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Posthume Würdigung: Marcel Labbé in der Galerie Rahmen & Bild Maria Arlt Dresden

Posthume Würdigung: Marcel Labbé in der Galerie Rahmen & Bild Maria Arlt Dresden

Die posthume Würdigung des Künstler-Mediziners Marcel Labbé entstand in einer intensiven Zusammenarbeit mit dem Kulturhaus Château d'Orion, das einen Teil des künstlerischen Nachlasses zur Verfügung stellte.

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Marcel Labbé. Schreibende Dame, Federzeichnung laviert, 13,7 x 17,8 cm.

Quelle: Greta Levi

Das deutsch-französische Gästehaus schafft durch Begegnung Impulse für das Europa der Regionen. In Orion, einem Ort in der Provinz Béarn in Südwestfrankreich nahe der spanischen Grenze, erhebt sich das im 17. Jahrhundert errichtete Landschloss. Zu dessen Besitzern zählten vor allem im 19. Jahrhundert Kaufmannsfamilien und Mediziner darunter auch der Pathologe und Hämatologe Marcel Labbé (1870-1939).

Im Rahmen seiner medizinischen Tätigkeit forschte er in den Bereichen ernährungsbedingter Krankheiten sowie Diabetes. Durch die Heirat mit der Medizinertochter Marie Reclus reihte er sich in die Folge der Schlossbesitzer ein. Während Labbé die meiste Zeit seiner beruflichen Laufbahn in Paris und im Ausland verbrachte, nutzte er das Château d'Orion als Rückzugsort und Landsitz mit Freunden und Verwandten.

In der Region Béarn entstand ein Großteil seines aus Handzeichnungen, Aquarellen und Ölskizzen bestehenden Werkes. Es sind meist kleine Reiseformate und Skizzenbücher, in denen er Landschaft, Architektur, aber auch Alltagsdarstellungen und Bewegungsstudien festhält. So finden sich unter den Handzeichnungen auch Arbeiten, die auf genaue Beobachtungen zurückgehen.

"Schreibende Dame" lautet der Titel einer lavierten Federzeichnung, die ob ihres hohen Ausführungsgrades weit über den Status einer beiläufigen Skizze hinausragt und die Aufmerksamkeit des Betrachters erregt. Doch handelt es sich tatsächlich um einen Akt des Schreibens, mit dem die junge Frau gerade befasst ist? Der Versuch einer genauen Beschreibung des Blattes gibt Aufschluss: Eine junge Frau sitzt an einem Tisch, den Kopf konzentriert auf ein Blatt Papier gerichtet, die Augenlider gesenkt. Sie fixiert mit einer Hand den Bogen Papier auf dem Tisch vor ihr, um mit der anderen den Stift zu führen. Der Lichteinfall im Raum lässt sich anhand der Reflektion auf der Tapete und auf dem Boden des Zimmers nachvollziehen. Stofftapeten scheinen den Raumhintergrund in einem Streifenmuster zu gliedern. An den Partien, wo die Sonne zum Fenster eintritt und ihren ersten Verlauf nimmt - der Laibung und der Dielung des Bodens -, wird die Fülle und Intensität des Lichtes mit loser parallel geführter Pinselschraffur skizziert. Allein trockene, weitausgreifende Lavierungen genügen zur Andeutung eines lichtdurchfluteten Bodens. Wohingegen der Fond des Raumes hinter der jungen Frau im Schatten liegt und daher einer dichter gesetzten, lavierenden Schraffur eines Graus von höherem Schwarzanteil bedarf.

Überzeugend ist der Lichtverlauf auch auf der nahezu ohne Binnenzeichnung gegliederten Tischplatte umgesetzt. Zum eigentlichen Akteur des Lichts wird hier der bloße Papierton, der einen Eindruck absoluter Helligkeit hinterlässt. Doch weshalb ist die junge Frau an einem solch sonnigen Tag inmitten eines Zimmers in einen pelzverbrämten Mantel und festes Schuhwerk gekleidet? Die Vermutung liegt nahe, dass sie um der besseren Lichtverhältnisse willen das Fenster geöffnet hat, um eine direkte Sonneneinstrahlung ohne Spiegelung zu erhalten. Doch weshalb sollte sie zum Zweck des Schreibens einen solchen Aufwand betreiben? Es scheint genügend Licht in den Raum zu dringen.

Auffällig ist auch der Volant der Tischdecke, der lediglich an einer Schmalseite des Tischrandes herabhängt. An allen übrigen Seiten ist er unter der Tischplatte fixiert - es ist offenbar kein Schreibtisch - vielmehr scheint sich die junge Frau diesen aus einem Ensemble von Beistelltischen ausgewählt und an einen von ihr favorisierten Fensterplatz gestellt zu haben. Es ist einer jener Tische, wie sie sich für gewöhnlich am Rande eines repräsentativen Raumes befinden und daher auch nur eine Schauseite mit Volant aufweisen.

Doch weshalb sollte die junge Frau einen solchen Aufwand für das Verfassen eines kurzen Briefes betreiben? Betrachtet man die Handhaltung der vermeintlichen Schreiberin eingehender, fällt auf, dass sie den Stift beziehungsweise ihr Schreibgerät in einem sehr steilen Winkel, nahezu 90 Grad, auf der Papieroberfläche angesetzt hat, wie es vielmehr für den Vorgang des Zeichnens üblich ist. Der Schreibvorgang würde überdies neben einem flacheren Ansatzwinkel keinen solch distanzierten Griff des Schreibgeräts erfordern. Wir umfassen gewöhnlich den Stift so nah wie möglich am vorderen Schaft der Mine, um Druck und eine größere Kontrolle auf den Schreibvorgang ausüben zu können. Die junge Frau hingegen hält den Stift locker am hinteren Schaft, um eine freie aus dem Handgelenk kommende Bewegung vollziehen zu können, die auf den Vorgang des Zeichnens hinweist.

Aber nicht allein die Tatsache, dass Labbé uns hier die Voraussetzungen des Zeichenaktes in aller Genauigkeit schildert, er selbst führt uns mittels seines eigenen Duktus in dieser Arbeit einen Großteil des Repertoires des Zeichners vor: Dieses reicht von einem wässrigen Grauton in feinster (Stahl)Feder ausgeführter Binnenkontur der Schattenschraffuren auf dem Gesicht der Zeichnerin bis hin zu großflächigem Pinsellavis in dunklem Grau mit hohem Schwarzanteil im Saum ihres Mantels. Marcel Labbé lässt den Betrachter die Varianz und das Prinzip des Mediums der Zeichnung erleben und letztlich die Selbstreferenzialität der Arbeit.

Ausstellung "Marcel Labbé (1870-1939) - Arzt und Künstler", Galerie Rahmen & Bild Maria Arlt, Bautzner Landstraße 28. bis 6. Februar; Dienstag bis Freitag 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2015

Greta Levi

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