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Pralles Parallelleben - Das osteuropäische "Parallel Lives"-Festival startete in Dresden

Pralles Parallelleben - Das osteuropäische "Parallel Lives"-Festival startete in Dresden

Das Beste kommt am Ende: Quasi als abschließender Höhepunkt der alljährlichen, aber 2014 besonders dichten Dresdner Frühjahrsfestivalitis tobt am Wochenende das pralle Parallelleben durchs weiße Kleine Haus.

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Starker Start: Die Budapester Sputnik Shipping Company zeigten ihren "Reflex" im Parallelsystem Psychatrie.

Quelle: Ctibor Bachraty

Das "Parallel Lives"-Festival ist aber einerseits nicht nur durch die Einmaligkeit ein außergewöhnliches, sondern auch durch die politische Spannung. Denn sowohl Untertitel "Das 20. Jahrhundert durch die Augen der Geheimdienste" als auch Fokus auf sechs osteuropäische Ex-Bruder- und heutige EU-Staaten bergen Brisanz.

Sie wird durch drei Aspekte verstärkt: Die ersten beiden beschreibt Ján Simko, Kurator des ideengebenden Internationalen Theaterfestivals Divadelná Nitra, in seinem prägnanten Vorwort im fesselnden, 70-seitigen Programmheft: die Neuerfindung des Theaters in Osteuropa aufgrund der Misstrauenskrise in klassisch narrative Formen und die Beschränkung auf Stoffe zu aktenkundigen Einzelschicksalen. Dem dritten widmete Ilja Trojanow seine brillante Eröffnungsrede am Donnerstagabend: der aktuellen Verkennung der Massenüberwachung als Repressionsinstrument. "Nur bedingungslos Ja-Sagende haben nichts zu verbergen", prangert der gebürtige Sofioter Kultautor die epidemischen Ausmaße aktueller Untertänigkeit an. Der Beifall erstickt förmlich an persönlichen Betroffenheiten. Und Trojanow führt den Überwachenden geschickt ihr eigenes Paradoxon vor - purer Genuss, als Essay auch im Heft zu finden.

Reichlich 200 Zuschauer verfolgten den recht frühen Festivalstart, der sofort nach den Rede in die erste Aufführung überging. Das war gut so, denn so konnte sich das Publikum auf die vorderen 15 Reihen drängen, um die Übertitel der deutschen Übersetzung auf den beiden großen Flachbildschirmen am Rande gut lesen zu können. Nur vordergründig erstaunlich der Anteil der jungen Zuschauer - denn genau deren Nachfragen will sich das Festival stellen. So sind die meisten der eingeladenen Texter wie Regisseure derart unverdächtig jung, dass sie sich nicht übermäßig um Abstraktion mühen müssen. So ist der Regisseur Dániel D. Kovács Jahrgang 1982, sein Autor Péter Závada gar 1986. Dennoch gelingt ihnen mit "Reflex", dargeboten von elf Akteuren der Budapester Sputnik Shipping Company, die vor sechs Jahren von Viktor Bodo gegründet wurde und mittlerweile als eine der besten freien Truppen Ungarns mit ordentlicher internationaler Erfahrung gilt, der Spagat bei ihrer Reise in eine stilecht trostlose Psychiatrie der Vergangenheit. Und das mit Witz und Dramatik gleichermaßen.

Skurril das Personal: Klar gibt es Ärzte und Bedienstete, aber just ihre Patienten oder Opfer stehen ihnen in Sachen Beobachtung oder vermeintlicher Gefahr in nichts nach. In einem weißen Halbrund mit drei Türen, zwei Fensterklappen und Wänden aus durchlässigen Lamellen ist alles genauso clean wie transparent. Die Schizophrenie der vermeintlichen Staatsfeindin R.Z., die als Psychologin die böse westliche mit der guten Pawlowschen Methode verbinden will, gilt als Diagnose sowohl für die Besatzung als auch für die Gesellschaft. Und der Minister ist immer mittendrin, während im Radio per Staatsfunk die Theorien der Psychologin plötzlich gutgeheißen werden, tobt draußen der Mob - und auch drinnen wird ganz schnell umgeschwenkt. Das gelingt spielerisch - mit be- oder entschleunigten Massen-Tanzszenen (Choreografie: Máté Hegymegi) garniert - nicht immer rund, aber es wirkt dennoch als eindrucksvolles Panoptikum, bei dem der herzliche Beifall durchaus durch die beabsichtigte Betroffenheit gebremst wird.

Doch das kann durchaus noch übertroffen werden: Am heutigen Sonnabend vom Prager Nationaltheater mit "Toufar" (18 Uhr) oder vom Teatr Nowy aus Krakau mit "Follow me" (20 Uhr). Am Sonntag kommt SkRAT aus Bratislava und zeigt "Vnútro vnútra" (18 Uhr).

Außerdem gibt es - neben Publikumsgesprächen nach jeder Produktion - zwei Podiumsdiskussionen bei freiem Eintritt im oberen Foyer: Am Sonnabend (22 bis 24 Uhr) streiten DDR-Historiker Stefan Wolle, Publizistin und Piratin Anke Domscheidt-Berg und Netzaktivistin Anne Roth über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von NSA, Verfassungsschutz und Stasi. Am Sonntag (20 bis 22 Uhr) sind Stasi-Expertin Uta Leichsenring und Fotograf Jens Klein, dessen Ausstellung "Hundswege" in der Galerie Neue Meister in das Rahmenprogramm eingebettet wurde (Gespräche mit ihm vor Ort am Sonnabend, 11 Uhr, und am Sonntag, 12 Uhr), und Ilja Trojanow höchstselbst gefordert zu erklären, welchen Wert die offenen Akten haben - und wie man sie lesen muss oder darf. Spannender als Meisterschaften korruptiver Netzwerke südlich des Amazonas.

www.staatsschauspiel-dresden.de/spielplan/parallel_lives_festival_2014/

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.06.2014

Andreas Herrmann

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