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Premiere für „Herr Pastor, Ihre Kutte rutscht!“ im Boulevardtheater Dresden

Theater Premiere für „Herr Pastor, Ihre Kutte rutscht!“ im Boulevardtheater Dresden

Dem Affen Zucker geben? Das passiert ganz sicher in der jüngsten Inszenierung am Dresdner Boulevardtheater. „Herr Pastor, Ihre Kutte rutscht!“ hält von Frivolitäten bis nackten Tatsachen alle bereit. Ach so: Theater gespielt wird außerdem noch.

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Edith Schachinger (Bürgermeisterin Theresa Kock van de Halde), Manuel Krstanovic (Pastor Gotthilf Klingelsack, Alice Erk (Maria-Colina) und Lisa Huk (Gina).

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden. „Allgemein hört man von Unzucht unter euch“, schrieb der Apostel Paulus in einem seiner Briefe den Korinthern, „und zwar von einer solchen Unzucht, dergleichen selbst unter den Heiden nicht vorkommt ...“

Was Paulus, gesetzt den Fall, es würde ihn, aus welchen Gründen auch immer und ob nun auf Gottes Weisung oder eine technische Erfindung hin, in die heute Zeit verschlagen, wohl zum Treiben im Dresdner Boulevardtheater sagen würde? Dort spielen sie nämlich nun „Herr Pastor, Ihre Kutte rutscht!“, eine von Jürgen Mai inszenierte Komödie, in der vielleicht nicht direkte Unzucht getrieben, wohl aber geschweinigelt wird, dass die Schwarte kracht. Deshalb – eher nicht wegen der gelegentlich präsentierten nackten Tatsachen, denn da sieht man im Staatstheater mittlerweile viel mehr nackte Haut – ist der frivole Nachfolger von „Herr Doktor, die Kanüle klemmt!“ erst ab 18 Jahren freigegeben, wobei wie so oft in vermeintlichen „Skandalstücken“ nicht klar ist, ob diese vermeintliche Selbstbeschränkung nicht sogar eher eine verkaufsfördernde Maßnahme ist. Das Getöse der Multiplikatoren ist ja oft so groß, dass es dann doch viele eher drängt, sich ein eigenes Bild zu machen. Natürlich werden sie das nie zugeben. Bei Umfragen wird nun wieder das achte Gebot gehandelt, dass sich die Balken biegen. Fragt man die Abonnenten einer Zeitung, was sie am liebsten lesen, dann nennen sie haufenweise den Leitartikel und das gehobene Feuilleton – wer glaubt das schon? Wer’s glaubt, wird vermutlich selig.

Wie auch immer. Das Geschehen, eingeleitet mit dem Lied „Wir sind alle kleine Sünderlein“, spielt in einem „Mekka für gescheiterte Existenzen“, wobei es jetzt nicht um einen Verein wie den VFC Anklam oder einen Ort wie Berlin geht, sondern um die kleine Gemeinde Schnödel-Glockenthal. Dort hat der Pastor Gotthilf Klingelsack, von seinem Dienstherrn strafversetzt in die tiefste Provinz, weil er den Erzbischof wegen dessen Geldverschwendung kritisierte, hat ein Glockenproblem. Bimbam ist nicht. Und viel an Gemeindeleben ist auch nicht. Eigentlich gar nichts.

Aber dann tauchen dicht hintereinander gleich drei junge Maiden auf, die samt und sonders schon ob ihrer körperlichen Attribute ein einziger Angriff auf das Keuschheitsgelübde des mit seinen Gefühlen und Gemächtanschwellungen ringenden Klerikers sind: Da wäre zum einen eine attraktive Bürgermeisterin, auch sie strafversetzt und mit einem kleinen Glockenproblem, wobei in ihrem Fall ihr Busen gemeint ist. Dann wären da zum zweiten zwei ebenfalls apart gebaute Pilgerinnen, die sich 1000 Euro verdienen wollen. Der Erzbischof schickt sie. Sie sollen Klingelsack „anbitchen“ und kompromittierende Fotos machen, finden den Mann Gottes aber bald ja sooo süüüß. Mit Kenntnissen der Bibel ist es bei ihnen zum Entsetzen Klingelsacks nicht weit her. Die angehende Intimfriseuse Maria-Colina Locke (Alice Erk), die vom Intellekt her zu ähnlich verblüffenden Geistesblitzen neigt wie Chantal in der Filmkomödie „Fack ju Göhte“, bezeichnet die Kirche sogar erst als Moschee, was ihre Freundin, die Ex-Nutte Gina-Lolly Lutschbonbon (Lisa Huk), zur mit viel Beifall und Gejohle quittierten Replik veranlasst: „Noch nicht!“

Nicht mehr ganz so taufrisch ist die ebenfalls des Weges kommende Archäologin Liliane Leutheuser-Schnarrenthal (Ulrike Mai), die irgendwann in der Kreidezeit ihr Klimakterium gehabt haben muss und ein loses Mundwerk hat, dem nichts eindeutig Zweideutiges fremd ist, die kein Problem mit Sätzen wie „’ne Latte fallen lassen und gleichzeitig eine kriegen“ hat. Die rüstige Alte ist auf der Suche nach dem Schatz des Fruchtbarkeitsgottes Priapos, den sie in der Krypta der Kirche vermutet. Der Reigen an Schauspielern wird komplettiert durch Michael Kuhn, der in einer Doppelrolle Akzente setzt: als Landarzt Dr. Ayer-Stok (die Schreibweise rührt vom englischen Blut in der Ahnenreihe her) sowie als Erzbischof Rotzinger.

Schauspielerisch ist das alles nicht von schlechten Eltern, vor allem Ulrike Mai und Alice Erk heimsen zu Recht viel Schlussbeifall ein. Die Witze sind mal mehr, mal weniger gelungen. Gelernte DDR-Bürger dürften mit Kalauern wie „Lieber von Schnitte gemalt, als vom Leben gezeichnet“ noch was anfangen dürfen, jüngere Semester haben dafür halt mit Wörtern wie „Anbitchen“ kein Verständnisproblem. Alles in allem ist der Unterhaltungsfaktor hoch, hier und da liegt sogar ein Hauch von Monty-Python-Ulk à la „Das Leben des Brian“ in der Luft. Erfreulich: Clemens Wolkmann, Autor dieser frivolen Komödie, war so frei, hier und da auch mal religiöse wie philosophische Grundsatzfragen anzuschneiden. So wird schon mal gefragt, ob es nun der Glaube ist, der die Menschen zu retten vermag, oder die Liebe? Und fast still wird es im Saal, als Klingelsack ketzerisch fragt, warum hierzulande der Mut immer nur dazu reicht, sich übers Christentum lustig zu machen, man von Witzen über Mohammed oder Buddha aber lieber die Finger lässt, aus Angst, Fundamentalisten könnten sich ob der Provokation mit dem ganzen Spektrum ihrer Betroffenheit revanchieren. Die nicht allzu komplexe Story mäandert in der zweiten Hälfte ein bisschen aus, steuert ohne größeren Umweg auf das (Doppel-)Happy End zu, das dem Genre Komödie mehr oder minder immanent ist. Es bimmeln dann (das Fleisch ist halt manchmal nicht nur schwach, sondern schlichtweg willig) die Glocken, und zwar nicht nur die der Kirche.

nächste Vorstellungen: 2. bis 6. März, 23. bis 27. Mai, 31. Mai bis 26. Juni

www.boulevardtheater.de

Von Christian Ruf

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