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Premiere "Nichts tun! Gar nichts!" nach Dostojewski in Dresdens Societaetstheater

Premiere "Nichts tun! Gar nichts!" nach Dostojewski in Dresdens Societaetstheater

Das Licht springt regelrecht ins Publikum. Die Bühne ist weiß, grell. An der Wand hockt ein Mensch, der gefühlt grauer kaum sein kann. Und fast unvermittelt beginnt der Namenlose mit einer Litanei, die sich mehr und mehr zu einem Crescendo aus Verzweiflung und Weltablehnung verdichtet.

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"Nichts tun! Gar nichts!" mit Ulrich Wenzke.

Er ist Beamter, gerade 40 geworden, und schaut auf alles, was um ihn herum passiert, im Großen wie im Kleinen. Er erklärt es, sich und uns, doch er versteht es nicht. Er ist hoch intelligent, doch die Welt, wie sie sich ihm präsentiert, widert ihn an.

"Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" betitelte Fjodor Dostojewski seinen 1864 entstandenen Text, auf dem das im Societaetstheater Premiere feiernde Stück "Nichts tun! Gar nichts!" in der Regie von Thomas Dehler basiert. Der Monolog eines Mannes, dem die Worte nicht fehlen - er ist eloquent in seinen Gedanken -, doch dem das Vertrauen in das Ausgesprochene zu schwinden scheint, schon in dem Moment, als er noch spricht.

Dostojewski rechnet in seiner Erzählung mit dem 19. Jahrhundert ab. Vieles ließe sich auch ins 20. oder 21. Jahrhundert übertragen. Zentral ist das Verzweifeln des Protagonisten am Lauf der Dinge, am wissenschaftlich-technischen Fortschritt, an einer sich überaus aufgeklärt gebenden Zeit. Er pocht dagegen auf den freien Willen, sieht ihn aber in einer Welt, die sich fast formelhaft berechnen lässt (und somit den Menschen und sein Verhalten ausrechenbar macht), dem Untergang geweiht.

Monologe als Theaterstücke sind ein eigenes Bühnenthema, von Franz Kafka bis hin zu Thomas Bernhard. Doch speziell diese Dostojewski-Vorlage schreitet noch weiter voran auf dem schmalen Pfad der Psychologisierung. Dass sie funktioniert, trotz ihres abstrakt gehaltenen Abrechnungsmodus', liegt an Ulrich Wenzke, der den namenlosen Protagonisten spielt. Das Psychogramm der Welt macht er zu seinem eigenen, die Zustände draußen, denen er sich verweigert, spiegeln seine innere Befindlichkeit: ein Schlachtfeld der Verzweiflung. Wenzke geht über den äußerst dichten Text geradezu auf in seiner Rolle, wirkt in Stimme, Blick und Gestus überzeugend bis hin zum Pathologischen.

Der weiß getünchte Kellerraum um ihn herum gleicht dabei eher der Zelle einer Irrenanstalt. Draußen die kranke neue Welt, drinnen der an der Welt Erkrankte. Wenzke spielt diesen Raum gänzlich aus. Große Gesten braucht er dazu nicht - genauso wenig den Blickkontakt zum Publikum. Wenzke lässt tatsächlich den Eindruck entstehen, die Bühne wäre ein völlig umschlossener Kasten, in den das Publikum lediglich durch Zufall Einblick erhält. Oft spricht er nach oben, hin zu einem imaginären Gott.

Und doch will die Figur nicht hinnehmen, dass sie sich erdrückt fühlt von der Welt. Die vier Türen an den Wänden probiert der Mann nacheinander aus, die letzte lässt sich öffnen. Ein greller Lichtstrahl überfällt ihn geradezu, ein tödlich anmutender Sog zerrt an ihm, nach draußen, dorthin, wo er das moderne Verderben vermutet. Nur schwer, mit letzter Kraft, bekommt er die Tür wieder zu, schlägt der Länge nach hin, zuckt. Aus dem Off ertönt das ferne und nicht unbedingt lieblich anmutende Lachen eines Kindes. Ausdruck einer nicht mehr zu findenden Unschuld, vielleicht.

In der Hocke beginnt Wenzke seinen knapp einstündigen Monolog, in diese Position kehrt er am Ende wieder zurück. Es ist, als hätte ein Mechanismus exakt dafür gesorgt, diesen Mann für genau diese Zeistspanne zum Leben, zum Sprechen zu erwecken. Nun aber ist alles gesagt. Und die finale Frage bleibt: Ist es die einzige Chance zu leben, indem man aufrichtig bleibt, vor allem sich selbst gegenüber? Dass Dostojewski seinem (Anti-)Helden solch ein Aufbegehren noch zutraut nach all dem fundamental Durchlittenen, ist durchaus eine Überraschung. Doch die Antwort liegt auf der Hand.

www.societaetstheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.06.2012

Torsten Klaus

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