte des Portiers ist. Doch das weiß der Taugenichts nicht, hält sie für unerreichbar, er sieht die Schöne auch noch mit einem anderen Mann und entschließt sich, weiter nach Italien zu reisen. Da begegnen ihm falsche Räuber, er kommt in einem eigentümlichen Schloss unter, in dem er mit Aufmerksamkeit überschüttet wird. Es folgt die Flucht aus dem Schloss, er trifft auf Maler in Rom, auf musizierende Studenten aus Prag und kehrt nach Wien zurück. Hier entwirrt sich ein romantisches Knäuel aus Verwechslungen zu einem Zwei-Paare-im-Glück-Happy-End - neben dem Taugenichts und Aurelie sind das der Schlossherr Leonhard und seine Auserwählte Flora, die glücklich zueinander finden. Diese Entwirrung wirkt aus heutiger Sicht, milde gesagt, haarsträubend naiv und plakativ. In der Inszenierung wird sie durch Situationskomik erträglich gemacht. Das funktioniert nicht zuletzt auch deshalb, weil der episodenhafte Charakter der Novelle gekonnt in übergreifende Szenen umgesetzt und mit spaßigem Beiwerk gespickt ist. So ist die erste Begegnung vom Taugenichts und Aurelie pantomimischer Art und voller Geräusche. Auch wenn man Kutsche fährt oder mit dem Boot rudert, deuten wenige Gesten die Situation an. Es ist alles irgendwie nicht ernst zu nehmen und doch voller Lebenslust. Kleine spielerische Tupfer erheitern immer wieder das Publikum wie die Schwimmszene mit dem Taugenichts und Aurelie, das lässige Italienisch von Benjamin Höppner als Wirt oder Stefko Hanushevsky, der mit einer Blume im Haar und strahlendem Gesicht als Kammerjungfer den Taugenichts anschmachtet.

Das Ganze endet wie ein Traum, der langsam verklingt - so ist Aurelies Enthüllung, dass sie keine Gräfin ist, kaum noch zu verstehen. Man sitzt zusammen, plaudert leise vor sich hin, Schloss hin oder her, Abenteuer, das war mal, der Alltag kehrt zurück.

Diese Inszenierung ist in ihrer leichten, humorvollen Art wie geschaffen für junges Publikum, das deutsche Literatur als ein unzeitgemäßes Folterinstrument betrachtet. Bistra Klunker

nächste Aufführungen: 12. & 31.12., jeweils 20 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2012

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