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„Präludium und Unfug“ - Die Serkowitzer Volksoper präsentiert den Sinn im Unsinn in Dresden

Tassen auf dem Kopf „Präludium und Unfug“ - Die Serkowitzer Volksoper präsentiert den Sinn im Unsinn in Dresden

Seit 2011, wie jedes Jahr im Sommer, in der Dresdner Sommerwirtschaft Saloppe, auf dem Hang über der Elbe, kurz bevor die Dresdner Schlösser aufragen, lädt die Serkowitzer Volksoper ein zu ihrer nunmehr sechsten Sommerproduktion.

Marie Hänsel (l.), Cornelius Uhle und Dorothea Wagner haben in „Präludium und Unfug“ die Tassen nicht unbedingt im Schank, sondern auf den Köpfen.

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  Seit 2011, wie jedes Jahr im Sommer, in der Dresdner Sommerwirtschaft Saloppe, auf dem Hang über der Elbe, kurz bevor die Dresdner Schlösser aufragen, lädt die Serkowitzer Volksoper ein zu ihrer nunmehr sechsten Sommerproduktion. Dass man es hier mit der Oper nicht so ganz ernst meint, verraten schon Titel früherer Produktionen: „Joho Tralala“ oder „Die Entführung auf dem Jahrmarkt oder Mangelwirtschaft in Serkowitz“. Carl-Maria von Weber, Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Wolfgang Goethe standen Pate bei diesem „barrierefreien“ Opernvergnügen, denn für alle sollen diese musikalischen Sommerabende zugänglich sein – eben Volksoper.

In diesem Jahr nun, auch mit Blick auf das Bachfest in Dresden, „Präludium und Unfug – Ein Sandwich nach Johann Sebastian Bach“. Was zunächst nach Unfug klingt, ist dann doch alles andere als blanker Unsinn und entpuppt sich als augenzwinkerndes Wortspiel. Und so, wie ein gutes Sandwich eine bekömmliche Zwischenmahlzeit ist mit gut gewürztem und raffiniert abgestimmtem Belag, so sind diese 90 Minuten mit entsprechend raffiniert arrangierter, gespielter und gesungener Musik von Bach ein köstliches Vergnügen, bei dem ein gewiefter Schausteller mit hintersinnig gereimter Moderation die Sängerinnen und den Sänger wie barocke Puppen tanzen lässt.

Ganz klar, sie tanzen immer wieder gerne und genüsslich aus der Reihe. Natürlich muss die Musikgeschichte nicht neu geschrieben werden. Die findigen Initiatoren der Serkowitzer Volksoper, Wolf-Dieter Gööck und Milko Kersten, haben keine bislang verschollene Oper des Thomaskantors gefunden, dafür aber zwei seiner weltlichen Kantaten als bühnentauglich befunden. Eine davon ist die Kaffeekantate: „Schweigt stille, plaudert nicht“, die andere, „Mer hahn en neue Oberkeet“, die „Bauernkantate“.

In beiden geht es um Süchte, Kaffee, klar, Fressen und vor allem Saufen: in der Bauernkantate, diesem ironischen Lobgesang auf eine Obrigkeit, die sich mit verabreichtem Fusel ihre Untertanen gefällig und gefügig zu machen versteht. Bachs burleske Kantate thematisiert aber auch andere Dinge, die uns sehr bekannt vorkommen, wie das Gemauschel eines nicht ganz koscheren Steuereinnehmers. Also hat man beide Kantaten samt ein paar weiteren Stücken von Bach zu einer „Kabarettoper“, wie Dieter Beckert die Serkowitzer Kunst kommentiert, zu einer Handlung mit autoritärem Vater montiert, der seiner Tochter ihre kleine Kaffee-Sucht verbietet: Kaffee oder Mann, entscheide dich! Sie bekommt beides und der Alte einen Denkzettel. Denn derselbe, hochmoralische Typ, dieser alte Schlendrian, ist es, der vor seiner Obrigkeit zu Kreuze kriecht und von deren Fuseldrogen nicht genug bekommen kann, gemäß der Devise: Saufe, lass dich treten und tritt weiter nach unten!

Regisseur Wolf-Dieter Gööck ist dieser Schausteller, die Bühne ist ein Zirkuswagen. Gööck ist auch so etwas wie ein Coppelius, ein wenig diabolisch, in seinen zeitbezogenen, welt- und lokalpolitisch gewürzten Reimen auch mal verschmitzt wie Schwejk, und wenn nötig, unverbindlich wie ein Entertainer, der die Puppen, zu denen er die Menschen gemacht hat, aufzieht und tanzen lässt. Versagt die Technik, gibt es amüsanten Unfug. Coco Ruch hat für die Sängerinnen und den Sänger herrliche Barockfantasien entworfen, besonders gelungen die Kunst auf den Köpfen der Damen, ob sie alle Tassen im Schrank haben,ist zu bezweifeln, dass sie sie auf dem Kopf tragen, sieht man sehr amüsiert.

So wie von Wolf-Dieter Gööck die dramaturgischen und szenischen Impulse ausgehen, so von Milko Kersten mit der von ihm gegründeten und geleiteten Musi nad Labem die musikalischen. Und Kersten, grandios wie immer mit seinen Arrangements und Collagen, würzt am elektronischen Tasteninstrument mit so barockem wie zeitgemäßem Cembalosound den köstlichen Abend. Mit ihm musizieren die weithin geschätzte, barockerfahrene Oboistin Luise Haugk, die auch verschiedene Flöten spielt, und Florian Mayer, Violine, bekannt für seine genreüberschreitenden Improvisationen und speziellen Projekte im Tanz und im Theater.

So wie sich die Lust des Musizierens sehr schnell auf das Publikum überträgt, mögliche Zurückhaltungen in Sachen Bach sich schnell erledigen, so auch beim so sympathischen wie authentischen Gesang und Spiel der Protagonisten. Da ist die Sopranistin Marie Hänsel als Frau Schlendrian und ebenso als Geliebter ihrer Tochter Liesgen. Ihre Kollegin Dorothea Wagner ist Tochter Liesgen und dazu gendergerecht wie die Mutter auch noch ein Hauptmann der Wache, jener schlitzohrige Steuerrevisor, ein gnädiger Herr und die dazu gehörige Herrin.

Lediglich der Bariton Cornelius Uhle bleibt sich treu als ein Schlendrian mit komödiantischem Gespür und im Verein mit seinen Kolleginnen mit sehr erfrischendem Gesang.

bis 18. September, sonntags, 19.30 Uhr, Saloppe, Brockhausstraße 1

am 25. September, im Rahmen des Bachfestes Dresden, 20 Uhr im Kabarett Breschke & Schuch

www.serkowitzer-volksoper.de

Von Boris Gruhl

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