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Premiere „Heimatabend“ im Dresdner Theaterhaus Rudi

Theater Premiere „Heimatabend“ im Dresdner Theaterhaus Rudi

Heimat ist ein äußerst komplexes Thema. Das hat aber die Theatergruppe Spielbrett nicht abgehalten, sich ihm zu widmen. Das Resultat ist der „Heimatabend“, eine Tauchfahrt in die deutsche Geschichte. Mit viel Musik.

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Krieg? Revolution? Jedenfalls kein Kaffeekränzchen: Claudia Leutemann, David Burkhardt, Jana Hering, Luisa Sonntag, Matz Hofmann (v.l.).

Quelle: Jan Roessler

Dresden.. Heimat? Welche Heimat? Was genau soll das sein? Eine Frage, so simpel wie komplex. Schließlich hat jeder dazu seine eigene Antwort – ähnlich wie auf die Frage nach der Liebe. Paul Young sang einst „Wherever I lay my hat, that’s my home“. Ganz so leicht wollte es sich die Theatergruppe Spielbrett um ihren Chef Ulrich Schwarz aber dann doch nicht machen, im Gegenteil. Obwohl Hüte recht oft im Verlauf des „Heimatabends“ durch die Luft segeln, geht die Spurensuche im Theaterhaus Rudi tiefer, wenn auch ausschließlich in eine Richtung: in die Vergangenheit. Genauer gesagt, in die deutsche Vergangenheit.

Zu Beginn steigt das Nationalgefühl aus dem Sarg auf der Bühne, ihm folgt ein Deutscher Rammler (auch an der Gitarre: Jens Grunert), der immer mal wieder das Geschehen kommentiert. Die Richtung ist damit vorgegeben. Heimat soll über das Nationale gesucht und seziert werden. Ein zweigeteilter Abend folgt, inklusive kurzer Pause knapp drei Stunden lang, ein Singspiel, das sich längs durch die deutsche Geschichte tankt. Manchmal fast schon eine Nummernrevue, was allen Beteiligten ein durchgängig hohes Tempo abverlangt.

Der Sarg ist dabei nicht nur zentrale Bildmetapher, sondern auch vielfältig genutztes Requisit. Er wird zur Theke, zur Bühne, zum Podest, zur Mauer, zur Grenze, zum Schützengraben. Das Spieler-Sextett (zu Grunert kommen Luisa Sonntag, Claudia Leutemann, Jana Hering, Matz Hofmann und David Burkhardt) gibt sich einerseits szenisch und musikalisch die sprichwörtliche Klinke in die Hand, ist andererseits aber auch in kleineren Konstellationen aktiv. Dennoch bleibt der Eindruck haften, dass fast zu jeder Zeit alle sechs auf der Bühne sind.

Der erste Teil hat seine Höhen und Tiefen. Einer wunderbaren Choreografie zu den berühmten Intro-Takten von Pink Floyds „Money“, mit der wiederum die Maschinerie der Kriegsgewinnler im Ersten Weltkrieg illustriert wird, folgt ein Ausflug in die Goldenen Zwanziger, wo sich die dann die Schwierigkeiten von übergreifender Tanz- und Gesangschoreografie zeigen. Hier lässt sich auch konstatieren: Gesanglich ist noch Luft nach oben, gerade bei einem Abend, der besagte Singspiel-Züge trägt.

Im zweiten Teil wird es packender, die Geschichte rückt näher heran an die Gegenwart, es geht ins deutsch-deutsche Befindlichkeitstal. Dort treffen dann zum Beispiel auch jene aufeinander, die im Westen wie im Osten etwas taten, ohne dafür irgendeine Verantwortung tragen zu wollen. Die ruhigen Mitläufer, denen das System, in dem sie hocken, generell völlig egal ist. Hauptsache „mit dem Arsch an der Wand“.

Das ist auch das Stichwort. Ulrich Schwarz bearbeitet dazu diverse Textvorlagen, unter anderen von Wolfgang Neuss, Dieter Hildebrandt – oder sogar Hermann Kant (eine kurze Zusammenstellung zumindest einiger Quellen hätte dem kleinen Programmheft dennoch gut getan). Trotz kabarettistischer Ausflüge wird es dabei jedoch nie klamaukig. Dazu kommen großartige Auftritte der drei Damen als in Stammheim einsitzende RAF-Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Oder das deutsch-deutsche Duo Leutemann und Hofmann, das sich gegenseitig Absolution erteilt, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Der Osten hat das Rennen im Systemwettlauf gemacht, und der Westen geht in Sack und Asche, weil er den falschen Göttern hinterherhechelte, statt gegen sie aufzubegehren. Der Clou: Sie schlüpfen dazu in die Rollen von Polly und Mackie Messer aus der Dreigroschenoper. Er ja bekanntlich Gangster, sie Tochter eines Mannes, der Londons Bettler organisiert. Klingelt’s?

Auch der Einbau von Märchenfiguren funktioniert. Rotkäppchen (Jana Hering) mutiert zwischendrin zur Ur-Mutter der Kernenergie, Dornröschen (Claudia Leutemann) wird nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten hochnotpeinlich befragt, ob sie denn nichts von all den Verbrechen mitbekommen habe. Ihre Antwort, geschlafen zu haben, ist – bei ihr entwaffnend naiv, weil märchenhaft wahr – eine Allegorie auf die schamlose Dreistigkeit derer, die vor 70 Jahren auch schon von nichts gewusst haben wollten. Dass die Frager Dornröschen das wiederum nicht abkaufen und sie (und damit Deutschland) vierteilen, wird einfach, aber eindrücklich in Szene gesetzt.

Natürlich steht am Ende einer solchen Premiere ausgiebiger, hart erarbeiteter Beifall. Der Geschichtsausflug war dabei unterm Strich aller Ehren wert. Dass Heimat natürlich für jeden einzelnen Zuschauer noch ganz andere Assoziationen bereithält, steht da zurück. Ganz nebenbei wurde aber auch eine Deutung der jüngsten Versammlungen und Äußerungen, die sich vor allem im Osten und gerade hier in Dresden gegen Flüchtlinge richten, vorgebracht, die Beachtung verdient: der Heimatverlust vieler Beteiligter vor 25 Jahren. Nachdenkenswert.

nächste Aufführungen: 13. und 14. Februar

www.spielbrett.info; www.rudi-dresden.de

Von Torsten Klaus

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