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Premiere "La juive" (Die Jüdin) in der Semperoper - Interview mit Regisseur Sergio Morabito

Premiere "La juive" (Die Jüdin) in der Semperoper - Interview mit Regisseur Sergio Morabito

Eine Rarität kommt auf die Semperopernbühne: Die 1835 in Paris uraufgeführte Oper "La juive" (Die Jüdin) von Jacques Fromental Halévy. Eine Grand Opéra, gut fünf Stunden lang.

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Sergio Morabito (l.) und Jossi Wieler.

Quelle: Martin Sigmund

Sie erfordert Kopfarbeit, denn Halévys erster großer Erfolg beschäftigt sich mit dem Thema Judenhass. Während der Nazi-Diktatur war die Musik des jüdischen Komponisten in Deutschland verboten. Eine Rarität in den Spielplänen ist "La juive" bis heute geblieben. Vor fünf Jahren inszenierten Jossi Wieler und Sergio Morabito dieses Werk an der - seit 2011 von ihnen geleiteten - Staatsoper Stuttgart. Kurz vor den Endproben in der Semperoper sprach Michael Ernst mit Sergio Morabito.

Frage: Alle Welt redet derzeit vom Antisemitismus Richard Wagners. Sie bringen "Die Jüdin" in die Wagner-Stadt Dresden - kein komisches Gefühl dabei?

Sergio Morabito: Spricht man wirklich so viel über diese Schattenseite von Wagner? Das würde mich fast beruhigen, denn mir scheint dieses Thema allzu oft etwas vergessen. Man spricht über seine Musik und stellt ihn maximal als charmanten Ganoven hin. Aber das eine ist bei Wagner nun mal nicht ohne das andere zu haben. Da wären noch viele Fragen zu klären.

Aber was Halévy in Dresden betrifft, ein komisches Gefühl habe ich hier überhaupt nicht, sondern ein wirklich sehr gutes. Es war ja nicht unsere Idee, diese Arbeit hier zu zeigen, sondern ein wesentlicher Anstoß von Operndirektor Eytan Pessen. Ich finde das wunderbar, zumal Wagner sich ausdrücklich zu diesem Stück bekannt hat und ich mit Freude die Partitur der "Juive" in seiner Bayreuther Bibliothek vorgefunden habe. Die wurde also nicht aussortiert.

Thematisch und inhaltlich ist es natürlich nach wie vor spannend. Wir haben versucht, das in unserer Inszenierung furchtlos anzugehen. Da wird auch mal an Tabus gerührt. In Stuttgart gab es durchaus Momente, wo die Leute den Atem angehalten haben. Ich denke, das wird in Dresden ähnlich sein. Die Zusammenarbeit mit diesem wunderbaren Orchester und dem Dirigenten Tomás Netopil macht mich jetzt schon sehr glücklich. Ganz begeistert bin ich vom Opernchor, der wirklich verstanden hat, wohin die Reise geht, sich mit szenischer Intelligenz enorm engagiert, wie ein Solist, und sich mit antisemitischen Klischees und Stereotypen auseinandersetzt.

Und trotzdem hat sich Wagner so positiv über "La juive" geäußert. Passt die Ansetzung dieser Oper damit eher zum Wagner-Jahr oder zielt sie auf aktuelle Fremdenfeindlichkeit?

Leider ist dieses Werk nach wie vor beunruhigend aktuell. Im Zusammenhang mit Wagner ist bemerkenswert, dass die Semperoper 2013 sehr bewusst den Blick öffnen will auf das musikalische Umfeld des Komponisten. Es kommt ja dann später auch Spontinis konzertante "Vestalin" als ein weiteres Stück, auf das sich Wagner sehr positiv bezogen hat und woran er angeknüpft hat. Interessant ist, dass er in seinem Feuilleton zu Halévy keinerlei Verbindung zwischen dem jüdischen Sujet und dem jüdischen Komponisten herstellt. Da gibt es keinen falschen Zungenschlag. Allerdings ist bei Wagner nie klar, was bei ihm Strategie gewesen ist.

In Stuttgart soll Ihre Inszenierung Kult-Status gehabt haben, zur Premiere gab es aber einen Eklat?

Kein Eklat in dem Sinne, aber dieser Moment, wo man den Atem angehalten hat, sorgte auch für Irritationen. Der Chor zitiert da eine überlieferte Situation vom Fastnachtsumzug in Singen bei Konstanz, wo die Oper ja spielt. Man sieht auf Fotos, wie sich die Menschen 1939 nach der sogenannten Reichskristallnacht als Juden kostümiert haben, um mit falschen Bärten, Koffern und Spruchbändern wie "Die letzten Libanon-Tiroler hauen ab" durch die Straßen zu ziehen. Zur Fastnacht! So hat man damals das Verschwinden der jüdischen Bürger kommentiert und verhöhnt. Das zitieren wir zu Halévys berühmtem Trauermarsch, bei dem die Volksmenge auf die Hinrichtung der Juden giert und sich an diesem Spektakel regelrecht aufgeilt. In dieser Szene werden übelste antijüdische Klischees, der Exodus und die Deportation der jüdischen Mitbürger karikiert. Halévy hat als jüdischer Komponist sehr unmissverständlich Stellung bezogen.

Spielt diese Interpretation darauf an, dass Volksmassen auch heute permanent verführbar sind?

Ich fürchte ja. Wir sind ja, wenn auch in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, immer damit konfrontiert. Es heißt immer, Fremdenfeindlichkeit richte sich heute viel mehr gegen den Islam. Doch es gibt auch ganz eingefahrene Reflexe, beispielsweise diese merkwürdige Reaktion, dass beim Thema Antisemitismus oft gleich eine Stellungnahme zur Politik der israelischen Regierung eingefordert wird. Beides sollte man nicht miteinander vermischen.

Mit anderen Worten sind wir von einer Aufklärung, wie sie Lessing in seiner Ring-Parabel gefordert hat, weit entfernt?

Nathan war ja eine direkte Vorlage für die Figur des Eléazar. Beide haben ihre Söhne auf christlichen Scheiterhaufen verloren, beide haben ein kleines Mädchen aus christlichen Familien aufgenommen und im jüdischen Glauben großgezogen. Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, wie Eléazar zwischen Christenhass und Liebe zu seiner Tochter hin- und hergerissen ist, jeder Rache aber nach seiner großen Arie im 4. Akt ausdrücklich abschwört. Als er im Gefängnis sitzt und den Mob auf den Straßen hört, der alle Juden auf den Scheiterhaufen wünscht, hat er eine Erleuchtung und nimmt den jüdischen Märtyrertod an. Gemeinsam mit seinem Ziehkind legt er im Tod ein Zeugnis seines Glaubens ab. Es wäre zu wünschen, wenn uns dieses Ende verstört oder zum Nachdenken anregen kann.

In unserer Inszenierung jonglieren wir mit der Geschichte der Judendarstellung, weil wir darin die große Chance sehen, solche Bilder zu demontieren. Aber dazu muss man sie erst einmal zitieren. Und den Juden Eléazar nicht als Gutmenschen zeigen, denn das ist er nicht, sondern als hochkomplexe Figur. Die trifft in einer ironischen Brechung auf die Freizeitgesellschaft von heute, die sich allmählich verkleidet, als würde sie sich für die 600-Jahr-Feier des Konstanzer Konzils maskieren. Aber in den Talaren steckt der antisemitische Mief von tausend Jahren, könnte man sagen.

Wie hat die Umsetzung dieser Produktion nach Dresden funktioniert?

Wir waren mit "La juive" ursprünglich nach Tel Aviv eingeladen, was aber leider nicht zustande kam. Mich und Jossi Wieler, der ja in Israel studiert hat, hätte die dortige Reaktion auf die Inszenierung sehr interessiert. Jetzt sind wir gespannt, wie es in der Semperoper ankommt, wo ich während der Proben sehr gute Erfahrungen machen konnte.

iPremiere am 12. Mai, 16 Uhr, Semperoper

Weitere Aufführungen: 20. Mai, 2., 29. Juni, 2. Juli 2013

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.05.2013

Ernst, Michael

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