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Premiere für "Alice im Wunderland" an Dresdens Theater Junge Generation

Premiere für "Alice im Wunderland" an Dresdens Theater Junge Generation

Jeden Tag Geburtstag haben, mit Happy Birthday-Lied, Kuchen und sonstigem Pipapo? Klingt erst mal super, oder? Bei näherer Betrachtung ist das indessen eine zweischneidige Sache.

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Nadine Boske (Alice), Nahuel Häfliger (das Kaninchen) und Erik Brünner (Hutmacher).

Quelle: Dorit Günter

Aber die rote (Herz-)Königin, mit der es Alice im Wunderland zu tun bekommt, will partout jeden Tag Geburtstag feiern. Und das ist noch der geringste ihrer Spleens. Sie regiert streng nach der in bestimmen Tyrannenkreisen populären Methode, wer nicht spurt, der wird einen Kopf kürzer gemacht. In Zeiten von gleichermaßen fanatischen wie sadistischen Glaubenskämpfern, die zuhauf Gegner köpfen, ist man als Erwachsener durchaus unangenehm berührt, wenn es in der neuen Inszenierung am Theater Junge Generation immer wieder "Kopf ab! Zack, zack!" heißt, aber Vorlage bleibt Vorlage. Auch wenn Regisseur Jan Jochymski Lewis Carolls Kinderbuch-Klassiker ein wenig bearbeitet hat, an bestimmten Schlüsselszenen kommt er nicht vorbei.

Wichtigste Änderung: In Jochymskis facetten- und ideenreicher Fassung gibt es einen kreuzbraven, klavierversierten Bruder namens Theo (Marc Simon Delfs), der seiner deutlich weniger wohlerzogenen Schwester Alice (hinreißend agil: Nadine Boske) ins Wunderland folgt. Wo er zum Ritter mutiert, was, wie er lernt, eine ziemlich mühsame Sache sein kann. Sein Auftrag? Er soll der Herzkönigin (Susan Weilandt), die ihn in ihren Bann geschlagen hat, die neue Prinzessin von Herz ausliefern, was, wie mit Ausnahme von ihm jedem im Saal klar ist, seine Plage von Schwester ist.

Alice hat erst mal Spaß. Viel Spaß. Denn im Wunderland ist Anarchie machbar, ob mit oder ohne Nachbar. Es regiert, jedenfalls sofern die Königin abwesend ist, der Nonsens. "Mach Dich locker", wird Alice gar mal ermahnt. Gestern und morgen sind in dieser schrägen Welt nicht weiter von Belang, es zählt allein das Heute. Normal? Was ist das denn für ein Wort? Überhaupt wird ein Kampf gegen bestimmte, als unnütz empfundene Wort geführt, Worte, auf die Erwachsene vielleicht Wert legen mögen, die Kindern aber verhasst sind.

Es sind nicht zuletzt all die wunderlichen Wesen, denen Alice im Wunderland begegnet, die den Reiz dieser Geschichte ausmachen, in der Alice immer mehr über sich selbst wie das Leben allgemein lernt. Da wäre etwa das weiße Kaninchen (Nahuel Häfliger), das ständig jammert, dass es zu spät kommt, obwohl eigentlich die Zeit in dieser Welt keine große Rolle zu spielen scheint, weil ohnehin alles wie im Fluge vergeht. Wie spät es ist, ist unwichtig, wenn nach der Methode "deine Uhr und meine Uhr ist zwei Uhr" die Uhrzeit ermittelt wird. Oder da wären Raupe und Grinsekatze (ebenfalls Weilandt) sowie - ganz wichtig - der schräger Hutmacher. Der wird von Erik Brünner gespielt, und zwar so gut, dass es ihm sogar gelingt, Johnny Depp aus Tim Burtons Verfilmung von Carolls Buch vergessen zu lassen. Ganz starke Nummer: Das Tee-Gelage bei der Pennmaus (Julian Trostdorf). Da schießt der Spaßfaktor noch mal ziemlich nach oben, und das Lied "Der Tee ist ausgegangen" (Musik: Sven Springer) auf die Melodie von Matthias Claudius' Abendlied-Gedicht "Der Mond ist aufgegangen" ist famos. Allgemeiner Lieblingssport all dieser "erbärmlichen Untertanen" der Herzkönigin? Einander Rätsel aufzugeben, auf die es über- haupt keine sinnvollen Antworten gibt. Zu loben sind neben dem Bühnenbild (die Kulissen mit ihrem schwarz-weißen Schachbrettmuster sind derart windschief, als hätte Daniel Libeskind und nicht Andreas Auerbach sich austoben dürfen) insbesondere auch die von Theresa Klement entworfenen Kostüme. Was für ein Einfallsreichtum! Vor allem der Grinsekatze hätte man deswegen ruhig noch den einen oder anderen Auftritt mehr gegönnt. Als ungemein magischer Moment erweist sich auch Alices Begegnung mit den Spiegelgeistern.

Auch hier gelingt Regisseur Jochymski, eine neue Bilderwelt über die alten zu legen, die sich über die Jahre verfestigt haben, etwa die ungemein grandiosen Phantasmen Burtons.

Es sei zuguterletzt nicht unterschlagen, dass die inklusive Pause etwas über 100 Minuten dauernde Inszenierung neben vielen amüsanten auch ihre "gruseligen" Stellen hat, etwa wenn Alice im Tränenmeer zu ertrinken droht oder die rote Königin mal wieder Angst und Schrecken verbreitet. Die Altersfreigabe ab acht Jahren hat definitiv ihren Sinn.

Nächste Vorstellungen: 18. & 19. Februar, jeweils 10 Uhr, 21. Februar, 16 Uhr Karten: Tel. 0351 / 49 65 370

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.02.2015

Christian Ruf

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