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Premiere: Jacques Offenbachs "Pariser Leben" an der Staatsoperette Dresden

Premiere: Jacques Offenbachs "Pariser Leben" an der Staatsoperette Dresden

Das ist Paris und was man dafür hält. Als Jacques Offenbachs Operette "Pariser Leben" 1866 in Paris uraufgeführt wurde, spielte sie auch in jener Zeit, an diesem Ort und nahm aufs Korn, was noch heute gang und gäbe ist.

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Christoph Simon (Joseph Partout), Christian Grygas (Pompa di Matadores), Elmar Andree (Baron Lars-Mikael de Gondremarck), Jessica Glatte (Baronin Christine de Gondremarck), Martin Gebhardt (Gontran Chaumière) und Frank Ernst (Raoul de Gardefeu).

Quelle: Kai-Uwe Schulte-Bunert

Man reist nach Paris mit vielen Wünschen im Gepäck, man will die Stadt erleben, die Kunst und auch das Abenteuer, nicht selten hat man da die eine oder andere Empfehlung in der Tasche. Was zu Zeiten Offenbachs vielleicht persönlicher per Brief empfohlen wurde, geht heut gänzlich unverhohlen per Reiseführer und Annonce von Freundeshand zu Freundeshand. In Paris soll's dann so richtig krachen. Das hat seinen Preis, der mag mitunter so hoch sein, dass sich der übers Ohr gehauene Vergnügungsreisende die ganze Sache schöner reden muss, als sie in Wahrheit war.

Offenbachs Operette treibt die ganze Sache auf die Spitze und lässt ein schwedisches Paar auf bestens geplanter Parisreise gleich bei Ankunft an charmante Gauner geraten, die sie rundum versorgen mit Unterkunft, Amusement und exotischen Bekanntschaften. Dazu müssen sich arme Schlucker kostümieren, in geborgten Rollen schwadronieren, gleichzeitig auch noch servieren und parlieren, als General, als Witwe eines Admirals. Am Ende, wenn noch dazu viel Alkohol geflossen ist, platzt nicht nur eine Uniform; die ganze Bombe platzt, die Masken fallen, die momentane Rachelust des alten Schweden löst sich auf in Wohlgefallen, das "Pariser Leben" geht weiter, der Tourismus boomt, die Touristenfallen schnappen zu, das Maskenspiel hat Konjunktur. Paris hat seinen Preis, da hilft nur Offenbach und seine Art, Musik dazu zu machen.

Für die Inszenierung an der Dresdner Staatsoperette hat Mark Gläser ein kantiges Bühnenbild hingeklotzt, von Paris, ob auf dem Bahnhof, im Appartement oder wo auch immer, bleiben Postkartenansichten. Ansonsten massive Wände und komische Tapeten. Zwei massige Bahnhofsbänke werden von einer Szene in die andere gerückt, nun ja, schon bei der Ankunft steht die Abfahrt der Touristen fest, insofern macht die Bahnhofsmahnung etwas Sinn. Immerhin ist dann doch Platz für einen flotten Can Can, und das Publikum kann jubeln, wenn die Damen des Balletts in den Spagat springen und dabei kreischen.

Jasmin Solfaghari hat für ihre Inszenierung selbst neue Dialoge erarbeitet, doch Stichworte wie "Krise" oder "Euro" machen den Abend ebenso wenig aktuell wie die Namensverballhornung "Roquefort von Appenzell", zwei Käsesorten, die viel Unbehagen breiten können, wenn sie zu alt geworden sind. Szenisch tritt der Abend auf der Stelle, gewinnt nicht an Fahrt, die bereits gekürzten Dialoge wirken immer noch zu lang, zumal Solfagharis "jahrelang versteckte Schönheiten mit einer gewissen Begabung" oftmals mit erhobener Stimme deklamieren und es an flottem Ton mit Pfiff und Charme mangeln lassen. Mitunter entsteht der Eindruck, hier ginge es nicht darum, Offenbachs Sicht auf das Pariser Leben als fröhliche Parodie auf genau dieses Leben zu präsentieren, sondern um eine Parodie auf die Operette als Gattung. Auf dem Bahnhof wird gestolpert, beim Souper wird gelispelt, ein kräftiger Sänger im Frauenkleid. Das wirkt wie eine Anzahl erster Einfälle, deren Wirkung zu begrenzt ist, als einen ganzen Abend flott zu machen.

Aber da ist ja die Musik, und auf diese wartet man bei jedem der trockenen Dialoge mehr, zumal schon die Ouvertüre mit pikanten Motiven des Stückes lockt und das Vergnügen am "Pariser Leben" à la Offenbach schmackhaft macht. Zu einem musikalischen Höhepunkt kommt es im zweiten Teil des Abends vor geschlossenem Vorhang bei einem Zwischenspiel. Unter der Leitung von Chefdirigent Ernst Theis präsentiert das Orchester der Staatsoperette einen schlanken Offenbachklang, hier muss nicht auf die Pauke gehauen werden, um Eindruck zu machen, die Feinheiten bringen den Charme dieser Musik mit Pfiff zur Geltung.

In den vielen größeren und kleineren Partien bringen sich Sängerinnen und Sänger des Ensembles mit vollem Einsatz ein. Nur einige seien stellvertretend genannt. Christian Grygas wechselt gleich für drei komische Gestalten in Windeseile Kostüme und Masken. Auch Isabell Schmidt hat Lust am Wechselspiel als Handschuhmacherin Gabrielle mit einem Hang zu augenzwinkernder Schuhplattlerei. Das Schwedenpaar in Paris sind Jessica Glatte und Elmar Andree, den gewitzten Lebemann und ganz und gar nicht selbstlosen Strippenzieher Raul de Gardefeu gibt Frank Ernst. Métella ist eine Sängerin, die ihre Gäste durch Paris führt und auch ganz sicher einführt ins Pariser Leben. Gesanglich setzt Ingeborg Schöpf besonders mit dem lyrisch-verträumten Brief-Rondo einen Glanzpunkt des Abends.

Aufführungen: 31.1., 17. und 18.3.

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.01.2012

Boris Michael Gruhl

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