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Premiere der Show "Dietrichs Demokratische Republik" im Theater Wechselbad

Premiere der Show "Dietrichs Demokratische Republik" im Theater Wechselbad

So grau die DDR, so bunt ist die Erinnerung. Die Zeit der Auseinandersetzung, als Emotionalität, Nachdenklichkeit und Verletzlichkeit die Wende bestimmten, ist passé, eine Zeit der Leichtigkeit und Unbeschwertheit, wenn nicht gar Wurstigkeit scheint angebrochen.

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Am "Tag der Republik" war Premiere für "Dietrichs Demokratische Republik" mit Bürger Lars Dietrich (l.) und Volker Zack.

Quelle: Robert Jentzsch

Wieso sich noch gegenseitig das Leben schwer machen? Die Zeiten sind schwer genug, für alle. Partywesen und "Devossionalien-Wirtschaft" mit der DDR blühen mehr denn je. Der Markt hat sich einverleibt, was ohne Zeitverzug von keinem Schalck-Golodkowski der Welt in Devisengold zu verwandeln gewesen wäre. Mit dem Kauf eines Ostprodukts fahren Ostalgiker, Zyniker und (Ex-)Zonenkinder nach drüben, die untergegangene politische und weltanschauliche Konkurrenzveranstaltung, die nun mal Teil des eigenen Lebens und der Erinnerung ist. Selbst die kurzzeitige Ost(algie)-Show-Retrowelle, diese von den privaten wie öffentlich-rechtlichen Verdauungsorganen des Unterhaltungskapitalismus verabreichten Spaß-muss-sein-Revuen mit Witt und Emmerlich als "repräsentativen" Nummerngirls, waren bald wieder vorbei.

Bis Sonntag. Am 7. Oktober, also an einem Datum, an dem einst die DDR sich am "Tag der Republik" immer selbst beweihräucherte, hatte nun "Dietrichs Demokratische Republik" im Theater Wechselbad Premiere. Eine Comedyshow aus dem real existierenden Humorismus, ein Kessel bunter Ost-Erinnerungen. Für Jung und Alt, für alle Deutschen, ob nun mit oder ohne Sozialismus-Sozialisation. Die Idee stammt von Bürger Lars Dietrich, der die Zuschauer mit einem donnernden "Freundschaft" begrüßte und seinem Kumpel Mathias Schlung (der im Gegensatz zu den anderen Mitstreitern auf der Bühne, Tanja Wenzel und Volker Zack, ein "tragischer Fall", weil "Westkind" sei) versicherte, in der DDR glücklich gewesen zu sein. Günter Mittag und Erich Honecker? Ach, die seien für ihn wie Pittiplatsch und Schnatterinchen gewesen.

Dietrich hat nicht nur in seinen Erinnerungen gekramt, sondern wartet auch mit Dingen auf, die die meisten gelernten DDR-Bürger längst entsorgt haben. Die vielen persönlichen Anekdoten, die Songs und Sketche sowie all die alten Fotos, Ansichtskarten, Werbespots und sonstigen Filme, die im Bedarfsfall auf eine große Leinwand projiziert werden, sollen vermitteln, was längst geklärt ist: dass ein Kind, ein pubertierender Jugendlicher durchaus viel Spaß haben konnte. "Die DDR wird putzig", schrieb schon vor Jahren die Zeitschrift Das Magazin.

Man hört, wie little Lars einst mit noch brüchigem Kinderstimmchen die kleine weiße Friedenstaube besang, liest die Karte, mit der Dietrich wie aus dem ZV-(Zivilverteidigungs-)Lager "Afriebadi" (also everybody, schlecht Englisch konnte Dietrich schon früh "richtig gut") grüßte. Hier und da liefern sich "Ossi" Dietrich und "Wessi" Schlung Wortduelle, immer die eine Erinnerung gegen die andere ausspielend: Wir hatten das. Ätsch, dafür hatten wir das. Wobei der Sprung von Plattenbauten zu Plattenläden nur ein mäßiger Kalauer ist. Der Abend ist ein einziges Gedenken. An Lieder der Schlager-Süßtafel Frank Schöbel, an Nackte an der Ostsee, Zeugnisse, Lebensmittel... Das Bühnenbild ist einerseits ein Fernsehstudio, andererseits eine Neubausitz-Ecke samt "Luxotron"-Fernseher.

Vieles erhält eine Ehrenrettung, anderes gerät (wohl nicht nicht immer beabsichtigt) aber doch wieder zur Ulk-Nummer. Jeder Auftritt des gebürtigen Dresdners Zack als ABV löst zu Recht Lachsalven aus, auch wenn sie über eine Karikatur nicht hinauskommt. Wenzel macht hingegen als Nachrichtensprecherin der "Aktuellen Kamera" keinen Stich. Nicht ihre Schuld. Die Meldungen, die sie verlesen darf, sind so "lustig" wie Witze von Fips Asmussen oder Bernd-Lutz Lange: nämlich gar nicht. Dietrich erntet dann am meisten Beifall, wenn er sein Breakdance-Talent und seine Hiphop-Künste demonstriert. Wenn er zu plaudern anfängt, geht der Show hingegen immer ein bisschen die Luft aus, so sympathisch er als Typ an und für sich ist. Manchmal kommt - unfreiwillig - rüber, dass die DDR deutlich leichter zu ertragen war, wenn West-TV oder gar Westwaren zu empfangen waren. Auch Dietrich weiß: lieber lila Kühe (also Milka) als rote Ochsen (also Schlagersüßtafel). Ansonsten half, auch das wird mit Wonne ausgespielt, offenkundig Alkohol. An dem bestand im Gegensatz zu vielen anderem ja nie ein Mangel.

Fazit, alles in allem: Es war nicht alles schlecht, vieles sogar recht gelungen in dieser Show. Letztlich trifft Bürger Lars Dietrichs auf die DDR gemünzte Schlusserkenntnis, die er den größtenteils begeistert applaudierenden Besuchern mit auf den Nachhauseweg gab, den Nagel auf den Kopf: "Es war wirklich schön, dabei gewesen zu sein, aber man ist dann auch froh, wenn es vorbei ist."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.10.2012

Christian Ruf i www.theater-wechselbad.de

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